Zeitung Heute : Der alte Mann und der Apparat

Der Tagesspiegel

Kein schöner Anblick. Die Fernsehkameras während der Ostertage zeigten einen Papst, der sich gekrümmt vor Schmerzen mit letzter Kraft durch das liturgische Mammutprogramm schleppte. Die Gesten spärlich, die Worte kaum noch verständlich, wirkte Johannes Paul II. am höchsten Fest des Christentums so gebrechlich und geschwächt wie nie zuvor. Die meisten Altardienste des 81jährigen geistlichen Oberhauptes von einer Milliarde Katholiken übernehmen inzwischen die Kurienkardinäle. Sie lesen seine Ansprachen. Sie halten für alle sichtbar die Fäden in der Hand. Zwar holt der Papst mit eisernem Willen das Letzte aus seinen Körper heraus, doch zu mehr als einer gequälten Anwesenheit reicht es nicht mehr. Zurücktreten will er nicht, Jesus sei auch nicht vom Kreuz herabgestiegen, erklärte er. Innerlich hat sich Johannes Paul II. auf ein Ausharren auf dem Stuhle Petri bis zum Ende festgelegt. Hier sieht er seine Aufgabe in der Schlussphase seines Lebens. Alles andere liegt mittlerweile in den Händen des Kurienapparates. Regie führen die mächtigen Chefs der Kongregationen. Ihre Behörden praktizieren ein immer stärkeres Eigenleben, weil ihnen seit längerem der Gegenpol eines aktiven und gesunden Papstes fehlt. Für die katholische Kirche ist das ein Dilemma. Zwar ist eine solche schiefe Arbeitsteilung geeignet für kurze gesundheitliche Krisen. Aber sie ist keine gute Perspektive für lange weitere Jahre, in denen der geistige und körperliche Radius des Kirchenoberhauptes langsam gegen Null geht. M.G.

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