Zeitung Heute : Der Angriff des weißen Schwans

ICH SEHE WAS, WAS DU NICHT SIEHST

Benjamin Lebert

In einer Woche erlebt jeder von uns schätzungsweise 10 000 Momente. Einen davon hält Benjamin Lebert fest.

Mein ganzes Leben lang habe ich nicht gewusst, dass es Trauerschwäne gibt. Trauerbirken, Trauerweiden, Trauerulmen schon, und speziell die Trauerweide ist mein Lieblingsbaum. Es gibt auch irgendeinen Schmetterling, der Trauermantel heißt. Aber Schwäne waren für mich immer weiß. Weiße, mysteriöse, langhalsige Vögel, die sich im Wasser spiegeln, und immer aussehen, als würden sie über etwas nachdenken, etwas Wesentliches ergründen wollen. Einmal wurde ich von einem weißen Schwan angegriffen, und das war überhaupt nicht lustig. Er hatte einen riesigen, aufgerissenen Schnabel und eine hässliche Stimme. Meine Oma rettete mich mit ihrem aufgespannten Regenschirm.

Die Begegnung mit den Trauerschwänen fand in München statt, im Englischen Garten, wo es einen See gibt. Auf dem See fahren Boote, schwimmen Enten und Graugänse, und segeln ganz majestätisch fünf Trauerschwäne.

Am Uferrand des Sees saß eine junge Frau auf einem Klappstuhl. Sie hatte ein schwarzes T-Shirt an und eine blaue Jeans und ein Baseballcap, unter dem die langen, blonden Haare hervorhingen. Sie war etwas dick, saß auf ihrem Stuhl und blickte unverwandt aufs Wasser. Von Zeit zu Zeit kamen schnatternde Töne von ihren Lippen: „Diego, Pablo, Carmen, nicht so weit hinaus!“ Ich stellte mich neben sie. „Alles in Ordnung?“, fragte ich.

„Ja, die sollen nicht so weit hinausschwimmen“, sagte sie. „Es sind nämlich meine Trauerschwäne. Sie gehören alle fünf mir. Sie sind im Tierpark zum Verkauf angeboten worden. Und da habe ich sie gekauft. Wissen Sie, es gibt nur noch 49 davon hier bei uns. Und ich passe auf sie auf.“

„Sind Sie jeden Tag hier?“, fragte ich.

„Ich wohne nicht weit weg", gab sie zur Antwort. Normalerweise arbeitete sie in einem Videoladen. Morgens und am späten Nachmittag kam sie immer hierher. Das erzählte sie, ohne mich dabei anzuschauen. Sie sah immer nur aufs Wasser. Ab und an sagte sie: „Schöne Carmen, brav, brav Diego!“ Jeder ihrer fünf Schwäne hat einen Namen: Diego, Carmen, Tonio, Pablo, Lola. Auf Diego musste sie besonders Acht geben. Er hatte sich vor kurzem den Flügel gebrochen, sie war mit ihm beim Tierarzt. Seither kommt er nicht mehr aus dem Wasser heraus, um sie zu begrüßen, wenn sie kommt. Manchmal hatte er sich auch ganz dicht zu ihr gesetzt. „Vielleicht glaubt er, ich war es, die ihm weh getan hat.“ Seit sie die Schwäne gekauft hat, sind sie ihr Lebensinhalt. Sie liest alles darüber, über ihre Lebensgewohnheiten und ihre Bedürfnisse. Sie wachsen mir jeden Tag mehr ans Herz, sagte sie. Ich habe mich immer schon für diese Vogelart interessiert. „Sie sind so schön, wie etwas Fremdes auf der Erde. Und Carmen ist die Schönste.“

Eigentlich kommen Trauerschwäne aus Australien. Ich erfahre, dass sie wahnsinnig empfindlich sind, psychisch gemeint. Weil sie schwarz sind und nur zu fünft, unter den vielen anderen weißen Schwänen, werden sie dauernd gebissen und gejagt. Die Hunde, die im Englischen Garten oft frei laufen, springen ins Wasser und bedrohen sie. Als sie am vorherigen Tag einen Hundebesitzer deswegen beschimpft hat, sagte der nur: „Was willst’ denn mit deinen blöden Enten?“ Zum ersten Mal sah sie mich an. Eine junge Frau, nicht besonders hübsch, deren beste Freunde fünf schwarze Schwäne sind. Vielleicht fühlt sie sich auch fremd ohne sie. Auf der Erde.

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