Zeitung Heute : Der Alte und der Neue

70000 Familienunternehmen suchen einen Nachfolger – der Übergang verläuft selten reibungslos

Florian Oel

Karl-Heinz Lindner will aufhören. Er ist 64 Jahre alt und arbeitet seit 42 Jahren bei der Johannes Banholzer Metallwarenfabrikation. Seit 25 Jahren leitet er die Firma in Heiligensee – geerbt hat er sie vom Vater. Jetzt möchte er die Firma in jüngere Hände übergeben. In der Familie fand er keinen Nachfolger – seine Tochter ist Goldschmiedin, Metallstanz-Anlagen reizen sie nicht. Das Beispiel ist typisch für die Situation vieler Betriebe in Deutschland.

Rund 94 Prozent aller Unternehmen in Deutschland sind Familienunternehmen, schätzt das Bonner Institut für Mittelstandsforschung (IfM). Das heißt: Rund zwei Millionen deutsche Unternehmen sind in Familienhand, sie stellen 20 Millionen Arbeitsplätze. In diesem Jahr könnten knapp 71 000 Unternehmen an Nachfolger übergeben werden – und nur gut 40 Prozent werden dabei innerhalb der Familie bleiben. Die übrigen fast 40 000 Unternehmen suchen eine andere Lösung. Knapp 6000 werden an dieser Aufgabe scheitern, fürchtet das IfM – die Firmen werden mangels Nachfolger geschlossen, etwa 34 000 Arbeitsplätze gehen verloren.

Viele Unternehmerkinder wollen den Betrieb der Eltern nicht übernehmen, sie machen sich mit eigenen Ideen selbstständig oder schlagen einen ganz anderen Weg ein. Auch die sinkenden Geburtenraten machen sich bemerkbar – oft gibt es einfach keine Nachfolger in der Familie. Die Situation bietet eine Chance für viele andere: für Mitarbeiter der betroffenen Unternehmen genauso wie für externe Führungskräfte. Als Nachfolger in Familienunternehmen können sie sich selbstständig machen – ohne eine neue Geschäftsidee entwickeln zu müssen, ohne die Suche nach neuen Kunden und nach neuen Geschäftspartnern. Eine Gründung im gemachten Nest. Für diese Chance wirbt der Unternehmensberater Daniel vom Hofe, der sich seit drei Jahren auf Unternehmensnachfolge spezialisiert hat. „Es wird viel zu wenig beachtet, dass Nachfolge eine Möglichkeit ist, Unternehmer zu werden. Da kann man eine hervorragende Karriere machen.“

Das Problem, geeignete Unternehmensnachfolger zu finden, haben inzwischen viele Stellen erkannt. Das Bundeswirtschaftsministerium, viele Banken, die Industrie- und Handelskammern sowie die Handwerkskammern bieten Unternehmern und interessierten Führungskräften ihre Hilfe dabei an.

Ausführliche Beratung ist notwendig, denn – so warnt Andreas Gruner, Spezialist für Unternehmensnachfolge bei der Berliner Sparkasse – auch die Gründung im gemachten Nest ist nicht risikolos. Unternehmensübergaben müssen exakt geplant werden. Das größte Problem macht Gruner gleich am Anfang aus: Nur wenige Firmenchefs kümmern sich rechtzeitig um einen Nachfolger. „Man sollte drei bis fünf Jahre einplanen, um ein Unternehmen zu übergeben“, rät auch Unternehmensberater vom Hofe.

Zeit zum Nachdenken sollten sich auch die Juniorchefs nehmen. „Der Nachfolger braucht eine Vision. Er sollte sich möglichst genau festlegen, was er anstrebt“, sagt vom Hofe. Wie viele Mitarbeiter will er führen? Wie hoch soll der Umsatz sein? Von Hofe rät: „Darüber muss man mit anderen Menschen reden. Am besten mit Leuten, die einen gut kennen: Eltern, Freunde, Partner.“ Viele Übernahmen scheitern, weil sich der Nachfolger zwar fachlich auskennt, sich aber zu wenig mit dem Unternehmer-Sein auseinander gesetzt hat.

Und noch etwas benötigen potenzielle Nachfolger: Geld. Einen großen Teil des Kaufpreises können sie zwar über Kredite finanzieren, doch der Eigenanteil solle bei 15 bis 20 Prozent liegen, sagt vom Hofe. Die Verhandlungen um den Kaufpreis können schwierig sein, da Unternehmer den Wert der eigenen Firma oft überschätzten – sie wollen ihr Lebenswerk bezahlt bekommen. Meist ist eine Einigung aber doch möglich: Eine aktuelle Studie der IHK Nordwestfalen zeigt, dass den meisten Unternehmern mehr daran gelegen ist, den Betrieb zu erhalten, als hohen Profit zu erzielen.

Manchmal fängt das Drama erst an, wenn der richtige Nachfolger schon gefunden zu sein scheint. Vielen Seniorchefs fällt es schwer zu akzeptieren, wenn der Juniorchef plötzlich neue Wege einschlagen will. Eines muss dabei klar geregelt werden, weiß Sparkassen-Experte Gruner: Der Alt-Unternehmer arbeitet seinen Nachfolger nach und nach ein – und zieht sich Schritt für Schritt aus dem Unternehmen zurück. Wenn der alte Unternehmer zu viel Einfluss behält, gibt der Nachfolger leicht frustriert auf. „Viele Unternehmensnachfolger machen sich nicht klar, dass eine Firma mehr ist als ein Lieferant für den Markt“, hat Sabine Klein von der European Business School festgestellt. „Man steigt nicht nur in ein Unternehmen ein, sondern in ein Beziehungsgeflecht.“ Der Nachfolger muss Vertrauen aufbauen – zum Seniorchef und zu den Mitarbeitern genauso wie zu Lieferanten und Kunden.

Karl-Heinz Lindner von den Banholzer Stanzwerken hat einen großen Teil dieses Prozesses inzwischen hinter sich. Nach zwei Jahren Suche hat er durch die Vermittlung der Sparkasse Mario Ahlberg als Nachfolger gefunden. Der hat schon mehrere Firmen geleitet und verfügt über Fachkenntnisse: Am Anfang seiner Karriere stand eine Ausbildung zum Turbinenschlosser. Im März hat Ahlberg in der Firma angefangen. Lindner kann daher in Ruhe aussteigen. Bis Ende des Jahres wird er noch täglich im Betrieb sein, danach steht er noch ein Jahr als Berater zur Verfügung.

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