Zeitung Heute : Der Abschied alter Männer

Marcel Reif blickt täglich auf die Spiele voraus

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Zwei alte Männer. Und zwei Mannschaften, die nicht trotz dieser alten Männer im Halbfinale stehen, sondern wegen dieser beiden. Luis Figo und Zinedine Zidane sind es, die dieses Spiel bestreiten. Und sie werden noch einmal zeigen, was sie können. Man hatte das vor dem Turnier ja schon fast vergessen; vergessen, dass es Weltfußballer waren, gewählte Weltfußballer. Und nun zeigen beide noch einmal, warum.

Befreit spielt der eine auf, der Zidane, fast trotzig. Es hat diese Ungeheuerlichkeit gegeben, als Trainer Domenech seinen wunderbarsten Fußballer eine Minute vor Spielschluss vom Platz holte. Eine Respektlosigkeit sondergleichen, aber wenn es Absicht war, um ihn und die gesamte Mannschaft zu kitzeln, zu Weißglut und Leistung zu treiben, dann war es wohl die perfideste Motivation, die man sich vorstellen kann. Es gibt kein Indiz dafür, dass ein anderer Plan hinter Raymond Domenechs Unverschämtheit stand, als eine Machtdemonstration. Aber es gibt eine Mannschaft, die eine Reaktion gezeigt hat. Es ist eine Reaktion der Verehrung und der Verbeugung vor ihrem Größten.

Und gegenüber tanzt Figo, mit Leichtigkeit, mit Fröhlichkeit, mit Lust. Der Gute wird ja nun bald als größter Melancholiker in die Annalen des Fußballs eingehen, aber er verabschiedet sich mit Strahlkraft. Der Letzte einer Generation, die alles versprach und nichts halten konnte. Es gibt nichts Belastendes mehr, kein Druck auf den Schultern, keine Hypotheken. Die neue Mannschaft um Deco, um Ronaldo, taugt nicht mehr für Kitschromane, die taugt für Nüchternheit und wirklich guten Fußball. Und Luis Figo führt sie in die neue Zeit.

Zwei alte Männer. Zwei würdige alte Männer, die heute Abend auf Abschied gehen. Es gibt gefühllosere Konstellationen für ein Fußballspiel.

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