Zeitung Heute : Der Angriff der Gegenwart

Ulrich Rüdenauer

Ulrich Peltzers neue Erzählung beginnt als Film in Worten. Wir befinden uns mitten in New York, in der Public Library, gelegen an der Fifth Avenue. In einer langen Kamerafahrt wird die Umgebung der riesigen Bibliothek abgetastet, ein Versuch, Vertrautheit mit der Stadt herzustellen. Es gibt Zooms und Schwenks, Groß- und Detailaufnahmen kartografieren diesen urbanen Ausschnitt Manhattans: von zahllosen Fenstern durchbrochene Häuserfassaden, ein Schnellrestaurant oder den angrenzenden Bryant Park, der Ulrich Peltzers New York-Erzählung ihren Namen gibt. Wie eine sinnliche Vergewisserung wirkt das. Die Wahrnehmung ist gereizt, setzt die kleine Beobachtung gegen die Totale der nervös pulsierenden Metropole, die in "Alle oder keiner", Peltzers letztem Roman, noch Berlin hieß.

Wenn die Augen brennen

Von der Bibliothek ausgehend, dem Ort der Geschichten, der Erinnerungen, der Schrift, liegt die Stadt als offenes Buch vor dem Auge des Betrachters. Die Wirklichkeit kommt - vielgestaltig. Der zu Anfang seltsam unfassbare Protagonist, dessen Wahrnehmungen wir wahrnehmen, sitzt in der Bibliothek. "Die Augen brennen ein wenig von der Arbeit an einem der Lesegeräte im ersten Stock der Bücherei", ermüdet von der Suche nach bestimmten Namen in den Taufregistern neuenglischer Gemeinden. Ein Stipendium hat den Autor nach Manhattan geführt, aber die Konzentration auf die Dokumente wird immer wieder gestört - nicht nur durch die Stadt, die gelesen werden will und die Aufmerksamkeit fesselt. Auch die archivierten Aufzeichnungen scheinen Schichten zu bergen, die eigene Phantasien in Gang setzen: "Man möchte Geschichten dazu erfinden, das Gerippe der Daten, einzelner Worte, kryptischer Bemerkungen auffüllen mit den Kapiteln des Dramas, das man dahinter vermutet, nachhallend bis heute durch die dürren Angaben hindurch; immer wieder schweifen die Gedanken ab, entzündet sich die Phantasie an einem Schnörkel auf den oft rissigen, von Falzspuren gezeichneten Seiten, die der Bildschirm vergrößert zur Schau stellt."

In diesem Ausschnitt fällt das Wort, mit dem sich Ulrich Peltzers Erzählung am ehesten charakterisieren ließe: Abschweifung. Während der Erzähler über seinen Papieren sitzt, durch die Stadt streift oder in einem Diner-Restaurant das tonlose Fernsehprogramm verfolgt, schweifen seine Gedanken umher, geraten in ein früheres Leben, verlinken fast zwanghaft Abgespeichertes mit gerade Eingescanntem. Etwas Vergangenes schiebt sich retardierend in die Chronologie. Weil sich etwas anderes einfügt, gerät der Zeitplan für die Arbeit "aus den Fugen".

An diversen Bruchstellen geht Wahrnehmung in Vorstellung und Erinnerung über. Das geschieht oft absatzlos, mitten in einem Satz. Die Schrift kippt ins Kursive; manchmal setzt ein Abschnitt die Marke des Übergangs von einer Zeitschicht zu einer anderen. Die Erinnerungsspuren laufen im Bewusstsein des Erzählers zusammen, "die Dinge gehen durch ihn hindurch", wie es in Peltzers 1995 erschienenem Roman "Stefan Martinez" ganz am Ende heißt. Erst in diesen Passagen gibt sich der Erzähler nach und nach zu erkennen, sein Name, Stefan, taucht am Rande auf; biografische Splitter setzen sich zusammen zu einem Bild, scheinen aber zugleich den Erzähler zu zerreißen: Das Ich ist auch im 21. Jahrhundert ein ziemlich fragmenthaftes Wesen.

Drei Erzählebenen, drei Zeitschichten fügen sich so in "Bryant Park" ineinander: Neben dem Hier und Jetzt eines New Yorker Nachmittags und Abends steht die Geschichte eines missglückten Drogendeals, der in Berlin beginnt und den jungen Erzähler an den Golf von Neapel führt. Den anderen Pol der Erinnerung bildet das Sterben des Vaters, die eindringlich geschilderten letzten Tage, die der Erzähler im Krankenhaus mit dem alten Mann verbringt. Es geht etwas zu Ende, Abschiede und Verletzungen geben diesen Erinnerungen einen elegischen Grundton; es gelingt nicht, "die an jeder Ecke lauernden Bilder einer Vergangenheit" loszuwerden. Auch in New York kommt dem Ich-Erzähler etwas abhanden, wir erfahren das erst in Andeutungen: Sarah, die junge Schauspielerin, mit der er zusammenlebt, entfernt sich vom Protagonisten. Langsam lassen sich die "Ungereimtheiten und Ansprüche" dieser Beziehung nicht mehr in Balance bringen, wieder bricht etwas entzwei.

In langen, spröden Sätzen ziehen sich die Erinnerungsfäden durch die Gegenwart. All diese Stränge treffen sich an einem Nachmittag in New York, der von Anfang an von einer bedrohlichen Atmosphäre durchdrungen ist. "Irgendwo in der sechsunddreißigsten sei ein Gerüst eingestürzt, wird gesagt" - Polizeisirenen, Ambulanzfahrzeuge, Verkehrschaos in der Fifth Avenue, Menschen, die mitten auf einer abgesperrten Straße gehen, ein Bild wie aus einem Katastrophen-Film. Der Protagonist verfolgt Fernsehberichte über das Unglück. Die Bilder verknüpfen sich mit den eigenen Schicksalsbildern, der draußen ablaufende Film wird gestört und ergänzt durch einen Film im Kopf. Und die Bilder verweisen schon auf eine viel größere Katastrophe.

Ein weiterer Film spielt eine Rolle: Am Abend des geschilderten Tages findet im Bryant Park eine OpenAir-Kino-Vorführung statt, bei der John Hustons "Moby Dick" gezeigt wird. Die Geschichte vom Kampf Ahabs mit dem Weißen Wal liest sich als Fortsetzung der unheilvollen Bilder im Kopf des Erzählers, als Fortsetzung einer Todes-Motivreihe. Und der Film ist ein weiterer medialer Filter, durch den der Protagonist die Welt wahrnimmt. Die Vorführung von "Moby Dick" wird mit einer Szene in einem Berliner Kino zusammenmontiert, wo der Erzähler sich mit dem Filmvorführer Nils trifft, der ihn zu einem Drogengeschäft überredet: "Am Rand des Kieswegs findet sich ein Stück Rasen, das von niemandem bisher besetzt wurde, man kann sich lang hinlegen mit seiner über der Ledermappe zusammengeknüllten Nylonjacke als Polster im Nacken zurrte Nils den abgebremsten, nun zwischen den beiden Achsenarmen des Umrollers aufgespannten Film nach unten zur Tischplatte, um ihn an der weiß markierten Stelle auseinanderzuschneiden."

Eine Folge von Nervenimpulsen

Der Text reflektiert - ähnlich wie hier - an vielen Stellen seine Machart. Nicht immer sind die Übergänge vom Präsens ins Präteritum so direkt motiviert, nicht immer reaktiviert ein Bild in der Gegenwartsebene ein vergleichbares aus der Vergangenheit. Oft sind es assoziative Verknüpfungen und harte Schnitte, die als "eine Folge von Nervenimpulsen" erscheinen. "Einander umschlingende Sätze, eine Vielzahl von Schnittstellen bildend."

Die größte Schnittstelle des Buches wirft uns zugleich aus der Fiktion - ein unvorstellbarer Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit, auf die Erzählung, auf die Geschichte des Erzählers, auf den Autor selbst: Wir befinden uns plötzlich in Berlin, es ist der 11. September 2001, ein Schriftsteller mit Namen Ulrich verfolgt am Fernsehgerät die kriegsähnlichen Ereignisse in New York und versucht verzweifelt, Kontakt aufzunehmen zu einer Freundin, die gerade in Manhattan lebt. K., eben diese Freundin, die sich schließlich per Mail meldet, ist Kathrin Röggla, eine in Berlin lebende Schriftstellerin, die sich zur Zeit der Terroranschläge in New York aufhielt und darüber in ihrem Buch "really ground zero" Auskunft gibt. Schon sind wir im Mikrokosmos des Autors, im wirklichen Leben des Ulrich Peltzer, der 1956 in Krefeld geboren wurde und seit 1975 in Berlin zu Hause ist. Das Heraustreten aus der Erzählung zieht der Erzählkonstruktion einen neuen Boden ein - entzieht ihr aber auch den relativ sicheren Boden der Fiktionalität.

Ein Opfer der neuen Zeit

Wollte man es böse formulieren, so ließe sich der Exkurs in die Schreibkrise des Autors Peltzer ein wenig prätentiös nennen. Allerdings ist gerade das auch wieder interessant: Wie kann diese Erzählung weitergehen, "die der Anschlag unterbrochen hat wie man beim Lesen eine Seite verschlägt, die man auf Anhieb nicht wiederfindet"? Wie geht es heraus aus der Krise, die letztlich genau auf das Thema des Peltzerschen Schreibens weist: auf die Frage nach der Konstruktion von Wirklichkeit, von Erfahrung, auf das Wechselspiel von medialem und realem Erleben? Wie verhält sich das fast schon als Hollywoodfilm inszenierte Geschehen in den Nachrichtensendungen zur fiktionalen Geschichte? Wie kann man auf das Ereignis reagieren, obwohl eine angemessene Reaktion eigentlich Zeit beanspruchte? Rainald Goetz kam in seiner Erzählung "Dekonspiratione" 1999 der Kosovo-Krieg dazwischen. Auch hier trat nach zwei Dritteln des Buches der Text seinem Autor als etwas Fremdes, nicht mehr Fortführbares entgegen: "diese Geschichte", schreibt Goetz, "war ein Opfer der neuen Zeit geworden." Bei Peltzer ist es zwei Jahre später ein anderer Krieg, der das Weiterschreiben unterbricht. Aber nicht beendet. Da sein Text programmatisch etwas Fragmenthaftes und Hochreflektiertes hat, erscheint das eingeschobene, selbstreferentielle Kapitel nur konsequent. So wird die Methode Peltzers noch auf die Spitze getrieben, der Exkurs fügt sich in den Rhythmus des Textes ein - als Fremdkörper zwar, der aber durch die vorhergegangenen Erzählbewegungen eine gewisse Motivation erfährt. Die fiktive Geschichte läuft schließlich weiter, aber sie schließt so, dass man merkt: Der Erzähler und der Autor sind mit ihr noch lange nicht fertig. "Ein erster Satz aus dem Nichts", lautet der letzte Satz von "Bryant Park".

Peltzers Schreibprojekt erscheint anachronistisch und avanciert zugleich. Es speist sich aus einem Fundus von Stilmitteln, der spätestens in der literarischen Moderne angelegt wurde. Damit erweist sich sein Schreiben als angenehmer Gegenpol zu jenem verbreiteten, leichtfertigen Erzählen, das über die Probleme der Form ebenso ahnungslos hinwegsieht wie über die Brüchigkeit der geschilderten Realität. In der Spannung der intermedialen Versuchsanordnungen und Bewusstseinsströme und einer fast schmerzhaften Nähe zur Gegenwart liegt das Faszinierende von Ulrich Peltzers Literatur. Die schmale Erzählung ist mehr als ein weiterer Reflex auf den 11. September. Sie ist erzählerisch auf der Höhe der Zeit.

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