Zeitung Heute : Der 14-jährige Matthias Mehldau startet heute mit Freunden einen Radiosender im Internet

Chaban Salih

Die Kids haben sich bei der Software-Firma "Convergence" in Berlin-Mitte eingerichtetChaban Salih

Im Zehnfingersystem tippt Matthias Mehldau Buchstaben- und Zahlenkombinationen in die Tastatur. Ab und zu schaut er vom Bildschirm hoch und spricht mit einem Kollegen, während seine Finger weiter blitzschnell über die Tasten springen. Mehldau wartet nicht, bis sich die Windows-Oberfläche auf dem Bildschirm aufbaut, er gibt seine Befehle im MS-DOS-Modus ein. "Ich arbeite ausschließlich so", erklärt er, "man braucht keine Maus, es gibt nur Text und keine Grafiken. Das geht schneller und so kann ich Zeit sparen."

Zeit sparen? Hat Mehldau, gerade 14 Jahre alt, nicht genügend davon, schließlich sind Osterferien? Er hat in der Tat eine Menge zu tun. Von heute bis zum 30. April richtet der Achtklässler mit fünf Freunden das Radio "Chaos over IP" im Internet ein, das rund um die Uhr on air sein soll. "Jetzt in der heißen Phase der Organisation bis zum letzten Sendetag werde ich wohl nur noch wenig schlafen", sagt er.

Bei der Software-Firma "Convergence" in Berlin-Mitte haben sich Matthias und Co. eingerichtet. Von dort senden sie mit sechs Computern, einem Plattenspieler, Mischpult und Mikrophonen. "Matthias ist ein heller Kopf", sagt Convergence-Mitarbeiter Martin Springer, "der wird auch als Schüler keine Probleme haben, große Sachen zu machen". Genug Erfahrung, zumindest mit Computern, habe Matthias ja. Schon mit sechs Jahren entbrannte seine digitale Leidenschaft. "Vor acht Jahren holte sich mein Vater so einen uralten Amiga", sagt er, und der Oldtimer-Rechner sorgte dafür, dass der Junge seine ersten Gehversuche am Computer machte, ehe er lesen und schreiben konnte. Es dauerte nicht lange, bis er mehr von der Maschine verstand als sein Vater. "Leute kamen mit Fragen zu mir und ich habe sie beantwortet", sagt er. Mit zwölf Jahren bekam er dann endlich den ersten eigenen Computer.

Vor etwa einem Jahr besuchte Matthias die Berliner Computer-Messe "Combär", wo er jemanden vom "Chaos Computer Club" (CCC) kennenlernte. Wenig später wurde er das jüngste Mitglied der Hacker-Vereinigung in Deutschland. Das ist er bis heute. Das Chaos finden beim CCC alle gut, und weil gerade so viel über voice over IP - telefonieren über das Internet - geredet werde, war es für Matthias nahe liegend, das Radio "Chaos over IP" zu nennen. Beim Klub begegnete Matthias auch Martin Springer. "Es ist ganz normal, dass er bei uns alten Herren mitmacht", sagt er.

Als Matthias im Februar von dem Jugendaktionswettbewerb "Alex" gehört hatte, kam ihm die Idee mit dem Internet-Radio. "Ich wollte da unbedingt mitmachen", sagt er, "für mich kam natürlich nur das Thema Internet in Frage". Matthias verfolgt dabei fast schon ein pädagogisches Ziel: "Es gibt zu viele Menschen, die keine Ahnung haben. E-Mails schreiben und Windows bedienen ist nicht alles." Und denen möchte er auf die Sprünge helfen.

Den Sender wird man ohne große Schwierigkeiten empfangen können. Wer einen MP3-Player hat, kann sofort ins Live-Programm. Wer nicht, muss sich den Player aus dem Internet herunterladen. Einmal angeschaltet, kann man den Sender dann auch beim Surfen auf anderen Seiten hören. Ein Drittel des Sendeinhalts soll aus Wortbeiträgen bestehen. Das ist recht ehrgeizig. Immerhin acht Stunden täglich mit hörenswerten Informationen über die Neuen Medien zu füllen, wird nicht einfach sein. Das weiß auch Matthias. Talk-Gäste vom CCC sind eingeladen, andere Projekte aus dem "Alex"-Wettbewerb sollen vorgestellt werden. Auch Ausgehtipps für Berliner Jugendliche werden zu hören sein. Matthias moderiert das Ganze. Der Rest ist Musik. "Wer sich bei uns einklickt, kriegt seine Lieblingssongs", verspricht Matthias. Die Hörer müssen einfach nur eine Mail schicken. "Und wenn wir in unserer CD-Sammlung einmal nichts finden, laden wir das Lied aus dem Internet runter", sagt Matthias. So soll das Radio näher am Hörer sein. "Das ist mit Sicherheit ein Vorteil gegenüber dem herkömmlichen Rundfunk", sagt Matthias. Zudem sei es für die Macher billiger. Nicht zuletzt kann man "Chaos over IP" und andere Internet-Radios im Gegensatz zum traditionellen Radio problemlos in der ganzen Welt empfangen. Der Nachteil ist, daß die Hörer mehr Geld zahlen müssen. Zwar gibt es keine Extragebühren bei "Chaos over IP", aber die Leitung ins Netz kostet eben. Wenn sich dennoch viele Hörer finden und das Programm ein Erfolg wird, kann sich Matthias vorstellen, in Zukunft wieder ein Internet-Radio auf dem Markt zu bringen.

Doch nach den Ferien ist erst einmal wieder die Schule angesagt. Genauer gesagt: Dann geht es eine Woche lang auf Klassenfahrt. Matthias bangt jetzt schon: "Ich weiß gar nicht, wie ich die sieben Tage ohne Computer aushalten soll." Im nächsten Jahr wird Matthias das Informatik-Wahlpflichtfach an seiner Schule besuchen. Wer wird da wohl wem etwas beibringen? Matthias lacht und sagt: "Keine Angst, wir haben sogar einen Lehrer, der davon ein bisschen Ahnung hat."Das Radio im Internet unter

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