Zeitung Heute : Der Alte Fritz ist nicht ganz echt

Der Tagesspiegel

Von Katja Bauer

Mitte. Mit dem goldenen Vogelkopfknauf seines Gehstocks zeigt er auf einen Punkt irgendwo auf der Straße Unter den Linden: „Ich habe diesen Boulevard entstehen lassen“, sagt er strahlend und rückt sich den Dreispitz zurecht. Und während der König so schwärmt, saust rechts von ihm ein Auto vorbei, und vor ihm kniet ein japanischer Tourist samt Kamera. Man merkt es gleich: Der Alte Fritz ist nicht ganz echt. Aber der falsche Monarch führt seit neuestem allabendlich Berliner und Besucher durch die Stadt.

„Praktizierte Geschichte“ nennt der Soziologe Olaf Kappelt seine Idee, Stadtführungen im Gewand und aus der Sicht des berühmten Preußenkönigs Friedrich II. anzubieten. Und er hat Erfolg – mehrere hundert Interessierte haben sich seit Ostern schon zum historischen Stadtspaziergang aufgemacht. „Ich will dazu beitragen, Geschichte zu popularisieren“, sagt Kappelt, der sich als Kind und Jugendlicher schon alle möglichen Bücher über die Historie Preußens einverleibte.

Wer Kappelt sieht, könnte meinen, die Preußen-Liebe hätte durchschlagende Folgen gehabt: Der Mann, der seine Stadtführungen unter dem Pseudonym Friedrich König anbietet, geht ohne Probleme als Alter Fritz durch. Unter dem schwarzen Filzhut ringelt sich grauweißes Haar, der blaue Uniformrock sitzt knapp am massigen Körper, den Bauch umspannt ein sonnengelbes Bandeau.

Mit gravitätischem Schritt in Stulpenstiefeln durchmisst das Monarchen-Double den Gehweg, gestützt auf einen Stock. Als hätte er sie immer an, gestikuliert der Stadtführer mit seinen rehbraunen Stulpenhandschuhen. Auf dem Weg zum Schlossplatz, auf dem bis zu DDR- Zeiten das Schloss der Hohenzollern stand, kommt Kappelt auch an der Bronzefigur von Friedrich II. vorbei. Mit den vielen Leuten, die ihn anstarren, hat er kein Problem: „Ich werde oft fotografiert“, sagt er ein bisschen stolz. Dann ist er ganz Majestät.

„Mein Dichterfreund Voltaire war von meinen Plänen für den Boulevard Unter den Linden ganz begeistert“, erläutert Kappelt seinen Zuhörern und erzählt dann die ganze Geschichte von Berlins berühmtester Straße. Dazu gehören nicht nur die Entwicklungen der Regierungszeit Friedrichs des Großen (1740 - 1786), sondern auch die Zeit davor – und natürlich das Heute. „Nach meinem Tode ist das Tor in seiner heutigen Form gebaut worden“, erzählt Kappelt locker über Deutschlands Wahrzeichen Nummer Eins, das Brandenburger Tor.

Aber die Geschichte der Hauptstadt erhält in seinen Worten auch die persönliche Färbung des Preußenkönigs. „Hier hat mein Kammerdiener Fredersdorf gewohnt“, erzählt er mit Blick auf den Pariser Platz. „Den hab ich ja oft zu Pferde besucht.“ So sehr schlüpft Kappelt in seine Rolle, dass er seine Kunden schon mal majestätisch in dritter Person anredet. Das wirkt. „Sei Er gegrüßt“, sagt der Monarch huldvoll zu einem staunenden Passanten – und der macht fast einen Diener.

Die Stadtführung im Internet:

www.koenig-friedrich.de

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben