Zeitung Heute : Der alte Mann und sein Heer

Früher einmal galt Jörg Schönbohm als Retter der Brandenburger CDU. Doch irgendwann sind ihm seine Anhänger abhandengekommen. Nun zieht er in seinen letzten Kampf

Michael Mara[Potsdam]

Kein Laut, nirgends. Still und verlassen liegt Kleinmachnow in der Dunkelheit, die Vorortgemeinde am südlichen Stadtrand Berlins. Es ist sechs Uhr früh, doch in einem Haus im Erlenweg brennt schon Licht, ein Mann sitzt an seinem Schreibtisch im Wintergarten. Er ist in aller Herrgottsfrühe aufgestanden, innerlich aufgewühlt. Ab und an steht er auf, geht ein paar Schritte hin und her, dann gleitet seine Feder wieder schnell über das Papier. Er ist auch in dieser Hinsicht altmodisch, schreibt mit der Hand. Viele Tage hat er schon an seiner Abschiedsrede gefeilt. Heute wird Jörg Schönbohm auf dem Parteitag in Frankfurt an der Oder als CDU-Landeschef abtreten, nach acht Jahren. Es ist das Ende einer Ära.

Es wird ein schwieriger Gang: Er will Tacheles reden, wie man es von ihm gewohnt ist, aber die Gräben in der Partei nicht noch vertiefen. Er will das Unmögliche versuchen: angreifen und versöhnen. Jörg Schönbohm, 69 Jahre, General außer Dienst, einst Staatssekretär im Verteidigungsministerium, hat die Nationale Volksarmee aufgelöst. Er war Innensenator von Berlin, dann CDU-Landeschef und Innenminister in Brandenburg. Heute führt er seinen letzten großen Kampf. Es ist ein Kampf in eigener Sache, für einen Abtritt in Ehren, vor allem aber für Brandenburgs CDU, die sich gerade selbst zerfleischt und im Erbstreit gespalten hat in zwei unversöhnliche Lager. Manche sagen, es geht ihm um sein politisches Lebenswerk. Vielleicht ist es ja tatsächlich so.

Seine Geschichte trägt inzwischen tragische Züge: Als Schönbohm 1999 den Senat verließ und in die Brandenburger Provinz ging, als er nach einem furiosen Wahlkampf Manfred Stolpes SPD-Alleinherrschaft beendete und eine kaputte CDU in die Regierung katapultierte, feierten ihn die märkischen Christdemokraten wie einen Messias. Er wollte Schluss machen mit der „kleinen DDR“, der Staatsgläubigkeit, der trügerischen Harmonie von Stolpes „Brandenburger Weg“, der die Krise dieses bettelarmen Landes nur kaschierte. Er machte klare, unbequeme Ansagen, die ihre Wirkung nicht verfehlten. Ein Mann, ein Wort. Er galt als einer, der in einem Land für Aufbruch stand, über dem der „Mehltau“ lag, wie Lothar Bisky einmal gesagt hat.

Das war die große Zeit des Jörg Schönbohm, in der er seine der ewigen Grabenkämpfe überdrüssige Partei in einen regelrechten Rausch versetzte. In der sie ihm blind folgte, seine „One-Man-Show“ genoss. Es war auch die Zeit, in der Schönbohm sich als Reformer profilierte: Aus fast 1500 Mini-Gemeinden machte er 420 große, aus sechs Polizeipräsidien zwei. Man pfiff ihn aus, aber er setzte sich durch.

Und immer spielte er, der politische Quereinsteiger, auf der großen Berliner Bühne mit. Im Bundesrat stimmte der Wertkonservative im März 2002 demonstrativ gegen das liberale rot-grüne Zuwanderungsgesetz und sagte: „Ich kann nicht anders.“ Er missachtete den Willen Manfred Stolpes, riskierte sogar den Bruch der Koalition – und sollte später Genugtuung erhalten. Das Gesetz musste neu ausgefertigt werden.

Für die lahmende SPD war er bald der Angstgegner, spätestens 2003, als die CDU bei den Kommunalwahlen stärkste Kraft wurde und in den Umfragen nach oben schoss. Damals konnte er sich sogar Chancen ausrechnen, Ministerpräsident zu werden – im „roten Brandenburg“, in dem Land, in dem er 1937 in Neu-Golm geboren worden war und das er so innig liebt, dass selbst Heinrich von Kleist seine Freude daran gehabt hätte: „In den Staub mit den Feinden Brandenburgs.“

Die Götterdämmerung kam schleichend. Erst hier und da ein Murren in der Partei, das lauter wurde, als die auf Sieg gestimmte CDU die Landtagswahl 2004 verlor und sich mit dem demütigenden dritten Platz hinter SPD und PDS begnügen musste. Schönbohm machte für das Desaster den Entrüstungssturm über die rot-grüne Arbeitsmarktreform „Hartz IV“ verantwortlich. Ganz so, als wäre er, einem echten Wind vergleichbar, höhere Gewalt gewesen, der man hilflos ausgeliefert ist.

Aber das war nur die halbe Wahrheit, die bequeme. Schönbohm hat eine Gabe, sich Dinge so zurechtzulegen, dass sein Weltbild wieder stimmt. In der Partei hatten viele registriert, dass ausgerechnet er, der von anderen den „Kampfanzug“ forderte, sich vor dem Auftritt auf den Marktplätzen gescheut, sich dem Volkszorn nicht gestellt hatte, während Ministerpräsident Matthias Platzeck sich auf den Marktplätzen mit Eiern und Tomaten bewerfen ließ.

Ein Jahr später, mitten im Bundestagswahlkampf, dann ein folgenschwerer Fauxpas: Im Schock über neun ermordete Babys, die bei Frankfurt an der Oder gefunden worden waren, dachte Jörg Schönbohm über die tiefere Ursache für Verwahrlosung und Gewaltbereitschaft im Osten nach. Und zwar laut: Der Nährboden der Taten sei die von der SED erzwungene Proletarisierung der ostdeutschen Gesellschaft. Eine gewagte, nicht haltbare These, die alte Vorurteile über ihn zu bestätigen schien: der West-General, nicht angekommen im Osten. Ein Aufschrei von Rostock bis Suhl. Das hat ihn getroffen, es beschäftigt ihn bis heute.

Die Parteifreunde gaben ihm eine Mitschuld daran, dass Brandenburgs CDU bei der Merkel-Wahl nur dürftige 20 Prozent einfuhr. Er fühlte sich missverstanden, alleingelassen, vermisste Solidarität in den eigenen Reihen, als die ersten seinen Rücktritt forderten. Um den Druck zu mildern, kündigte er im Herbst 2005 an, im Jahr 2007 als Parteichef abzutreten. Doch zwei Jahre sind eine Ewigkeit in der Politik, ein langer Rückzug funktioniert nur selten. Vorübergehend trat Ruhe ein, aber sie war trügerisch. Hat er das nicht bemerkt? Haben ihn seine Instinkte verlassen? Es muss eine gehörige Portion Selbsttäuschung mit im Spiel gewesen sein – auch das gehört zu Jörg Schönbohm.

Er war plötzlich ein Vorsitzender auf Abruf und förderte seine schleichende Demontage noch. Lieber debattierte er in Talkshows bei Sabine Christiansen oder Sandra Maischberger, als sich um die Partei zu kümmern, zog er die Berliner Oper oder den ADAC-Ball der Pflege der Parteiseele in Prignitz und Lausitz vor. Schönbohm liebt die Mark, aber das Land allein ist ihm dann doch zu klein, zu provinziell.

So sind sich Schönbohm und die CDU fremd geworden. So entglitt ihm die Partei. So konnte auch sein ehrgeiziger Generalsekretär Sven Petke Netzwerke und ein heimliches Machtzentrum in der Partei aufbauen, was ihm jetzt beim Kampf um die Macht zugutekommt. Erst als es zu spät war, erkannte Jörg Schönbohm, dass er die Kabale um sein Erbe, deren vorerst letzter Akt heute an der Oder aufgeführt wird, selbst angestoßen hat.

Aber das erklärt noch nicht, warum alles außer Kontrolle geriet, warum so viel Fanatismus und Hass, auch kriminelle Energie ins Spiel gekommen ist: Denunziationen, anonyme Anzeigen, Drohungen, Einschüchterungen, ja sogar Indiskretionen mit geklauten Parteiunterlagen. Jörg Schönbohm, der selbst immer mit offenem Visier kämpft, der Heimtücke verabscheut, hat darauf keine Antwort. Da ist der General wehrlos.

Seine Menschenkenntnis hat ihn wohl im Stich gelassen. Und er verkannte die Befindlichkeiten in seiner Partei, als er im April 2006 im Landesvorstand den integren, aber politisch blassen Wirtschaftsminister Ulrich Junghanns zum Thronfolger kürte, ohne Debatte. Die Truppe, die man heute das Petke-Lager nennt, fühlte sich übergangen, fürchtete ausgebootet zu werden. Eine gefährliche Gemengelage.

Als er dann im September 2006 den von ihm bis dahin protegierten Generalsekretär feuerte, weil dieser E-Mails an CDU-Politiker ausgespäht haben soll, war der Super-GAU programmiert. Petke kündigte schon am folgenden Tag seine Kandidatur für den Parteivorsitz an und beschleunigte so den Abgang Schönbohms: Der Wahlparteitag wurde acht Monate vorgezogen.

Man kann darüber spekulieren, ob der Diadochenkampf dazu beigetragen hat, dass Schönbohm, der Hüter des „konservativen Tafelsilbers“ in der Union, knapp den Wiedereinzug ins ihm wichtige Bundespräsidium im November 2006 verpasste. Auf jeden Fall schwächte ihn die Abfuhr, was manchen gelegen kam. Der Landesvorstand fügte dem einst alles beherrschenden Parteichef zum Ende noch eine Schmach zu. Kurz vor dem Landesparteitag setzte eine Mehrheit eine Wahlempfehlung für Petke durch, gegen den Willen Schönbohms, der seinem einstigen Zögling inzwischen die Hauptschuld an dem ganzen Schlamassel gibt.

Jörg Schönbohm wird wohl noch heute früh im Auto nach Frankfurt an der Oder an seiner Rede feilen: da entschärfen, dort zuspitzen, wieder entschärfen. Er hat oft mit Äußerungen provoziert, er weiß, dass von Worten viel abhängen kann. Auch, ob sein Favorit Ulrich Junghanns gewählt wird oder nicht. Noch wichtiger ist ihm, dass die sich Bekämpfenden zur Besinnung kommen. Dazu will er beitragen. Das ist der Abgang, das ist der Neuanfang, den er sich wünscht. Aber was auch immer an diesem Samstag passieren mag, mit sich selbst, sagt Jörg Schönbohm, sei er im Reinen: „Ich habe danach kein Amt mehr in der CDU und bin frei wie eine Lerche am Frühlingsmorgen.“

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