Der alte Zoo Palast : Festspielhaus für jedermann

Volker Baer, langjähriger Filmredakteur des Tagesspiegels, erinnert sich.

Volker Baer
Volker Baer, Tagesspiegel-Filmredakteur von 1960 bis 1992, überreicht 1970 im Atelier am Zoo Hans W. Geißendörfer für seinen Vampirfilm „Jonathan“ den mit 5000 DM dotierten Kritikerpreis.
Volker Baer, Tagesspiegel-Filmredakteur von 1960 bis 1992, überreicht 1970 im Atelier am Zoo Hans W. Geißendörfer für seinen...Foto: Picture-alliance/dpa

Der alte Zoo Palast, und nur um den geht es heute, hatte über all die Jahrzehnte hinweg zwei Gesichter, wobei das eine Tag für Tag auf der großen Plakatwand über dem Eingang propagiert wurde, während das andere sich in den Tagen der Filmfestspiele strahlend präsentierte. Das Jahr über gab es weithin die großen, aufwändigen, meist aus amerikanischer Produktion stammenden Filme, die durchaus ihr geneigtes Publikum fanden, während an den zwölf Festspieltagen das Neue, das Aufregende, das zu lebhaften Diskussionen (wenn man Glück hatte) Anregende den Spielplan bestimmte. Diese nahezu unüberbrückbaren Gegensätze mögen die Ursache dafür sein, dass der Autor dieser Zeilen allein in den Festspieltagen weit öfter den Zoo Palast besuchte als das restliche Jahr über. Er bevorzugte dann auch lieber das kleinere intime Kino, das einst den Namen Atelier am Zoo trug.

Hier versuchte die Geschäftsführung des Zoo Palastes auch ein anspruchsvolles Programm anzubieten. Hier traf man jene Filme, die ein anderes Publikum anlockten als das große Haus und mit denen sich auseinanderzusetzen auch den Rezensenten reizte. Hier traf man denn auch manch interessanten Gesprächspartner. In Erinnerung geblieben ist zum Beispiel eine Begegnung mit Eric Rohmer, mit dem zu reden eine Freude war.

Hier stellte in seinen frühen Jahren das Internationale Forum des Jungen Films seine Beiträge vor, hier schloss sich an jede der Vorstellungen, ein Novum für die Filmfestspiele, eine Diskussion an, in der meist der Regisseur vorgestellt und in ein lebhaftes, oftmals auch hartes Frage- und Antwortspiel einbezogen wurde. Im Festspielalltag war das nicht nur ein Gewinn, sondern zweifelsohne auch ein Genuss.

1961 fand im Atelier am Zoo eine Sowjetische Filmwoche statt. Sie fand stets ein volles Haus. Abgesehen von einigen propagandistischen Produktionen begegnete man neuen Tönen. Das Publikum war begeistert. Am Ende der letzten Vorstellung traten Regisseure und Darsteller auf die kleine Bühne, herzlich vom Publikum gefeiert. Die Blumen, die die russischen Gäste erhielten, wurden zwischen Bühne und Parkett hin- und hergeworfen. Es hätte sich manches Verständnis damals anbahnen können, doch der 13. August machte allen Erwartungen ein jähes Ende.

Das gepflegte, übersichtliche, vorzüglich ausgestattete Haus diente von 1957 an den Filmfestspielen als Stätte für den Wettbewerb, der all die Jahre hindurch Anlass bot für begeisterte Zustimmung und strikte Ablehnung. Im Parkett brodelte es, Buh-Rufe, Pfiffe, Gelächter, und, vornehmlich in den frühen Jahren, kecke Zwischenrufe brachten manchen Film zur Strecke, enthusiastischer Beifall ebnete manchem Film den Weg zum großen Erfolg im Kino. Den erstaunlichsten Widerspruch ließ sich einmal Gina Lollobrigida einfallen: 1986, nach der Preisvergabe an Reinhard Hauffs Inszenierung „Stammheim“, trat sie an die Bühnenrampe und distanzierte sich von der Entscheidung ihrer Jury-Kollegen. Ein einmaliges Ereignis. Proteste gab es immer, mal von enttäuschten, verärgerten Zuschauern, mal auch, 1983, von einem Trupp von Hausbesetzern, die die Bühne geentert hatten und nur durch gutes Zureden des Festspielleiters zum Abzug zu bewegen waren, noch ehe die Polizei eingriff: Die Festspiele als Podium für einen sozialen Protest.

Provoziert fühlten sich auch oft Filmemacher und Cineasten bei der Überreichung der Bundesfilmpreise im Zoo Palast. So 1983. Als der damalige Innenminister Friedrich Zimmermann in seiner Rede auch auf Herbert Achternbusch zu sprechen kam, wurde es unruhig im Saal. Zimmermann hatte kurz zuvor die Rate gesperrt, die Achternbusch vom letztjährigen Bundesfilmpreis für seine Arbeit „Das Gespenst“ noch zustande. So kam es zur allgemeinen Überraschung – zur Freude der einen, zum Ärger der anderen – zu einem Zwischenfall. An die 30 Gespenster, Filmemacher und Darsteller in große weiße Laken gehüllt, huschten durchs Parkett – ein ironischer Kommentar zu einem staatlichen Eingriff in die Kultur.

Sprunghaft reiht sich Erinnerung an Erinnerung, an große Abende des Kinos, an klägliche Niederlagen während der Filmfestspiele. Und auch an heitere Zwischenspiele: So, als es einmal galt, eine Pause zu überbrücken. Shirley MacLaine und Tati nutzen die Zeit und legten eine wunderbare Pantomime aufs Parkett, waren nicht mehr aufzuhalten in ihrer reizvoll-frechen Aktion.

Ein konträrer Erinnerungssplitter: Willy Brandt, damals noch Regierender Bürgermeister, versuchte einmal, einen Fauxpas der deutschen Zuschauer auszubügeln. Die Begründungen der Jury für die Preise waren auf Deutsch verlesen. Als nun die englischen und französischen Übersetzungen folgten, zeigten die deutschen Gäste ihr Desinteresse durch unbekümmertes Schwatzen und Lärmen. Da sprang Brandt kurzentschlossen auf die Bühne und entschuldigte sich bei den ausländischen Festivalteilnehmern. Sein Verhalten hatte Stil. Es wurde denn auch mit Beachtung und Achtung aufgenommen.

Noch viele andere Begebenheiten sind im Gedächtnis geblieben. Etwa die ersten Begegnungen mit Filmemachern und Kritikern aus den osteuropäischen Ländern. Doch manchmal mussten die vorzeitig abreisen und ihre Filme noch vor deren Aufführung wieder mitnehmen. So als die Ostblockstaaten 1979 unter dem Druck der Sowjetunion nach dem Skandal wegen Michael Ciminos Film „The Deer Hunter“ unter Protest vorzeitig abreisten. Im Trubel des Publikums hatte sich Vera Chytilova, die tschechische Regisseurin, geschickt zu verstecken gewusst. Sie war standhaft, wenn auch ängstlich in Berlin geblieben. Sie bat mich, sie nicht zur Kenntnis zu nehmen.

Als die Berlinale nach 43 Jahren mit ihrem Wettbewerb Abschied vom Zoo Palast nahm, legte deren damaliger Leiter eine Rose an der Rampe der Bühne nieder. Immerhin gilt der Zoo Palast, wie es der Berliner Filmhistoriker Wolfgang Jacobsen einmal formulierte, als das Herz der Kinostadt Berlin.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar