Zeitung Heute : Der Arzt im Paradies

Das erste Mal ausschlafen seit Jahren: Warum der Charité-Anästhesist Michael Martin jetzt in einem britischen Krankenhaus arbeitet

Christine-Felice Röhrs[Llanelli]

Irgendwo auf Seite zwei des Vertrags steht das Beste. Die genaue Formulierung hat er vergessen. Vielleicht „bis 65“? Oder „bis 2033“? Egal, wie es heißt. Es bedeutet: Dies ist eine Anstellung auf Lebenszeit.

Bis vor eineinhalb Jahren hatte Michael Martin, 38, Anästhesist, Spitzname Micky, nie einen Vertrag in der Hand, der länger als zwei Jahre gültig war. Er war seit zehn Jahren an der Charité. Er hatte dort studiert, den Arzt im Praktikum gemacht, als Assistenzarzt gearbeitet, und wäre er noch in Deutschland, er hätte vergangene Woche auch für Streik gestimmt, um 30 Prozent mehr Gehalt zu erkämpfen, geregeltere Arbeitszeiten und vollständige Vergütung der Überstunden. Vielleicht hätte er ein Schild hochgehalten mit der Aufschrift „Auf nach England“. Man hat viele dieser Schilder gesehen in den letzten Wochen, da deutschlandweit Klinikärzte auf den Straßen waren und die Tarifverhandlungen andauern.

Er sagt: „Die haben uns immer gedroht: Es warten genug andere auf euren Job. Wenn es euch hier nicht passt, geht doch weg.“

Es passte ihm nicht mehr. Er ging weg. Auf nach England. Na ja, Wales in seinem Fall.

Der walisische Regen trommelt aufs Dach des Prince Philip Hospitals, man hört es überall in der Klinik, sie ist klein. Sie liegt inmitten von nirgendwo, nordwestlich von Cardiff, Llanelli heißt der Ort, was sich spricht wie Chlanechli, 30 000 Einwohner nur – aber der Ärztestab ist international. Um die Kaffeemaschine im Aufenthaltsraum der Anästhesisten, zweiter Stock, Blick auf den Parkplatz, stehen ein Südafrikaner, ein Tscheche, ein Waliser und ein Deutscher herum und erzählen Witze auf Englisch. Sie sehen aus wie Schlümpfe in ihren blauen Kitteln und der zipfeligen OP-Kappe. Michael Martin erkennt man von weitem nur daran, dass er der größte Schlumpf ist. Hier sind alle gleich – und nicht nur äußerlich. Das Team besteht insgesamt aus sieben Mann. Einen Chefarzt gibt es nicht. Die höchste Position ist der „Consultant“, eine Mischung aus Chef- und Oberarzt. Alle sieben Ärzte im Team sind Consultants, einer macht die Teamleitung. Anschaffungen werden demokratisch diskutiert, Dienste gemeinsam festgelegt.

Wer Michael Martin in Wales besucht, kann einen Arztalltag besichtigen, von dem seine ehemaligen Kollegen in Berlin nur träumen können. Der Streik an der Charité ist am Freitag zwar in letzter Sekunde abgewendet worden, die Klinikleitung hat Zugeständnisse gemacht, aber es müssen auch weiterhin erschöpfte Ärzte 24-Stunden-Schichten schieben. Die Struktur des Systems sei das Problem, und an der ändere auch der neue Tarifvertrag nichts, sagen die Kritiker. Er lindere nur Symptome. Überstunden bezahlen statt abschaffen – was soll das? Eigentlich müssten mehr Stellen her, wolle man sich jemals an die EU-Arbeitszeitrichtlinie halten. Aber dafür fehlt das Geld. Und so werden auch in Zukunft deutsche Ärzte auswandern.

Michael Martin ist groß und mager, die Ohren stehen ein bisschen ab, und er hat einen freundlich-schüchternen Ausdruck im Gesicht, der Menschen leicht dazu verleitet, ihn zu unterschätzen. In Wales hat er einen Karrieresprung gemacht, vom Assistenzarzt zum Consultant, aber das, sagt er, ist nicht das Wichtigste. Er schaut auf die Uhr, noch Zeit bis zur nächsten OP, er setzt sich in einen der blauen Sessel und hört den anderen zu. Val, die Sekretärin mit der Joan-Collins-Frisur, erzählt von der spektakulären Fete einer Sekretärin von der Inneren. Die Ärzte lachen. „In der Charité waren wir alle immer viel zu fertig, um noch ordentlich miteinander zu kommunizieren“, sagt Michael Martin.

Um acht am Morgen hat er angefangen, um fünf wird er nach Hause gehen dürfen.

Am Nachmittag, auf dem Weg durch die Klinik hinunter auf den Parkplatz, lässt sich der Unterschied besichtigen zwischen dem einen und dem anderen Gesundheitssystem – und er fällt nicht nur positiv aus für die Briten. Die Flure im Prince Philip sind ein wenig schmuddelig, überall steht etwas herum, die Geräte wirken älter. Man merkt: Deutschland gibt mehr als zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Gesundheit aus, England 6,3. Das System ist fast zu 100 Prozent steuerfinanziert und hat viele Probleme, defizitäre Kliniken zum Beispiel, Fachärztemangel, lange Wartezeiten auf Operationen.

Aber dafür dürfen ihre Mediziner sich darauf konzentrieren, Menschen gesund zu machen. Für den Bürokram gibt es Dokumentaristen, und auf der Intensivstation hat jeder Patient seine eigene Schwester; in Deutschland ist das Verhältnis günstigstenfalls zwei zu eins. „In Berlin würde unsere Arbeit – vier Operationssäle und eine Intensivstation – von der Hälfte des Personals erledigt“, sagt Michael Martin. Von drei oder vier Oberärzten statt sieben. Ergibt: rund 85 000 Überstunden monatlich allein an der Charité.

Michael und Birgit Martins neue Heimat ist schön. Die Menschen sind nicht reich, sie leben in Häusern, die aussehen wie braune Schächtelchen, dies war früher Bergarbeiterland, aber die wuchtige Natur verdrängt das. Llanelli liegt zwischen Naturparks. Von den Anhöhen aus kann man das Meer glitzern sehen, Ginster knallt gelb aus den Hecken, dunkelgrüne Büschel Bärengras glänzen auf den Wiesen, in den Gärten stehen Palmen, denn das Klima ist mild, und der Frühling kommt früh. Am Nachmittag, als Michael Martin zu Hause die Tür aufschließt, deckt Birgit Martin auf der Terrasse für den Kaffee; die Kinder, Felix, Ina und Livia, acht, sieben und vier, spielen neben dem Pool. Birgit Martin ist zierlich, das dunkle Haar fällt wellig auf die Schultern, sie trägt Rock, Strickjacke und Sandalen und sieht aus, als hätte sie Urlaub. Der Regen hat aufgehört, die Abendsonne scheint. „Man hat es uns leicht gemacht“, sagt sie.

Es sind in England und Wales mittlerweile etwa 200 Firmen, die eine Art Rundum-Auswandererservice für Ärzte anbieten, in Zusammenarbeit mit den staatlichen Behörden. Die Lebensläufe derer, die auswandern wollen und können – nicht immer ist die Ausbildung kompatibel –, werden zentral erfasst, dann werden die Ärzte zu „jobfairs“ eingeladen, wo sie Arbeitgeber treffen können. Am 1. März 2006 waren es genau 4139 deutsche Ärzte, die beim General Medical Council in London registriert waren. Allein in den vergangenen acht Monaten kamen 561 – 70 im Monat, obwohl schon längst nicht mehr so viele eingestellt werden wie vor einigen Jahren noch.

Ah, ein Anästhesist!, haben sie zu Michael Martin damals gesagt. Suchen wir dringend. Wir bieten gute Bezahlung und Perspektiven für die Zukunft. Umzug, Möbellager und eine Personalwohnung für die erste Zeit werden bezahlt.

„Allein die Fortbildungsmöglichkeiten …“, sagt Michael Martin. 30 Tage im Jahr. Kurs, Anreise und Unterkunft voll übernommen. In Berlin hatte er Urlaub nehmen und alles privat bezahlen müssen. Aber das Beste war die Erfahrung, gewollt und geschätzt zu werden. Birgit Martin stellt den Milchkaffee auf den Tisch. „Die Leute waren so unfassbar freundlich“, sagt sie. „Am Anfang war ich fast beschämt, es war so ungewohnt, aus Berlin kommend, wo man sich nur noch anbellte.“

Michael Martin klagt nicht gern, er wägt lieber ab. Eine tolle Ausbildung habe er an der Charité genossen, sagt er, da waren viele nette, hochmotivierte Kollegen, aber der Umgangston und der hierarchische Gehorsam, wie er an großen deutschen Kliniken üblich ist, störten ihn immer mehr. Seine Entscheidung hatte auch viel damit zu tun, dass er sich nicht mehr fühlen wollte „wie ein Rädchen, das funktionieren muss, bis es zerbricht“. Ab morgens um sieben stand er im OP, abends ließ man ihn wieder heraus. Achtstundenschichten wurden ganz regulär zu Zwölfstundenschichten, weil die Übergaben zum Ende der Schicht nie in die Arbeitszeit hineingezählt wurden, nur ein Beispiel. Dann war da die Sache mit den rosa Zetteln. Auf denen trug man alle Arbeitszeiten ein für die Gehaltsabrechnung. Das Problem war nur: Solange Überstunden draufstanden – und es waren immer zehn, 15 die Woche –, kamen die rosa Zettel unbearbeitet zurück. Wieder und wieder. Ohne Kommentar. Was es hieß, war eh allen klar. „Die Überstunden wurden nicht offiziell abgelehnt“, sagt Michael Martin, „das hätten sie ja begründen müssen. Die Taktik war: Die Zettel wurden so lange in die Warteschleife geschickt, bis wir die Überstunden von selber rausgestrichen haben.“ Als Assistenzarzt, sagt er, hat man ja auch Angst um den Job, also motzt man mal besser nicht zu laut. Aber immer stillhalten – das System vermittelt auch ein Selbstbild, das man irgendwann nicht mehr aushält.

Zum Schluss war da ständig das Gefühl, alles sei kurz vor dem Kollaps. Ehe, Job, Kindererziehung, Geld, die Assistenzarztgehälter sind miserabel. Michael Martin lacht und nimmt sich noch einen Keks, er will nicht dramatisieren, „wir sind ja nicht verhungert“. Aber kann es das sein: überlegen zu müssen, ob es mit dem Urlaub noch klappt, wenn die Waschmaschine kaputtgeht? Er hatte den Facharzt, er hatte die Zusatzausbildung für Intensivmedizin, man bescheinigte ihm gute Arbeit, „aber ich sah nicht, was sich in absehbarer Zeit ändern sollte. Das war bitter.“

Natürlich muss an dieser Stelle jetzt das mit dem Prince-Philip-Gehalt kommen. Nicht so viel übers Geld schreiben, hat Michael Martin zu Anfang des Besuchs in Llanelli gesagt, das war ein guter Grund, aber nicht der alles entscheidende. Mehr als doppelt so viel wie die Martins in Berlin gemeinsam hatten, bekommt er nun überwiesen: etwa 120 000 Euro im Jahr. Dazu einmal im Jahr einen Inflationsausgleich und eine Gehaltssteigerung um vier Prozent. „Es ist beruhigend, dass jeden Monat Geld überbleibt“, sagt Martin, „aber die Zeit ist mir noch mehr wert.“

Er nimmt Livia auf den Schoss, die ihre Ovomaltine ausgetrunken hat und voller Kekskrümel ist. „Die ersten drei Monate“, sagt Birgit, „hat der Micky zehn Stunden pro Nacht geschlafen.“ Das erste Mal seit sechs Jahren war er ausgeschlafen. Er flippte nicht mehr gleich aus, wenn die Kinder laut waren. „Wir haben jetzt ein richtiges Familienleben“, sagt er.

Im September sind die ersten zwei Auslandsjahre rum. Dann wollen Michael und Birgit Martin neu entscheiden. Noch ist er nur beurlaubt an der Charité. Aber zurückgehen? Er ist einer, der sich still durchsetzt, und da, wo er nun arbeitet, reagiert man auch auf leise Töne. Douglas Richards, der Teamleiter der Anästhesisten, wird bald pensioniert. Er sagt, er will, dass Mike seinen Job übernimmt.

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