Der 13. August : Was nicht zu zählen ist

Rituale sind wichtig, denn sie halten im Gedächtnis, was sonst verfliegt. Also ist es richtig, dass an diesem Donnerstag Kränze an den Gedenkstätten für die Mauertoten niedergelegt werden, das grausame Bauwerk abermals in Erinnerung gerufen und vielfältig gewürdigt wird, und selbst der Jahr für Jahr wiederkehrende Disput über die Zahl der Opfer soll uns recht sein. Nur dass Rituale auch Gefahr laufen, die Bedeutung historischer Gedenktage zu reduzieren und der Verdrängung Vorschub zu leisten.

Hermann Rudolph

Hat denn die Mauer nur diese Stadt geteilt und den Tod vieler Menschen verursacht? Was mehr und mehr in den Hintergrund zu treten droht, ist ihre wahrhaft monströse Rolle in jener Welt von gestern, die wir hinter uns haben. Sie war die zu Beton und Zement gewordene Bedingung eines Systems, das achtzehn Millionen Menschen bald dreißig Jahre lang seinen Willen aufzwang und darüber hinaus unnachsichtig eine Welt teilte. Sie hinderte die Menschen, zum Beispiel, nicht nur am Reisen, am freien Studieren und Sich-Informieren, obwohl das alles ärgerlich genug war. Indem sie den Menschen die Möglichkeit vorenthielt, ihr Land zu verlassen, griff sie in gewisser Weise auch an die Wurzel des Bedürfnisses, anders zu leben, als es die DDR wollte, also grosso modo: wie sie selbst es wollten. Weshalb das große Wort gilt, dass zu den Opfern der Mauer nicht nur die gehörten, die an ihr starben, sondern auch die, die mit ihr leben mussten.

Zu pathetisch? Unfair gegenüber dem Leben in der DDR, das seine eigenen Möglichkeiten suchte und fand – und dabei die Mauer im Alltag ja auch weitgehend ausblendete? Gewiss, die DDR war nicht die Mauer. Aber ohne Mauer hätte es die DDR nicht gegeben, jedenfalls nicht so, wie sie war. Es mag auch nicht nur ein Einfall der Geschichte gewesen sein, dass der ganze Ostblock zusammenbrach, als die Mauer fiel. Es ist die schlimme Wahrheit dieses 13. August 1961, dass an ihm der Schlussstein der deutschen und europäischen Teilung gesetzt wurde. Von der Geschichte Deutschlands und des Kontinents Besitz genommen hatte sie schon früher. Aber mit diesem Tag gewann sie den finalen Lasst-alle-Hoffnung-fahren-Charakter, und zwar so unabänderlich, dass man sie schließlich aus Deutschland und Europa nicht mehr wegdenken konnte, ja, wollte.

Mit den Folgen dieses Tages haben wir noch immer zu tun, obwohl doch auch die Älteren sich bei der Erinnerung an ihn schon ins Ohrläppchen zwicken müssen, um sich zu vergewissern, dass sie ihn erlebten, und er für die Jungen vermutlich in der Kategorie von Fantasy-Literatur rangiert. Denn nichts anderes als die Überreste der Mauerzeit sind die Probleme, die die Deutschen heute miteinander haben: die Ungleichgewichtigkeit zwischen Ost und West, die vielfältigen Formen des Missverstehens, der Trauerrand, der sich immer wieder des Glückes der Wiedervereinigung bemächtigt. Es ist gerade die historische Dimension dieses Tages, die in unserer Gegenwart noch fortwirkt. Bis in den Wahlkampf.

Es gehört sich, an diesem Tag derer zu gedenken, die an der Mauer ihr Leben verloren habe. Aber seine Botschaft zielt weiter: auf die Bewältigung der Aufgabe, die die Zeit der Teilung der Bundesrepublik hinterlassen hat. Das sollte gerade in Berlin verstanden werden, in dem sich Weltgeschichte und Lokalgeschichte gegenseitig durchdrungen haben. Und eine ausreichende Finanzierung für die Gedenkstätte Hohenschönhausen wäre auch angemessen.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben