Zeitung Heute : Der Acker der Geschichte

Der Wiener Heldenplatz ist das Herz Österreichs: Hier feierten sie Hitler, hier pflanzen sie jetzt Salat, um an die harten Kriegsjahre zu erinnern. Ortsbesichtigung zum 50. Geburtstag des Landes

Markus Huber[Wien]

Die Helden sind weg. Das ist bemerkenswert, denn eigentlich sind sie vor 140 Jahren gekommen, um zu bleiben. 1860 und 1867 wurden die beiden mächtigen Reiterstatuen von Erzherzog Karl und Prinz Eugen auf dem Platz vor der Neuen Hofburg aufgestellt, sie waren Helden der K.-u.-k.-Donaumonarchie, und so bekam der Platz, der zuvor ganz salopp „Neuer Paradeplatz“ hieß, einen neuen Namen – Heldenplatz.

Doch jetzt sind sie weg, verschwunden, versteckt unter zwei überdimensionierten Holzkuben. Der Heldenplatz im Mai des Jahres 2005 ist vollkommen heldenfrei, und vielleicht ist das auch Programm in diesem Jahr, in dem in Österreich nicht nur die Erinnerung ans Kriegsende gefeiert wird, sondern in einem Aufwasch auch gleich noch das 50-jährige Gründungsjubiläum der Zweiten Republik, die Staatsvertragsunterzeichnung, die Österreich im Jahre 1955 die volle nationalstaatliche Souveränität brachte, und der Beitritt zur Europäischen Union 1995.

Statt der Helden sind an diesem Donnerstag, dem 12. Mai, viele ganz normale Menschen auf dem historischen Platz im Zentrum Wiens anzutreffen. Es ist sonnig, der erste wirklich warme Tag in diesem Jahr, und der Wind, der von der Hofburg her in Richtung des schmalen Grünstreifens am äußeren Ende des Heldenplatzes weht, nimmt den Geruch von Pferdeäpfeln mit, die von den Fiakergäulen auf ihrem Weg quer über den Heldenplatz zurücklassen werden.

Der Geruch nach Mist und Dünger stört hier niemanden, im Gegenteil, er passt hervorragend zur Arbeit, die die Menschen gerade verrichten. Der Grünstreifen des Heldenplatzes ist seit dem 8. Mai nämlich ein Acker, und darum stehen an diesem Donnerstag auch ein knappes Dutzend Wiener, mit Spaten und Rechen bewaffnet, vor der Hofburg und pflanzen Karotten, Radieschen und Salat.

Sie tragen Jeans und Turnschuhe, eine besonders gewitzte Frau um die 50, offensichtlich mit reichlich Kleingartenerfahrung, hat sogar Gummistiefel an, und sie arbeiten alle mit großem Eifer an ihren Beeten. Knapp 60 Parzellen sind es, die sich hinter dem halbhohen Verschlag aus Sperrholz auftun, voneinander abgetrennt nur durch grüne Seile, jede nicht größer als zwei, vielleicht drei Quadratmeter. Was sie mit ihrer Ernte, die ja nicht gerade groß ausfallen wird, tun werden? „Ein paar Salate werden sich schon ausgehen“, sagt die kleingartenerfahrene Frau Sonja, die in ihren Jeans so eingezwängt wirkt, als würde sie sonst nicht viel Salat essen: „Außerdem mache ich das ja alles vor allem wegen dem Spaß. Ich finde es einfach eine tolle Idee von der Stadt, dass man jetzt hier am Heldenplatz Gemüse anpflanzen kann.“

Das fanden offenbar viele Menschen lustig, denn als der Wiener Stadtradiosender „Radio Wien“ vor ein paar Wochen die 60 Parzellchen verloste, war der Andrang enorm. Warum um alles in der Welt ausgerechnet am Heldenplatz, wo normalerweise große Schilder darauf aufmerksam machen, dass „Betreten verboten“ ist, plötzlich ein Acker angelegt wird, weiß Frau Sonja freilich nicht: „Ehrlich gesagt, keine Ahnung.“

Irgendwie passt das auch ziemlich gut zu dieser Aktion, die selbst wiederum gut zum ganzen Gedenken-Gedanken-Veranstaltungstrubel passt, der derzeit in Österreich herrscht. Wo so viel zu feiern ist wie derzeit in Österreich, verwischen offenbar die Grenzen. Woran genau wie erinnert wird, weiß im Moment keiner mehr genau, und vielleicht ist das auch ganz gut so, denn manche der Aktionen sind, vorsichtig gesagt, etwas seltsam.

Erst vor ein paar Wochen wurde in Wien auf dem Stephansplatz des Kriegsendes gedacht, indem riesige Projektoren auf die Häuserfassaden Bilder von zerbombten Häusern aus dem Jahre 1945 projizierten. Dazu gab es vom Band den martialischen Sound der angreifenden alliierten Bomber. Ein paar Kilometer von der Innenstadt entfernt, im Park rund um das Schloss Belvedere, weiden zur Zeit 15 Kühe – die sollen daran erinnern, dass sich die sowjetischen Soldaten zwischen 1945 und 1955 an diesem Wiener Kulturdenkmal vergriffen haben, indem sie ihre banalen Verpflegungskühe über eine gepflegte Wiener Weide spazieren ließen.

Oder ist das alles vielleicht doch ganz stimmig? Verraten sie mehr über Österreich, als sie sollen? Wenn man in diesen Tagen über den Heldenplatz geht, dann sieht man sofort ein riesiges Transparent. Es ist ganz schwarz, überlebensgroß, und es hängt über einem Balkon, den die meisten Österreicher aus ihren Geschichtsbüchern kennen: Auf diesem Balkon stand am 16.März des Jahres 1938 Adolf Hitler und nahm die Huldigungen von Hunderttausenden entgegen, die bewiesen, dass für die meisten Österreicher der Anschluss an Deutschland keineswegs eine erzwungene militärische Annexion war. Auf dem Transparent steht: „Den Opfern des Nationalsozialismus“.

Dass sich Österreich gern als das erste Opfer des Nationalsozialismus sehen und damit von lästiger Vergangenheitsbewältigung befreien würde, haben Intellektuelle wie André Heller schon in den 80er Jahren festgestellt. Erich Fried hat unter dem Titel „Heldenplatz“ ein Gedicht verfasst, in dem der Platz zu einer Metapher für die dunkle Seite des österreichischen Geschichtsbewusstseins und seine Doppelbödigkeit wird.

Der Dichter Thomas Bernhard hat in seinem Stück „Heldenplatz“ eine polemische Abrechnung mit dem Österreich der Nachkriegsgeschichte geliefert, die im zweiten Akt im Satz „Es gibt jetzt mehr Nazis in Wien als 38, du wirst sehen, alles wird schlimm enden“, gipfelt. Wie Recht Bernhard tatsächlich hatte, wurde schon nach der Uraufführung im Wiener Burgtheater klar, als sich im Staatssender ORF Passanten über das „Judenstück“ aufregen durften.

Der Heldenplatz des Jahres 2005 wird das Österreich von heute moralisch nicht belasten, so viel steht fest. Das Transparent an der Hofburg ist ordentlich festgezurrt, keine noch so starke Windböe kann ihm an diesem Nachmittag etwas anhaben. Den Spruch „Den Opfern des Nationalsozialismus“ kann man noch vom Volksgarten aus lesen, und wer diese Opfer nach gängiger Volksmeinung sind, wird klar, ohne dass man die Kleingärtner auf der Wiese fragen muss: Die Opfer sind die Österreicher selbst.

Die Reiterstatuen wurden nämlich nicht verhüllt, weil das offizielle Österreich in diesen Tagen keine Helden sehen will, sondern als Erinnerung an den Bombenkrieg – 45 hatten die Nazis Prinz Eugen und Erzherzog Karl sogar einbetoniert, um sie vor alliierten Bomben zu schützen. Und auch die Kleingartenanlage selbst ist eine Hommage an die harte Nachkriegszeit, sagt der Initiator Wolfgang Lorenz, ein gebildeter Mann in seinen 50ern, der erst im Vorjahr für das Kulturprogramm der Europäischen Kulturhauptstadt Graz verantwortlich zeichnete. „Nach dem Krieg war der Kampf ums Überleben nicht vorbei, er ging erst richtig los. Wien war die hungrigste Stadt Europas“, sagt Lorenz. Schon klar, aber ob das Leiden der Nachkriegsjahre das richtige Thema für eine Erinnerung anlässlich des Jahrestages des Kriegsendes ist?

Wenn man sich heute auf dem Heldenplatz umschaut, kann man das Land vielleicht besser verstehen als an irgendeinem anderen Ort in der Republik. Da ist zunächst einmal die Größe – der Heldenplatz umfasst spielend sechs, vielleicht sieben Fußballfelder, der Berliner Gendarmenmarkt ist im Vergleich dazu beinahe ein Winzling. Auf der Stirnseite tun sich die imperialen Prachtbauten der K.-u.-k.-Dynastie auf, die neue Hofburg, rechts davon der alte Leopoldinische Trakt, rechts das Burgtor, das heute als Kriegerdenkmal für Österreichs gefallene Soldaten dient. Im hinteren Bereich öffnet sich der Platz dann in Richtung Volksgarten und gibt den Blick frei in Richtung Ringstraße, Parlament, Rathaus und Burgtheater. Dazwischen traben die Fiakergäule herum, alles sieht aus wie in einem riesigen Freilichtmuseum der versunkenen Habsburger-Ära. Aufgrund seiner Geschichte ist der Heldenplatz einer der Touristenmagneten der Stadt, und deswegen ist man hier trotz der Größe nie allein. Immer wieder schubsen einen Busladungen voll Touristen zur Seite, zur Zeit ist die Dichte rucksacktragender Italiener fast noch höher als die kameraschwenkender Japaner. Es ist ein Platz von imperialer Größe, und das gefällt der österreichischen Seele noch besser als Seriensiege beim Skifahren oder ein Triumph beim Fußball über Deutschland.

Andererseits wird am Heldenplatz aber auch die Kleinheit dieses Österreichs der Zweiten Republik deutlich. Die wichtigsten Schaltstellen des Landes haben nämlich mittlerweile ebenfalls hier Platz. So residiert der Bundespräsident in der Hofburg, der Kanzler blickt von seinem Schreibtisch ebenso auf den Heldenplatz wie die Außen- und die Innenministerin.

„Österreich ist frei“, hatte damals nach der Unterzeichnung des Staatsvertrags 1955 Bundeskanzler Leopold Figl vom Balkon des Belvedere der jubelnden Menge zugerufen. Der O-Ton wird in diesen Tagen gerne im österreichischen Radio gespielt, und zwar nicht nur in den Nachrichten, sondern vor allem auch in der Werbung. Figl hatte damals ziemlich genuschelt, und so kann man den Satz, wenn man ihn heute hört, auch so verstehen: „Österreich ist klein.“

Der Heldenplatz ist einer der symbolischsten Plätze Wiens. Das hat vor allem mit Adolf Hitler zu tun. Zwischen 1945 und 1955 paradierten dort dann die Sowjets, von denen die Österreicher nie genau wussten, ob sie nun eigentlich Befreier oder Besatzer sind. Seit 1955 müht sich das demokratische Österreich mit dem Heldenplatz. Er hat typisch österreichische Skurrilitäten erlebt wie den Empfang des Skiidols Karl Schranz, der 1972 von den Olympischen Spielen in Sapporo ausgeschlossen wurde, weil er einen Werbevertrag unterzeichnet hatte. Der Empfang für Schranz war der größte Menschenauflauf seit Hitlers Begrüßung. Auf dem Heldenplatz demonstrierte auch das aufrechte Österreich 1993 mit einem Lichtermeer gegen die grassierende Fremdenfeindlichkeit und im Jahr 2000 die vereinigte Linke gegen die Bildung der noch amtierenden Mitte-rechts-Koalition. Einmal im Jahr bemüht auch das österreichische Bundesheer die Strahlkraft des Heldenplatzes. Die jährliche „Leistungsschau“ zum Nationalfeiertag am 26. Oktober gewinnt dabei angesichts des verrottenden Kriegsgeräts von Jahr zu Jahr an unfreiwilliger Komik.

Und so passt irgendwie auch die Kleingärtner-Gedenkaktion ganz gut auf diesen Platz, weil sie das Image Österreichs fördert, das das Land in diesen Tagen vermittelt. In den TV-Dokumentationen, die über die Geschichte des Landes abgespielt werden, sind immer erst einmal sehr viele Trümmerbilder zu sehen, die dann in große Industriekomplexe übergehen und irgendwann in Aufnahmen von High-Tech-Labors enden. Die Botschaft ist klar: Wir hatten es nicht leicht, aber mit großer Anstrengung haben wir es geschafft – wir sind stolz. Es ist kein Zufall, dass in diesen Tagen immer wieder Bilanzen gezogen werden, dass Österreich zu den reichsten Ländern Europas gehört, Wiens Lebensqualität weltweit auf Platz drei liegt – und Österreich obendrein in den meisten wirtschaftlichen Kennzahlen Deutschland überholt hat.

Trotz des „Spaßes“ schwitzen Frau Sonja und ihre Gärtner-Freunde an diesem Donnerstagnachmittag heftig, während sie die Radieschen beackern. „Es ist eine ziemliche Fitzelei“, sagt Frau Sonja, weil die Beete eben sehr klein sind. Man müsse sich ordentlich anstrengen, um auf dieser kleinen Fläche einen Salat zu bekommen, sagt sie. Um fünf Uhr macht sie Feierabend.

Die Reiterstandbilder werden übrigens noch eine Zeit lang verborgen bleiben. Wenn sie dann wieder in alter Pracht auf dem Heldenplatz strahlen, wird die Sache für Abergläubische interessant werden. Denn bislang hatten die beiden Stein Gewordenen – Prinz Eugen und Erzherzog Karl – Österreich wenig Glück gebracht. 1860, kurz vor der Montage von Erzherzog Karl, hatten die Habsburger bei Solferino eine schmerzliche Niederlage gegen die Italiener erlitten. Kurz nach der Errichtung des Prinz-Eugen-Denkmals zogen die Habsburger in die Schlacht bei Königgrätz. Auch die verloren sie. Gegen Deutschland. Aber das wird im Österreich des Jahres 2005 nicht erwähnt.

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