Zeitung Heute : „Der Afrikaner ist stolz“

Anthony Baffoe hat eine aufregende WM hinter sich. Als Ghanas Teammanager erlebte er den Vorrundensieg gegen die Tschechen und das unglückliche Aus gegen Brasilien hautnah mit. Die nächsten Ziele sind bereits gesteckt: Den Afrika-Cup 2008 im eigenen Land soll Ghana gewinnen und anschließend in Südafrika Weltmeister werden.

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Anthony Baffoe, noch sehr traurig nach dem Ausscheiden Ghanas?

Ich weiß nicht, ob ich traurig sein soll – oder happy. Eines steht immerhin fest: Wir haben etwas Großes geleistet und Ghana und den afrikanischen Kontinent sehr gut repräsentiert.

Sieht man das in Ghana ähnlich?

Die Spieler sind begeistert empfangen worden. Letztendlich hat keiner damit gerechnet, dass wir so weit kommen. Wir haben Tschechien geschlagen, einen Geheimfavoriten auf den Titel!

Was muss passieren, damit Ghana bei der nächsten WM noch mehr erreichen kann?

Es ist unser Ziel, die Mannschaft zusammenzuhalten und mit ihr ins nächste Turnier zu gehen. Darüber hinaus wollen wir junge Spieler besser scouten. Wir müssen daran arbeiten, dass die Gerald Asamoahs, David Odonkors und Kevin Boatengs in Zukunft für Ghana spielen.

Im Vorfeld wurde das Fehlen der stärksten afrikanischen Teams, etwa Kamerun, Nigeria und Senegal, beklagt. Kränkt sie so etwas?

Nein. Die Leute, die so etwas sagen, erzählen generell sehr viel. Ghana hat eine lange Fußballhistorie, wir werden nicht umsonst die „Brasilianer Afrikas“ genannt. Aber es stimmt: Kamerun, Nigeria und auch Senegal waren die Pioniere. Sie haben uns die Türen geöffnet, dank ihnen hat Afrika fünf Mannschaften im Turnier.

Und nun wird 2010 in Südafrika eine afrikanische Mannschaft Weltmeister?

Sehr wahrscheinlich. Wir spielen auf unserer Erde. Zudem werden wir den hundertprozentigen Support unserer Zuschauer haben. Aber bis dahin gibt es Prüfsteine: 2008 findet der Afrika-Cup bei uns in Ghana statt, den müssen wir einfach gewinnen!

In Togos WM-Quartier wurde erbittert um Prämien gefeilscht, Spieler streikten, Trainer Otto Pfister schmiss erst hin und kehrte dann zurück.

Das hat mich sehr geärgert. Togo ist keine schlechte Mannschaft. Aber in solch einem Umfeld kann man keine Top-Leistung bringen. Und dann passiert so etwas auch noch auf der offenen Weltbühne. Das tut Afrika nicht gut, das tut Togo nicht gut. Ich hoffe, man zieht seine Lehren daraus.

Ist es an der Zeit, dass namhafte Trainer aus Europa nach Afrika gehen und Abenteurer wie Otto Pfister ablösen?

Auf jeden Fall. Ich fände es toll, wenn zum Beispiel Sven-Göran Eriksson eine afrikanische Mannschaft übernehmen würde. Es wäre wichtig, dass Leute wie er langfristig arbeiten können. In Afrika engagiert man einen Trainer am Mittwoch und will, dass er am Donnerstag gewinnt. Wir brauchen mehr Kontinuität.

Was brauchen die Trainer?

Nur mit Disziplin kommt man in Afrika nicht weiter, man muss sie mit der afrikanischen Lockerheit vermischen. Man muss auf die Menschen zugehen können. Der Afrikaner ist stolz und sensibel. Nicht jeder Trainer findet diesen Mittelweg.

Vielleicht ein Job für Jürgen Klinsmann?

Klinsmann ist ein mutiger Mann. Er hat auf die Fresse bekommen und ist trotzdem wieder aufgestanden. Er hatte ein Konzept. Aber egal, ob man mit Gummibändern rumrennt oder sonst was: Entscheidend ist der Erfolg. Den hat er jetzt, und der gibt ihm Recht.

Überrascht Sie das?

Nein. Das Spiel gegen Polen habe ich mit unseren Spielern zusammen geschaut. Es stand noch 0:0, und die Spieler haben gesagt: „Du guckst ja gar nicht hin!“ Da habe ich gesagt: „Ja, weil ich schon weiß, dass die Deutschen gleich noch ein Tor machen.“ Und schon fiel das 1:0. Die Spieler dachten, ich sei ein Hellseher.

Das Interview führte

Dirk Gieselmann.

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