Zeitung Heute : „Der Anschlag in Kabul deutet eher auf Al Qaida“

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Nach dem Selbstmordanschlag auf einen deutschen Militärkonvoi in Kabul. Wie gefährlich sind die Taliban, Frau Maaß?

In der Vergangenheit verübten die Taliban normalerweise keine Selbstmordanschläge. Auch die afghanische Bevölkerung lehnt Selbstmordanschläge absolut ab. Insofern deutet der Anschlag eher auf Al-Qaida-Kämpfer hin, die in Afghanistan operieren – also auf ein internationales Element. Die alte Talibanbewegung ist inzwischen in verschiedene kleine Gruppen zersplittert. Doch erhielten diese neuen Kommandos im letzten Jahr Zulauf.

Was sind die Gründe?

Das hängt zum einen mit dem Vorgehen der US-Streitkräfte zusammen. Vor allem im Süden und Südosten des Landes stürmen die Spezialkräfte bei ihrem Kampf gegen vermutete Talibannester immer wieder Häuser der Afghanen auf dem Land und dringen gewaltsam in den tabuisierten Frauenbereich ein. Das verletzt den Stolz der Bevölkerung. Die Familienoberhäupter, die eigentlich keine Sympathie für die Taliban hatten, fühlen sich in ihrer Ehre so verletzt, dass sie dann eher bereit sind, über die Grenze von Pakistan einsickernde Taliban zu decken und sie nicht dem US-Militär zu melden.

Gibt es auch innerafghanische Gründe?

Seit den letztjährigen Präsidentschaftswahlen ist eine unterschwellige Desillusionierung über den Präsidenten Hamid Karsai in Teilen der Bevölkerung zu spüren. Besonders im Süden und Südosten fühlt man sich benachteiligt, weil die dortige unsichere Lage den Zugang zur internationalen Wiederaufbauhilfe erschwert.

Wie erklärt sich dann der Anschlag auf die Deutschen in Kabul, wo die Gelder fließen?

Auch das spricht dafür, dass dieser Anschlag nicht von den „alten“ Taliban, sondern von international operierenden Al-Qaida-Leuten verübt wurde. Verantwortlich könnte aber auch Gulbuddin Hekmatjar sein. Er hat sich als einziger der früheren Mudschaheddin-Führer dem politischen Prozess unter Hamid Karsai verweigert und kämpft aus dem Untergrund gegen die internationale Präsenz. In den 80er Jahren war Hekmatjar der führende Kopf der in Peschawar gegründeten Allianz von sieben sunnitischen Mudschaheddin-Kommandanten und erhielt damals den weitaus größten Anteil der US-Waffenhilfe gegen die sowjetische Besatzungsmacht. Seitdem wandelte er sich vom bevorzugten Verbündeten Washingtons zu dessen fanatischstem Feind.

Was heißt das für die Bundeswehr?

Das Attentat am Montag ist ein tragisches Ereignis, das wieder beweist, wie labil die Sicherheitslage weiterhin in Afghanistan ist. Dennoch ist es kein Indiz für das Umkippen des Landes in erneute schwere Gewalttätigkeiten. Man kann nicht erwarten, dass ein Land nach 25 Jahren Krieg innerhalb von vier oder fünf Jahren befriedet werden kann. Für eine deutsche Bewertung des Attentats ist zu beachten, dass sich diese Anschläge nicht speziell gegen deutsche Soldaten richteten, sondern grundsätzlich gegen die internationale Schutztruppe Isaf.

Ist diese Militärpräsenz notwendig?

Absolut. Wäre die Isaf nicht seit 2002 im Land, wären die alten Streitigkeiten zwischen den afghanischen Warlords weitergegangen: Dann würden wir heute nicht die derzeitige relative Befriedung sehen. Doch der Zustand ist nach wie vor sehr labil. Für die Zukunft Afghanistans bin ich vorsichtig optimistisch.

Das Gespräch führte Martin Gehlen.

Citha M. Maaß ist Afghanistanexpertin bei der Stiftung Wissenschaft und Politik. Sie ist gerade von einem zweijährigen Aufenthalt in Afghanistan zurückgekehrt.

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