Zeitung Heute : Der Anfang vom Anfang

Zu einer Jubelarie sei er nicht hergekommen, sagt Marco Pighetti. Nein, er will des Kanzlers Agenda verhindern. Etliche Delegierte auf dem SPD-Sonderparteitag wollten das. Doch am Ende haben sie verloren. Denn Gerhard Schröder hatte zwei neue Unterstützer.

Markus Feldenkirchen

Die Botschaft des Tages schimmert rot auf einer Hanuta-Waffel: „Mut zur Veränderung, Eure SPD“, haben die Organisatoren des Sonderparteitags auf die Verpackung drucken lassen. Aber Marco Pighetti hat weder Mut noch Lust. Die Waffel isst er auf, das Papier mit dem Slogan lässt er unter den Tisch fallen. Er ist 39 Jahre alt, Sozialdemokrat und aus Wiesbaden nach Berlin gereist, um Gerhard Schröders Reformagenda zu verhindern. Drei Änderungen will Pighetti mit den anderen Linken durchsetzen. Nur wenn das gelingt will er der Agenda zustimmen. „Sonst hat der Schröder Pech gehabt.“ Der Schlips mit den Kirschen drauf zappelt erregt vor seinem Bauch.

Als der Kanzler von hinten einzieht in den Saal des Estrel-Hotels und im Takt des schwachen Beifalls an Pighettis Tisch vorbeikommt, dreht der den Kopf genervt in die andere Richtung. „Zu einer Jubelarie bin ich nicht hergekommen“, sagt er und verschränkt die Arme.

Der Applaus hält sich auch in Grenzen, als Gerhard Schröder ein wenig später zu seiner vielleicht wichtigsten Rede ans Pult schreitet. Sollte es Genossen wie Pighetti doch noch gelingen, seinen Reformkurs zu bremsen, ihn damit gar zum Rücktritt zu zwingen? Eigentlich wollte Schröder auf diesem Parteitag doch die neue SPD ausrufen, zumindest aber einen Mentalitätsbruch und ein „neues Denken“. Er atmet noch einmal tief durch, schiebt die Unterlippe nach vorne, setzt die Brille auf. Ein wenig später steht er wie ein Kirchentagsprediger vor den Genossen, der die Zweifelnden zum Glauben an den Politikwechsel bekehren will. Arme und Hände hat er zum Saal hin geöffnet, die Stimme ist weich, manchmal flehend, wenn er seine Zuhörer auffordert, „Mut zur Wahrheit“ zu haben, wenn er Ferdinand Lassalles Satz aus den Anfängen der Parteigeschichte zitiert: „Aussprechen, was ist.“

Spätestens seit der Geburtstagsfeier zum 140. der Sozialdemokratie hat der Muss-ja-Parteichef Gefallen daran gefunden, Argumente für die Gegenwart aus der stolzen SPD-Vergangenheit zu fischen. Auch auf dem Sonderparteitag verteilt er wieder die sozialdemokratischen Grundwerte wie der Priester den Weihrauch: Freiheit, Solidarität, Gerechtigkeit. Diese Werte seien „unverbrüchlich“, sie würden mit der Agenda nicht in Frage gestellt. Jetzt gehe es nur um die Instrumente. „Wir dürfen die Instrumente nicht mit den Werten selbst verwechseln“, sagt Schröder. Zur Sicherheit legt er dann selbst noch einmal fest, was Wert und was Instrument ist: Die Privatisierung des Krankengeldes etwa, die die Agendakritiker am ärgsten verurteilen, sei ein Instrument, kein Angriff auf echte Prinzipien. Nicht jeder im Saal will sich dieser verordneten Trennung anschließen. Marco Pighetti schüttelt verzweifelt den Kopf.

Die „Wer-wenn-nicht-wir“-Rede

Oben auf dem Podium hat Ottmar Schreiner, der Wortführer der Linken, den Blick unter die Tischkante fixiert, so als sortiere er dort Briefmarken. Vielleicht bereitet er sich auch innerlich auf die Konterrevolution vor, als Schröder den Genossen gerade klar machen will, „dass wir in mancher Hinsicht vor einer politischen Zäsur stehen“. Schröder hält eine Mischrede aus Kampf und Vorlesung, aus Hand in der Tasche und geballter Faust. Er beschwört den Zusammenhalt, versucht, alle einzubinden, selbst Michael Sommer, den grimmig dreinschauenden DGB-Chef unten in der ersten Reihe umarmt er mit Worten.

Es ist eine „Wer-wenn-nicht-wir“Rede. Immer wieder greift er zu diesem Satzanfang, um die Genossen von Dingen zu überzeugen, die vielleicht ihren Kopf, aber nicht ihr Herz erreicht haben. „Ich bitte Euch wirklich von Herzen um Eure Zustimmung“, sagt er am Ende ruhig und zutraulich und blickt dabei wie ein treuherziger Welpe. Leider lassen sich nur ein paar Genossen aus Nordrhein-Westfalen von der warmen Geste beeindrucken. Außer ihnen erhebt sich keiner im Saal. Nur der Kanzler selbst steht immer wieder auf, um den Plätscherbeifall ein wenig zu verlängern. Marco Pighetti schöpft in diesem Moment noch einmal Hoffnung. „Der Applaus war mager. Vielleicht gelingt uns ja doch noch ein Wunder.“ Vielleicht. Die Anspannung lässt er an seinem Kaugummi aus.

Seine Hoffnung wächst noch, als Ottmar Schreiner aufgerufen wird. Schreiner hat die Gabe, seinen Kopf innerhalb einer Minute tiefrot färben zu können. Kein anderer kann die Wut vieler Genossen über Schröders Reformwerk auch optisch so anschaulich darstellen. „Die Agenda wird nicht Teil der Lösung sein, sondern unsere Probleme auf dem Arbeitsmarkt eher verstärken“, brüllt er ins Mikrofon. Schreiners Stimme droht bereits beim fünften Satz zu versagen. Er lässt noch einmal Luft ab, darüber, dass Schröder nun ausdrückliche Wahlversprechen brechen will. „Wir müssen endlich mal von oben nach unten verteilen“, ruft Schreiner. „Gut, der Ottmar“, brummt Marco Pighetti. Seine Kollegen aus dem rebellischen Landesverband Hessen-Süd stimmen „Ottmar, Ottmar“-Rufe an. Einige fordern „Zugabe“. „Ein kleiner Oskar ist das“, sagt Pighetti später. Doch Schreiner ist eben nur ein kleiner Oskar Lafontaine. Anders als dem einstigen Parteichef gelingt es ihm und den anderen linken Fürbittern nicht, einen Parteitag zu kippen, die Stimmung noch rumzureißen.

Ein energischer Oberlehrer

Das liegt auch an den zwei wertvollsten Schröder-Unterstützern an diesem Tag, zwei Herren aus der Ahnenriege der Partei. Auf einmal steht da der magere Erhard Eppler am Rednerpult und hält mit schwacher Stimme das flammendste Plädoyer für den Kanzler und seine Agenda. Eppler ist das lebende Beispiel dafür, dass Geschichte sich wiederholt. Und dass man aus ihr lernen kann.

Anfang der 80er war es der Parteilinke Eppler, der mit seinen Reden den Sturz des eigenen Kanzlers Helmut Schmidt beförderte. Nun aber, gut 20 Jahre später, scheint er mit letzter Kraft den Fehler von damals wieder gut machen zu wollen. Die parteiinterne Diskussion hat für ihn den „Charakter der Selbstzerstörung der Arbeiterbewegung“, geißelt Eppler die Schröder-Kritiker. „Hört endlich auf damit.“ Die Botschaft des Parteitags müsse zwar nicht lauten: „Wir sprechen Gerhard Schröder unfehlbar. Aber sie muss lauten: Dieser Kanzler ist unser Kanzler und er bleibt unser Kanzler!“ Zum Schluss erhält Eppler leidenschaftlichen Applaus.

Kurz vor Ende der Generaldebatte tritt dann noch Hans-Jochen Vogel an. Der Oberlehrer müsse auch noch ein paar Bemerkungen machen, sagt er. Und diese Bemerkungen trägt er so energisch, so überzeugend vor, dass der glücklich lächelnde Schröder sich in dem Moment fragen muss, warum er den Vogel nicht schon vorher mit auf Veranstaltungen genommen hat. „Es geht nicht darum, ob wir sozialdemokratische Grundwerte aufgeben“, donnert Vogel. „Es geht darum, ob wir Veränderungen der Realität anerkennen oder nicht.“ Damit ist die Ouvertüre zur Zäsur in der Geschichte der Sozialdemokratie abgeschlossen. Den großen Worten folgt die Kleinarbeit. Auch kleine Revolutionen müssen geordnet vonstatten gehen.

Lächeln, sozialdemokratisch

Wer diesem Marathon aus Rede, Gegenrede, dem Feilschen um Formulierungen, um Halbsätze folgt, der mag nicht ganz daran glauben, dass hier gerade an der Zukunft der SPD, am Aufbruch des Landes gearbeitet wird. Kurz vor den Abstimmungen über das Arbeitslosengeld und das Krankengeld ergreift der Kanzler noch einmal das Wort, droht indirekt erneut mit seinem Rücktritt, redet ruhig von Redlichkeit im Umgang miteinander. Und setzt sich durch.

Um 16 Uhr 05, nach vierstündiger Debatte, ruft Peer Steinbrück die Genossen zur Abstimmung über die Agenda auf. Marco Pighetti, der Kirschschlipsträger aus Hessen, schaut ängstlich in die Weite der Halle. Viel zu viele Hände erheben sich zur Zustimmung. Jetzt ist er dran. „Wer ist dagegen“, fragt Steinbrück. Pighetti reckt seine weiße Stimmkarte mit dem roten D für „Delegierter“ ganz besonders hoch, wie ein Leuchtturm des Protestes sitzt er da. Ziemlich alleine. Rund 90 Prozent seiner Partei denken anders als er. Ganz ruhig nimmt Gerhard Schröder das überraschend eindeutige Ergebnis zur Kenntnis. Die gepressten Lippen lockern sich langsam zu einem Lächeln. Dann erhebt er sich, nickt zum Dank den Genossen zu und hebt die gefalteten Hände zur zaghaften Siegerpose.

Pighetti hat die Hände vors Gesicht gelegt, vergräbt sich für einige Sekunden. Eigentlich hatte er sich ein „sehr schlechtes Ergebnis“ für Schröder gewünscht. „Er hat ja selber durchblicken lassen, dass es mit der Agenda selbst nicht getan ist, dass das erst der Anfang ist“, sagt Pighetti. Unter dem Tisch liegt noch immer das Hanuta-Papier.

Vielleicht hätte er bei der Vogel-Rede besser zuhören sollen. „Wer immer nur mit dem Mundwinkeln nach unten unter seine Mitmenschen tritt, der muss sich nicht wundern, wenn er in Isolation und Verbitterung gerät“, hatte der gesagt. „Das ist nicht sozialdemokratisch.“ Aber Pighetti kann jetzt nicht lächeln. Vielleicht ist er seit diesem Tag einfach nicht mehr sozialdemokratisch.

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