Zeitung Heute : Der Aufbau ist noch nicht verloren!

Richard Schröder

TRIALOG

Der Aufbau Ost ist ins Gerede gekommen, zu Recht. Tatsächlich dürfen wir nicht blind so weitermachen. Was schief gelaufen ist, muss aufgelistet werden. Aber wie das Magazin „Spiegel“ das gemacht hat, das ist geschichtslos, blind für das Unvermeidliche und manchmal zynisch.

1990 hat die Sowjetunion verlangt, dass die Lieferverträge mit der DDR weitergelten und fortgeschrieben werden. So wollte sie 1000 Bahnwaggons jährlich abnehmen. Der Waggonbau Ost wurde mit staatlichen Subventionen modernisiert. Einige Jahre später war Russland zahlungsunfähig, aus der Traum. Nun wird Ammendorf geschlossen. Wer ist daran schuld?

Die Sowjetunion hat die Uranvorkommen in der DDR durch die Wismut AG ausbeuten lassen und eine kontaminierte Landschaft hinterlassen. Die Folgekosten hat sie der Bundesrepublik aufgehalst. Wer 400000 Soldaten in Deutschland stehen hatte, konnte sich solche Forderungen leisten. Also müssen hunderte von Millionen aufgebracht werden. Wer ist daran schuld?

Die Städte im Osten sind tatsächlich „auferstanden aus Ruinen.“ Jetzt werden sie potemkinsche Dörfer genannt, weil die einheimische Wirtschaftskraft dem nicht entspricht. Soll das heißen: „Wenn ihr arm seid, sollt ihr auch in Trümmern hausen?“ Wer hat denn Leipzigs Innenstadt so herausgeputzt? Der West-Pleitier Schneider war das, und die verlorenen Kreditmillionen nannte ein Bänker damals „Peanuts“.

Aber ging nicht manches eine Nummer kleiner? Sicher. Eine Kirchengemeinde wollte für ihren Kindergarten die Quadratmeterzahl pro Kind verdoppeln. Alle waren glücklich, bloß die Behörden nicht. Nach Bundesstandard müsst ihr verdreifachen, sonst wird es nicht anerkannt. Die Gemeinde hat sich dabei verschuldet. Wer ist daran schuld?

„Die rund vier Millionen Rentner erhalten durchschnittlich eine höhere Rente als die Westpensionäre.“ Unsinn. Die Renten sind im Osten niedriger, aber mehr Frauen haben einen eigenen Rentenanspruch. Wer ist daran schuld? Hier ist etwas anderes zu kritisieren: Die Ostrentner werden aus dem westlichen Rentensystem bezahlt. Sie müssten, da deren Beiträge im DDR-Staatshaushalt versickert sind, aus Steuern bezahlt werden.

In „ökonomischer Hinsicht wurde der Westen im Zuge der Wiedervereinigung zur Kolonie des Ostens. Der zwangsweise erhobene Solidaritätszuschlag“ entspricht „der von den deutschen Kolonialherren 1912 in Deutsch-Ostafrika eingeführten ‚Eingeborenen-Kopfsteuer’.“ Der Solibeitrag wurde nach dem ersten Golfkrieg eingeführt. Auch die ostdeutschen „Kolonialherren“ müssen ihn zahlen.

„Die deutsche Wiedervereinigung war ohne Zweifel politisch, historisch, kulturell und sicherheitspolitisch ein Zugewinn. Ökonomisch war sie nicht nur ein schlechtes Geschäft, sondern ein Desaster.“ Ihr habt also auf ökonomischen Zugewinn gehofft? Wir sind eine Diktatur losgeworden. Freiheitsgewinn zählt wohl gar nicht? Das genau ist die Gesinnung, die Helmut Kohl seit 1990 befürchtet und von einer Schweiß- und Tränenrede abgehalten hat.

Die Einigungskosten sind verspätete Kriegsfolgelasten. Und warum sind wir noch nicht weiter? Die Einigung fiel in eine westliche Wirtschaftsflaute. Das Ausmaß der sozialistischen Verwüstung wurde unterschätzt. Und nirgends konnte man lernen, wie man „Aufbau Ost“ macht. Schaut euch weiter östlich um, ehe ihr sagt: Aufbau Ost gescheitert.

Der Autor ist Professor für Theologie an der Berliner Humboldt-Universität.

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