Zeitung Heute : Der Anden-Pakt

Alles begann 1979 auf einer Reise durch Südamerika. Junge Männer schworen sich ewige Treue. Sogar offizielles Briefpapier hat der „PactoAndinoSegundo“. Was ist das für ein Klub?

Peter Siebenmorgen

Ein Jet düst durch das Dunkel, Flug VA 930 von Caracas nach Santiago de Chile. In der Economy-Klasse der DC-8 herrscht finstere Stimmung, finster wie draußen die Nacht. Was hätte das doch für eine schöne Reise werden können für jene zwölf jungen Männer, die Deutschland vor ein paar Tagen hinter sich gelassen haben, um auf Kosten der Konrad-Adenauer-Stiftung Lateinamerika zu erkunden. Zuckerhut und weiße Strände, unberührte Naturlandschaften, indianische und iberische Kulturgüter ersten Ranges, Bergzüge, die fast noch schöner sind als die Alpen. Vieles ist wirklich sehenswert auf diesem Halbkontinent.

Doch nichts von allem. Gnadenlos hetzt Matthias Wissmann, der fast schon ewig währende Bundesvorsitzende der Jungen Union Deutschlands (JU), die Nachwuchsorganisation von CDU und CSU, seine Vorstandskollegen von einem unbedeutenden politischen Termin zum nächsten. Und jetzt, an Bord des Linienflugs der venezolanischen Viasa zur nächtlichen Stunde, muss man schon reichlich Hochprozentiges zu sich nehmen, um die Schönheit der schneebedeckten Anden , die man gerade überfliegt, wenigstens erahnen zu können. "Jetzt reicht’s", ruft einer der Jungpolitiker in die Runde. "Wir wollen endlich was von der Gegend sehen", tönt ein anderer zurück. Schneller als in der Politik sonst üblich ist der Konsens gefunden, ein bisschen Spaß muss sein, und also wird ein kleines Manifest auf einem Stück Papier aufgesetzt: "In Sorge um die hochkarätig besetzte Delegation und zum Schutze der Gesundheit schließen wir uns hiermit zum Pacto Andino Segundo zusammen." Ratifiziert am 25. Juli 1979, in luftiger Höhe.

Bei schottischem Whiskey, den die Fluggesellschaft ihren Passagieren dankenswerterweise hinreichend zur Verfügung stellt - es ist Chivas Regal, der in diesen Tagen noch als Edelmarke, als Statussymbol der Reichen und Wichtigen gilt -, wird der Bund geschlossen. Kernpunkt, Hauptforderung der Verdrossenen: "Mehr Ambiente in der Politik!" Viel davon gibt es für diese Herren, die allesamt der JU-Führung angehören, bislang tatsächlich nicht. In ihrer Alterskohorte sind sie Sonderlinge, der Geist der Zeit weht nicht nur in der Politik eher von links. Selbst in der eigenen Partei, wenigstens wenn es um die Fragen von Macht und Einfluss geht, bilden die Nachwuchshoffnungen der Union allenfalls eine Randgruppe. Reisen in ferne Länder, mal mit der Adenauer-Stiftung, mal im Namen von internationalen Zusammenschlüssen konservativer Jugendorganisationen aus Europa oder aus aller Welt, sind die eigentlichen Höhepunkte in diesen Politikerleben. Und wie diese Höhepunkte aussehen, merkt man ja gerade auf der Reise nach Lateinamerika.

Zum vorherrschenden Ambiente dieser Tage zählt aber auch, dass es gar keine Perspektive auf baldige Besserung gibt. Ziemlich genau drei Wochen, bevor der Anden-Pakt in 10000 Höhenmetern besiegelt wird, am 2. Juli 1979, hat sich die Union am Ende einer langwierigen und ausgesprochen haarigen Auseinandersetzung auf Franz Josef Strauß als gemeinsamen Kanzlerkandidaten von CDU und CSU festgelegt. Das kann ja heiter werden, lustig wird es ganz bestimmt nicht, finden die meisten JU-Politiker. So kommt es dann schließlich auch: Strauß verliert; wer weiß, wann die Union jemals wieder etwas zu melden haben wird.

Solche Generationserfahrungen prägen, sie schweißen zusammen. Auch wenn man nicht an Bord der VA 930 gewesen ist. Roland Koch, Christian Wulff, Peter Müller, Günther Oettinger, sie werden dazu gerechnet, auch wenn sie nicht zu den Gründungsmitgliedern des Anden-Paktes zählen. Mittlerweile prägen diese sogar mehr dessen Bild, als die Väter des Bündnisses Matthias Wissmann, Verkehrsminister in der Spätzeit Kohls, oder Friedbert Pflüger, jetzt Außenpolitiker, irgendwo zwischen erster und zweiter Reihe in der Bundestagsfraktion von CDU und CSU, oder Hans-Gert Pöttering, Chef der EVP-Fraktion im Europäischen Parlament, oder Elmar Brok, omnipräsenter Strippenzieher in der westfälischen CDU und Allzweckwaffe als Europa-Abgeordneter und Medien-Lobbyist in Brüssel, oder Namen, die keiner mehr nennt, wie Bernd Huck, mittlerweile niedergelassen als Fachanwalt für Steuerrecht und Arbeitsrecht in Braunschweig und von der Gründung des Anden-Paktes an bis in die Gegenwart El Secretario General, Generalsekretär, des Bundes.

Warum einem eher Roland Koch, der erst später hinzukam, als Franz Josef Jung, Mitgründer und 1979 Stellvertreter von Wissmann im JU-Bundesvorstand, in den Sinn kommt, wenn heute vom Anden-Pakt die Rede ist, liegt auf der Hand. Denn in der Öffentlichkeit kann sich niemand vorstellen, erst recht nicht in der Parteiöffentlichkeit der Union, dass der Anden-Pakt eine reine Spaßveranstaltung sein soll. Mitgliedskonto, jährliche Hauptversammlungen, regelmäßige Auslandsreisen, gar ein richtiges offizielles Briefpapier - das können nicht bloß Schrullen und Ausweis von Lebensfreude sein, da muss etwas zutiefst Machtpolitisches dahinter stecken. Sind es doch ausschließlich Männer aus der alten Bundesrepublik, die da zusammen geschlossen sind, einige zudem sehr machthungrig, während die Geschicke der CDU von einer Frau aus dem Osten - "Not one of us", wie Margaret Thatcher gesagt hätte - geleitet werden.

Auffällig ist jedenfalls, wie einig sich die Herren Anden-Paktler 2001 waren, als der Streit um die Kanzlerkandidatur der Union für 2002 zu entscheiden war. "Die nicht!", fanden sie, und einer nach dem anderen bekniete die CDU-Vorsitzende, sich dem Schicksal zu fügen. Dass dieses Schicksal einen Namen trägt, Edmund Stoiber nämlich, hätte die Verschwörungstheoretiker eigentlich skeptisch stimmen müssen. Denn schlimmer noch, als keine gemeinsame Geschichte zu haben, ist es immer noch, eine solche gemeinsame Geschichte zu haben wie die der Anden-Pakt Signatarmächte mit dem bayerischen Ministerpräsidenten.

Damals, als das Bündnis für besseres Ambiente in der Politik geschmiedet wurde, gab es nämlich kaum einen Politiker, der bei den jungen Männern unbeliebter war als jener Bayer, der soeben dabei war, sich seinen Rufnamen "blondes Fallbeil" redlich zu verdienen. Franz Josef Strauß als Kanzlerkandidaten wollten seinerzeit die Jungunionisten mehrheitlich nicht. Im politischen Alltag freilich war Stoiber ihre größte Plage. Denn der fand noch mehr als an der Bekämpfung des politischen Gegners und des gerade amtierenden Bundeskanzler Helmut Schmidt Gefallen daran, die werten Parteifreunde jenseits des Mains zu attackieren - und das mit besonderer Hingabe, wenn diese den CDU-Sozialausschüssen oder der Jungen Union angehörten.

Wenn die Jungen nicht richtig spurten, bekamen sie es auch immer wieder schriftlich von Stoiber, dem CSU-Generalsekretär und obersten Wahlkämpfer von Strauß, dass die Haltung des Bundesvorstands der Jungen Union Deutschlands zum Kanzlerkandidaten unsäglich verantwortungslos sei: Das "grenzt an politische Prostitution" kann beispielsweise Wissmann in einer temperamentvollen Epistel Stoibers vom 12. September 1979 nachlesen. Eine regelrechte Brieffreundschaft entwickelt sich da über die Zeit, die an Innigkeit wenig zu wünschen übrig lässt.

Seitdem die führenden Repräsentanten des Anden-Paktes mittlerweile Stoibers Kollegen geworden sind, hat sich die alte Art der Wertschätzung auf einem neuen Niveau verfestigt: Diesen Besserwisser und Zauderer, den wankelmütigen und allenthalben mit unsolidarischen Spontanleistungen aufwartenden Edmund Stoiber - leiden können sie ihn immer noch nicht.

Dennoch klingt die Geschichte vom Männerbund gegen Angela Merkel natürlich sehr viel schöner als die ungleich einfachere Begebenheit, dass die Mehrheit der Andinos, die längst als Urgewächse der Union gelten dürfen, bei der Wahl zwischen zwei üblen Alternativen seinerzeit einfach für Erfahrung und Tiefenverankerung in der gemeinsamen politischen Heimat Union optierten. Und nach der Bundestagswahl, in realistischer Einschätzung der Möglichkeiten, eigene Ansprüche durchzudrücken, klar auf Merkel setzen - auch, wenn sie die immer noch als eine Fremde im eigenen Land verstehen. Wobei "eigen" durchaus auch als Possessiv-Begriff verstanden werden darf.

Immer noch halten sie zusammen, wenn es darum geht, Angriffe gegen einen der Ihren abzuwehren. Die Krähen lassen die Augen der anderen in Frieden. Sicher ist auch, dass sie bei ihren regelmäßigen Zusammenkünften über Politik reden. Worüber sonst reden Politiker, wenn sie beisammen sind? Sollte der Anden-Pakt tatsächlich jemals mehr als ein Mythos gewesen sein, dann ist sein Ruf als Machtkartell doch längst angeknackst. Einen schlagenderen Beweis als die Durchsetzungskraft der CDU-Vorsitzenden kann es kaum geben.

Vielleicht liegt hier bereits der nächste Mythos begründet. Denn Angela Merkel umgibt sich - das ist auffällig - fast nur mit Frauen. Mehr wird man darüber womöglich in jener Biographie über Angela Merkel lesen, an der gerade Gerd Langguth arbeitet: Nur den Mitinsassen des "Girlscamp" vertraue sie wirklich: Beate Baumann, ihre Bürochefin; Eva Christiansen, die Pressesprecherin; Willi Hausmann - ach nein, der frühere Bundesgeschäftsführer der CDU und heute Merkels Mädchen für alles ist ja ein Mann. Ein Mann wie Volker Kauder, Norbert Röttgen, Peter Hintze, Peter Altmeier. Und all die anderen.

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