Zeitung Heute : Der alte Mann und das Mehr

Verheißungen spart er sich: Wolfgang Böhmer, CDU, Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt. Zu Recht

Matthias Schlegel[Stassfurt] Thalheim

Der Ministerpräsident muss sich nach vorn durchdrängeln. Seine Referentin bahnt ihm den Weg. Bierzeltatmosphäre in Thalheim bei Wolfen. Der Tisch vor der improvisierten Bühne ist für die Politprominenz reserviert. Die ist schon gewichtig vertreten durch Bundesumweltminister Sigmar Gabriel. Kurzer Handschlag, wenige Worte, verschlossene Mienen. Land trifft Bund, CDU trifft SPD, Spitzenkandidat trifft Wahlkampfhelfer des Konkurrenten.

Dann spricht vorn am Rednerpult David Hogg, Vorstandsvorsitzender und Gründungsmitglied der CSG Solar AG. Das Unternehmen ist die erste australische Investition in Sachsen-Anhalt. Heute wird die Produktionshalle eingeweiht. In nur einem Jahr ist mit viel Fördergeld auf 9000 Quadratmetern Brachland eine Fertigungsanlage für Solarzellen entstanden. In Australien hätte allein die Prüfung des Bauantrags so lange gedauert. David Hogg erinnert daran, wie er von Sydney aus dieses winzige Fleckchen Erde gefunden hat – um es bei der Anreise dann doch mit dem größeren Thalheim bei Chemnitz zu verwechseln. Er spricht englisch. Das Führungspersonal im Bierzelt lacht bei seinen Witzen. Böhmers Miene bleibt unbewegt. Die schräge Falte zwischen Stirn und Nase weicht nicht. Das geschliffene Englisch ist seine Sache nicht.

Dann ist Böhmer dran. „Wir sehen Chancen in der alternativen Energiegewinnung“, sagt er. Und dass die „Wirtschaftsförderung auf die innovativen Technologien setzt“. Doch politisch und marketingmäßig gesehen ist das ein Heimspiel für den Sozialdemokraten aus Berlin. Der formuliert dann auch die zugkräftigen Schlagworte, die von den Presseleuten geschwind mitgeschrieben werden. „In Thalheim wird Zukunft gemacht“, ruft Gabriel in das Zelt hinein. Und es sei nicht nur Pathos, wenn er sage, hier würden nicht nur Arbeitsplätze geschaffen, sondern hier werde mitgeholfen, ein Menschheitsproblem zu lösen. Schließlich habe die Sonne eine Restlaufzeit von vier Milliarden Jahren. Zuvor hat er David Hogg mit ein paar munteren Sätzen gedankt. In ziemlich gutem Englisch. Böhmers schräge Falte im Gesicht kommentiert die Brüskierung.

Die Situation ist symptomatisch. Der 70-jährige Mann, der am Sonntag noch einmal die Landtagswahl gewinnen will, ist ein schlechter Verkäufer: der eigenen Person, seiner Erfolge, des Landes. Manche seiner Berater um ihn herum ringen die Hände, weil er selbst im Wahlkampf die vermeintlich ehernen Gesetze selbstbewusster Eigendarstellung und parteipolitischer Ranküne ignoriert. Seine Nüchternheit lässt nach 16 Jahren politischer Karriere, davon vier Jahre als Ministerpräsident, gelegentlich noch immer den Verdacht aufkommen, er fühle sich in seiner Rolle als Fehlbesetzung. Seine Art, sich den Ritualen des eloquenten Schönredens von Normalität und der medienwirksamen Inszenierung von Macht zu verweigern, grenzt an Renitenz. Wenn sie doch nötig sind, ergibt er sich ihnen mürrisch.

Die Unbekümmertheit, mit der Böhmer immer wieder schwierige politische Sachverhalte auf den allgemein verständlich Punkt zu bringen versucht, birgt stets das Risiko, von der großen Linie, die die Partei in Berlin gezogen hat, abzukommen. Mit Verheißungen hält er sich zurück. Nicht die weiten Sprünge, sondern die kleinen Schritte sind seine Gangart: Mehr Arbeitsplätze, um den Leuten eine Perspektive zu geben, mehr einnehmen und mehr sparen, um das Land aus der Schuldenfalle zu führen. Der alte Mann und das Mehr. Manchmal hat man den Fisch nach langem Kampf schon an der Angel, und am Ende kommt doch nichts dabei heraus.

Vielleicht braucht dieses über Jahrzehnte geschröpfte und geschundene, dieses ausgeblutete Land gerade diese Nüchternheit. Und vielleicht erklären sich genau aus Böhmers grundsolider Bodenständigkeit seine hohen Popularitätswerte. Einst gaben die Chemiegiganten zwischen Leuna, Bitterfeld und Wolfen Zehntausenden Menschen Arbeit und vergifteten zugleich ihre Heimat. Heute liegt die Schwefeldioxidbelastung in Sachsen-Anhalt unter der Nachweisbarkeitsgrenze, aber 20 Prozent der Menschen sind ohne Arbeit. Dieses Land mit den meisten Unesco-Weltkulturerbestätten deutschlandweit, mit seinen mehr als 60 000 architektur- und kunstgeschichtlichen Denkmalen birgt mehr sichtbare Geschichte als jede andere Region und muss doch um seine Zukunft bangen. Weil ihm die Menschen davonlaufen, weil ganze Landstriche zu veröden drohen.

Dieses Land hat die höchste Pro-Kopf- Verschuldung unter den neuen Bundesländern. Und wie ein Sieg feierte die schwarz-gelbe Koalition unlängst die Nachricht, dass Sachsen-Anhalt nach insgesamt 92 Monaten die rote Laterne bei der Arbeitslosenquote wieder an Mecklenburg-Vorpommern abgegeben hat.

Soll diesen Landeskindern jemand noch mal etwas von blühenden Landschaften erzählen? Hier ist Realpolitik gefragt. Mühsame Suche nach Investoren, die man mit Geld und guten Worten lockt: Innerhalb von 24 Stunden erhalten sie ein Standortangebot, innerhalb von vier Wochen einen Fördermittelbescheid. Mit der FDP hat das in den vergangenen vier Jahren gut geklappt. Nun schwächelt der Partner in den Umfragen. Dann wird man das also in Zukunft mit der SPD weitermachen. Böhmer hat damit kein Problem. Er sei damals, 1990, von einigen CDU-Leuten gefragt worden, ob er nicht für den Landtag kandidieren wolle. Der damalige Chef der Gynäkologie am Wittenberger Paul- Gerhardt-Stift sagte ja. So ist er geworden, was er heute ist. Er hätte das damals genauso gut für die SPD gemacht, wenn die ihn gefragt hätten, erzählte Böhmer einmal einer Zeitung.

In Staßfurt kann er am gleichen Tag schon mal ein bisschen an der großen Koalition schnuppern. Böhmer ist hier im einzigen Wahlkreis des Landes, den die SPD beim letzten Mal direkt gewinnen konnte. Bei der Grundsteinlegung für eine Müllverbrennungsanlage am Stadtrand lässt der Regierungschef eine Kassette mit Bargeld, Planungsunterlagen und aktuellen Zeitungen in den gemauerten Sockel ein. Die Schlagzeilen, die dort in die halbe Ewigkeit eingehen, verheißen Gutes: Die CDU im Land hat in den Umfragen wieder zugelegt. Das geht nun schon seit Dezember so. Das Sektglas will er nicht, wie die anderen Honoratioren, am Grundstein zerschellen lassen. Das findet er albern. Als man ihm sagt, das bringe Unglück, tut er es doch.

In Staßfurt geht es um ganz nahe liegende Dinge: Abfall sinnvoll zu entsorgen, indem man daraus Energie macht. Die Kommunen und Unternehmen ringsum sind froh, dass sie ihren Müll kostengünstig loswerden. Das angrenzende Sodawerk ist glücklich, dass es von der „Energie- und Verwertungszentrale GmbH“ – von Müllverbrennung spricht man hier ungern – die Wärme zur Trocknung der Soda preisgünstig geliefert bekommt. Und das investierende Familienunternehmen Remondis aus dem nordrhein-westfälischen Lünen ist erleichtert, dass sich der unvermeidliche Protest der Anwohner in Grenzen hielt. Dass der Investor überdies ganz auf Fördermittel verzichtete, ist Böhmer in seiner Rede eine wohlwollende Bemerkung wert.

Hier ist Manfred Püchel der politische Lokalmatador. Während die „Geiseltaler Musikanten“ in ihren Bergmannsuniformen „Glück auf, Glück auf, der Steiger kommt“ spielen, strahlt der SPD-Mann über das ganze runde Gesicht. Püchel saß schon einmal als Innenminister in einem Magdeburger Kabinett. Und er war es, der sich bei seiner Partei unbeliebt machte, als er in jenem Schicksalsjahr 1994 für eine große Koalition plädierte. Dann musste er doch mit ansehen, wie Reinhard Höppner der Versuchung erlag, selbst Ministerpräsident zu werden – als Chef einer SPD-Minderheitsregierung, die sich von der PDS tolerieren ließ.

Einer der maßgeblichen Konstrukteure jenes „Magdeburger Modells“, der damalige parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Fraktion Jens Bullerjahn, ist nun Spitzenkandidat seiner Partei. Von rot-roten Ambitionen hat er sich verabschiedet. Mit der Linkspartei/PDS, die mit seinem Freund und damaligen „Modell“-Partner Wulf Gallert an der Spitze in den Wahlkampf gezogen ist, sei derzeit keine sachdienliche Politik zu machen, lässt er immer wieder verlauten. Und Püchel sieht – im Gegensatz zu manchen Leuten aus CDU und FDP – keinen Grund, an dieser Absage zu zweifeln.

An der SPD-Basis habe man sich längst auf eine große Koalition eingestellt, sagt er. Bullerjahn habe sich viel zu weit aus dem Fenster gelehnt, als dass er nach der Wahl doch noch einmal einknicken und auf die rot-rote Karte setzen könne. „Er würde seine Glaubwürdigkeit komplett aufs Spiel setzen“, sagt Püchel – und wird ein bisschen nachdenklich: Das hatte er einst auch von Höppner behauptet.

Böhmer und Bullerjahn haben sich im ohnehin müden Wahlkampf gegenseitig geschont. Das bedurfte keiner größeren Anstrengung: Sie achten einander. Nur selten hatte der Regierungschef in der Vergangenheit ein paar Pfeile gegen das ebenso umfassende wie ernüchternde Zukunftskonzept „Sachsen-Anhalt 2020“ abgeschossen, mit dem der 43-jährige Kontrahent von der SPD sich in den vergangenen Jahren profilierte. Immerhin hatte der Mann, der sein Sohn sein könnte, das Zukunftspapier dem Regierungschef als Erstem zu lesen gegeben. Und so steht dem politischen Bündnis wohl nichts mehr im Wege.

Klammheimlich scheint Böhmer die SPD gar zu beneiden: Dass sie geschafft hat, was er selbst mit seiner patriarchalischen Art in seiner Partei nicht vermochte – den Generationswechsel zu forcieren. Dann hätte er sich das mit der Wiederwahl nicht mehr antun müssen. Und er hätte jetzt Zeit, um mit seiner Frau Brigitte, die der Witwer 2004 geheiratet hat, im Auto – Nummernschild WB, das nicht für Wolfgang Böhmer, sondern für Wittenberg steht – zum Baumarkt zu fahren. Um nach Gartenutensilien zu schauen. Schließlich wird es doch Frühling.

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