Zeitung Heute : Der Abschied

IRGENDWIE, IRGENDWO, IRGENDWANN

Matthias Kalle

Eine Generation weiß nicht wohin – einer macht sich schon mal auf den Weg

Eigentlich ist es ja auch völlig egal: wo man lebt, und wie. Ob man liebt, und wen. Was man besitzt, und wovon man sich trennt. Großmutter hatte einmal zu den Dingen des Seins recherchiert und kam zu dem nicht ganz verblüffenden Schluss: „Das letzte Hemd hat keine Taschen mehr.“ Die Hemden, die ich hauptsächlich trage, haben immerhin eine Brusttasche, da passen meine Zigaretten rein, aber das war es dann auch schon. Nach dem Leben, so viel steht immerhin fest, ist mit dem Rauchen Schluss.

Ich habe Landy erzählt, dass ich weggehe, dass ich Minden verlassen werde, wieder, wie vor acht Jahren schon einmal. „Wo geht die Reise hin?“, fragte Landy – so unaufgeregt, undramatisch und nebenbei, als wolle er mich fragen, ob ich mich vor oder nach dem Duschen rasiere. „Nach München“, antwortete ich und Landy sagte: „Ach.“ Mehr nicht. „Willst du denn gar nicht wissen, warum?“, fragte ich ihn. „Ja, nu“, sagte Landy, und das bedeutet in etwa: Ganz egal, was du tust – es geht schon in Ordnung. Einmal bin ich, ist schon Jahre her, mit einem Mofa in den Mittellandkanal gefallen und als ich Landy davon erzählte, da sagte er: „Ja, nu.“

Fast drei Monate lebe ich jetzt wieder in Minden und am Ende erinnerte ich mich vor allem an eines: Wie groß die Sehnsucht war, damals, als ich 17, 18 war, die Sehnsucht, diese Stadt zu verlassen, die Sehnsucht nach der Suche nach Glück. Das hatte ich wohl vergessen und in den drei Monaten habe ich mich daran wieder erinnert. Und in München, da fand ich das Glück und mein Entschluss steht jetzt fest: Da gehe ich wieder hin, hole mir, was mir zusteht und alles andere wird passieren – Berlin fehlt mir ja auch. Auf eine Art.

Die eigentliche Frage lautet doch: Wie will ich leben? Wenn man diese Frage beantwortet hat, dann ergibt sich auch alles andere. Wie also will ich leben? Da unterscheide ich mich dann wohl doch nicht von den männlichen Deutschen in meinem Alter, leider. Ich will in einer Großstadt leben. Ich will ausgehen können, ohne mich zu langweilen und Menschen kennen lernen, bei denen ich nicht sofort einen Ermüdungsbruch in beiden Beinen erleide. Ich will einen guten Frisör und erstklassige medizinische Betreuung. Ich will kulturelle Angebote nutzen und die Möglichkeit haben, mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu einem Spiel der ersten Fußballbundesliga fahren zu können. Ich will einer beruflichen Tätigkeit nachgehen, die für einen bestimmen Kreis von Menschen eine Bedeutung hat, die den Wert dieser Arbeit schätzen. Ich will mich um meine Wäsche selber kümmern und dafür verantwortlich sein, was ich esse. Verlangt man damit am Ende etwa zu viel?

Wie wird, fragt der Protagonist des Buchs „Schande“, das Urteil des Universums über mich ausfallen? „Kein schlechter Mann, aber auch kein guter. Nicht kalt und nicht heiß, sogar in seinen hitzigsten Momenten. Zu wenig Feuer.“ Ja nu.

Es muss weitergehen, morgen fängt es an. Ich nestle an meiner Hemdbrusttasche herum, hole eine Zigarette heraus, zünde sie an und schaue mich um. Wo bin ich eigentlich? Und was mache ich hier? Vielleicht werde ich einmal davon berichten.

Irgendwie, irgendwo, irgendwann.

Matthias Kalle verlässt seine Heimatstadt Minden und zieht nach München. Wer ihm zum Abschied schreiben will: Sonntag@Tagesspiegel.de . Am nächsten Sonntag: Briefe seiner Leser.

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