Zeitung Heute : Der Aufstand

Fliegende Pflastersteine und brennende Autos in Budapest: Im Oktober 1956 erheben sich die Ungarn gegen die Sowjetmacht. Ihr Widerstand erschüttert die Welt.

Hermann Rudolph

So hatte sich das niemand gedacht, am wenigsten die Ungarn selber. Proteste vor dem Parlament, Massendemonstrationen, Sturm auf den Fernsehsender, Pflastersteine: In dem Jahr, in dem in zwei Wochen der fünfzigsten Wiederkehr der ungarischen Revolution gedacht werden wird, werfen solche spektakulären Ereignisse beklemmende Schatten. Brach nicht der Aufstand auch damals im Spätjahr aus, mit Protestdemonstrationen, die in wenigen Stunden eskalierten? War es nicht der Platz vor dem Budapester Parlament, auf dem sich die Unzufriedenheit zusammenballte, und entlud sich das Unbehagen nicht zuerst im Ansturm gegen die Hochburg der Medienmacht? Nur dass die damals noch nicht das Fernsehen, sondern der Rundfunk war ...

Aber der Vergleich scheitert schon daran, dass Ungarn heute das ist, was die Menschen damals erstrebten: ein freies, unabhängiges Land in einem freien Europa, das seine Angelegenheiten in eigener Verantwortung regelt – oder eben daran versagt. Damals war es ein Satellitenstaat und zwar im vollen, schlimmen Sinn des Wortes: abhängig von der Sowjetunion, organisiert nach ihrem totalitärem Muster, ein Land also mit allwissender Einheitspartei, Geheimpolizei und einem deformierten öffentlichen Leben. Was heute ein Machtkampf in der ungarischen Innenpolitik ist, wurde deshalb zu einer Revolution.

Das Bild dieses Aufstandes: Das ist zuerst der Herbsttag, an dem alles begann, ein, wie berichtet wird, besonders strahlender Tag, der 23. Oktober 1956, der heute ungarischer Nationalfeiertag ist. Mit ihm machte die Revolution Geschichte und ging in die Geschichte ein: mit den studentischen Demonstrationszügen, die sich am frühen Nachmittag in Bewegung setzten, wie mit ihrem lawinenhaften Anwachsen beim Marsch durch die Innenstadt. Als die Menge bei beginnender Dunkelheit den Platz vor dem Parlament erreichte, hatte sich die Stimmung schon explosiv aufgeladen, wuchs die Ungeduld. Sie richtete sich gegen das Stalin-Denkmal, das Symbol der Fremdherrschaft, das von seinem Sockel geholt wurde. Sie entlud sich im Sturm auf das Rundfunkhaus, wo unter bis heute ungeklärten Umständen die ersten Schüsse fielen. Es war der Funke im Pulverfass.

Inzwischen erkennt man bereits in den Krawallen, die nach der Niederlage im Endspiel der Fußballweltmeisterschaft 1954 ausbrachen, Vorzeichen dessen, was nun begann. Tatsächlich machte die Eskalation an diesem Oktoberabend in Budapest offenbar, wie viel Erbitterung sich in den Jahren der kommunistischen Herrschaft im Land aufgestaut hatte. Vor allem aber hatte sich im ganzen Ostblock die Lage zugespitzt, seitdem Chruschtschow im Februar 1956 in einer Geheimrede Stalin als skrupellosen Diktator entlarvt hatte. In den Parteiführungen tobten Machtkämpfe, unter den Intellektuellen sammelte sich der Unmut – in Ungarn im Petöfi-Kreis, in der DDR um den Philosophen Wolfgang Harich. Den spektakulärsten Ausdruck fand diese Unruhe im Aufstand der polnischen Arbeiter in Posen Ende Juni – der Solidarität mit ihm galten auch die Proteste in Budapest.

Doch in dem traditionsstolzen Ungarn zog das Aufbegehren seine Inspiration auch aus der Geschichte. Zwei Denkmäler von Nationalhelden waren das Ziel der Demonstranten: erst das von Sandor Petöfi, Dichter des ungarischen Freiheitskampfes von 1848/49, dann das für den polnischen General Bem, der damals ungarische Truppen befehligt hatte. Es gehörte dazu, dass ein Schauspieler am Petöfi-Denkmal das Revolutionsgedicht rezitierte, mit dem der Dichter zum Kampf gegen die Habsburger aufgerufen hatte, und dass ihm aus Tausenden von Kehlen der Refrain antwortete: „Bei dem Gotte der Magyaren / schwört den Eid, schwört den Eid, / dass ihr nicht mehr Sklaven seid.“ Und wie zur Bekräftigung erschienen über der Menge Nationalfahnen mit einem Loch in der Mitte – Zeichen des herausgeschnittenen Sowjetemblems.

Die stärkste Beschleunigung für den Aufstand aber bewirkte der Entschluss der ungarischen Parteispitze, die Sowjetunion um militärische Hilfe zu bitten. Die russischen Panzer in den Straßen von Budapest verwandelten die gerade begonnene Abrechnung mit Parteidiktatur und Staatssicherheit in einen nationalen Freiheitskampf, der das Land aufrüttelte. Den Rest besorgte der verbissene Kampf, den die Aufständischen, zumeist junge Leute, Arbeiter, Lehrlinge und Angestellte, den Russen, aber auch den wegen ihrer Brutalität verhassten AVH-Leuten, der ungarischen Staatssicherheit, lieferten. In einer Art Guerillataktik, mit leichten Waffen und Molotow-Cocktails, knackten sie die Panzer, die sich in den Straßen nur schwer bewegen konnten. Einzelne, verschworen kämpfende Gruppen, etwa die in der Corvinpassage mitten in der Stadt, gewannen legendären Ruhm.

Und die Machthaber begriffen nicht, was die Stunde geschlagen hatte. Sie lavierten, suchten den Aufstand mit Standgerichten und Ausnahmezustand niederzuzwingen, warfen den Ballast scharfmacherischer Funktionäre ab, aber waren nicht bereit zu Reformen, die wirklichen Veränderungen eine Chance boten. So überrollte der Aufstand alle Versuche der Machthaber, ihm mit halbherzigen Zugeständnissen die Kraft zu nehmen. Regierungsumbildungen, neue Köpfe – so Janos Kadar, der den orthodoxen Politbürosekretär Gerö ersetzte –, Versicherungen und Versprechungen: Das alles konnte die aufgebrachte, verletzte Volksseele nicht beruhigen. Zwischen der Dynamik, die der sich ausbreitende Aufstand entwickelte, und den Konzessionen, zu denen sich die Partei schließlich bereitfand, bestand eine Kluft, die die Machthaber nie zu schließen verstanden.

Die widersprüchliche Situation fand ihre Verkörperung in Imre Nagy, der zur tragischen Hauptfigur der Revolution wurde. Der Mann mit dem Bauernkopf und dem großväterlichen Schnurrbart, ein alter Kommunist und Sowjetunion-Emigrant, galt als Reformer und wurde deshalb zum Hoffnungsträger der Massen. Dass „Onkel Imre“, wie er von vielen genannt wurde, selbst am Tag des Beginns des Aufstands die altösterreichische Gewohnheit des Nachmittagsschlafes pflegte, erklärt vielleicht, weshalb ihm so viele Sympathien entgegengebracht wurden, aber auch seine Grenzen als Revolutionär. Seine Ernennung zum Ministerpräsidenten war ein erster Erfolg der Revolution. Beständig schwankend zwischen Parteitreue und Patriotismus, zugleich treuer Kommunist und guter Ungar, gelang es ihm dennoch nicht – oder doch zu spät –, die orthodoxen Kräfte in der Partei zurückzudrängen und auf gleiche Höhe mit der sich stürmisch entwickelnden Veränderung des Landes zu kommen.

Die Kämpfe und ihre Folgen vor allem für Budapest, der strahlenden, europäischen Metropole an der Donau, nahmen bald der Welt den Atem. „Schwarze Fahnen hängen aus jedem Fenster“, berichtete ein englischer Journalist, „denn während der vergangenen vier Tage sind Tausende von Bürgern, die kämpfend das Joch der Russen abschütteln wollten, getötet und verwundet worden. Budapest ist eine langsam sterbende Stadt. Ihre Straßen und ihre einst so schönen Plätze sind übersät mit Glasscherben und Schutt, und überall liegen ausgebrannte Personenwagen und Panzer“. Unaufhaltsam entfernte sich das Land von den Prinzipien und der Praxis des kommunistischen Systems. Aber zugleich betrat die Revolution politisch und gesellschaftlich Neuland: Im Land bildeten sich spontan Arbeiterräte und Nationalkomitees, die vielfach die Staatsgewalt übernahmen. Sie wurden später als vielleicht wichtigster Ertrag der Revolution erkannt.

Ihr Wendepunkt ist am 28.Oktober erreicht. Die Regierung lenkt ein, ruft einen Waffenstillstand aus, wendet sich nun offen und ohne Hintergedanken ans Volk. Nagy nennt den Aufstand nicht mehr – wie bisher – Konterrevolution. Er erkennt ihn damit gleichsam als Revolution an, weil in ihr ein „großer nationaler und demokratischer Impuls wirksam geworden ist, der unser ganzes Volk umfasst und eint“. Er kündigt Verhandlungen über den Abzug der sowjetischen Truppen und die Auflösung der Staatssicherheit an. Schließlich, am 30.Oktober, eine Woche nach dem Beginn des Aufstands, geht Nagy noch weiter: Er erklärt das Ende des Einparteiensystems und die Rückkehr zu politischen Verhältnissen, wie sie bis zur kommunistischen Machtübernahme 1948 herrschten.

Zum ersten Mal war der Bann der kommunistischen Herrschaft, der über Osteuropa lag, gebrochen, der Raum für die Wiederkehr eines freien Lebens zurückgewonnen worden. Die alten Parteien, die 1948 zwangsvereinten Sozialisten und die verbotenen bürgerlichen Parteien, gründeten sich wieder und traten in die abermals umgebildete Regierung ein. Das alte Staatssymbol, das Kossuth-Wappen, wurde wieder zum Emblem des Landes und erschien sogar im Kopf des kommunistischen Parteiorgans. Der ungarische Kardinal Mindszenty, den die Kommunisten seit 1948 gefangen hielten, eine Symbolfigur des Widerstandes, wurde befreit und kehrte nach Budapest zurück. Schließlich gab die Sowjetunion mit einer Erklärung ihren Anspruch auf, die inneren Verhältnisse in den sozialistischen Bruderländern faktisch zu bestimmen.

Es war der Höhepunkt der Revolution und zugleich der Punkt, an dem sie in die Tragödie umschlug. Denn ihr Schicksal hing auch an der Entscheidung der sowjetischen Kommunisten – und an der weltpolitischen Situation. Am 29. Oktober, als Ungarn sich fast auf der sicheren Seite wähnte, griffen England und Frankreich Ägypten an. Die Intervention – „es liest sich wie bestes 19.Jahrhundert“, kommentierte Karl Silex in dieser Zeitung – richtete sich gegen die von Ägyptens Staatschef Nasser betriebene Nationalisierung des Suez-Kanals. Das lähmte die Uno, von der Ungarn Druck auf die Sowjetunion erwartete, die ihrerseits die Gefahr fürchtete, dass der Westen die ungarische Krise ausnützen werde, um ihre politische Position zu schwächen.

Die Konsequenz war die Entscheidung der Sowjetunion, die Revolution mit Gewalt niederzuwerfen. Sie kündigte sich seit dem 1. November durch immer neue Meldungen an, nach denen die sowjetischen Truppen keineswegs das Land verließen, sondern sich im Gegenteil neu formierten und verstärkten. Imre Nagys Antwort war die Erklärung der Neutralität und des Austritts aus dem Warschauer Pakt. Es war ein Akt der Verzweiflung, getragen von der Hoffnung, dass die Uno und die Großmächte sich vor einen neutralen Staat stellen und die Sowjetunion von einer Invasion abhalten würden. Es war, wie der ungarische Journalist Paul Lendvai geschrieben hat, der „Sprung ins Dunkle“, weil ihm jede außenpolitische Absicherung fehlte. Aber es war für den Kommunisten Nagy auch die „endgültige Option für die Nation und gegen ,das Vaterland des Proletariats‘“, die kommunistische Partei und die Sowjetunion.

Die ersten Novembertage muten im Rückblick gespenstisch an. Während sich das Leben in Ungarn normalisierte, marschierten die sowjetischen Truppen planmäßig auf. Auf einer geheim gehaltenen Blitzreise schwor die sowjetische Führung ihre Verbündeten auf das Unternehmen ein. Janos Kadar, der Parteisekretär, der bis dahin die Nagys Linie mitgetragen hatte, war plötzlich aus Budapest verschwunden; drei Tage später tauchte er als Chef einer sowjethörigen „Revolutionären Ungarischen Arbeiter- und Bauernregierung“ wieder auf – noch immer wird gerätselt, ob freiwillig oder von den Sowjets entführt, ob überzeugt oder aus Angst. Schließlich wurde eine ungarische Regierungsdelegation unter Verteidigungsminister Pal Maleter im sowjetischen Hauptquartier aus den Verhandlungen heraus, die sie über den Abzug führten, verhaftet. Am frühen Morgen des 4. Novembers begann der Angriff.

Drei Tage hatte Marschall Schukow, der sowjetische Verteidigungsminister, für die Liquidierung der Revolution veranschlagt, bis zum 11., an einzelnen Stellen bis zum 15. dauerten die Kämpfe. Und selbst als der Aufstand niedergeschlagen war, setzte sich der Widerstand fort, nun passiv, getragen hauptsächlich von den Arbeiterräten. Vor allem aber hatte die Niederwerfung der Revolution eine gewaltige Flüchtlingswelle zur Folge. Fast 200 000 Ungarn verließen das Land, darunter viele, die zu seiner Elite gehörten. Dieser Aderlass und die erbarmungslose Verfolgung der Teilnehmer der Revolution, gipfelnd im Prozess gegen Imre Nagy und in dessen Hinrichtung, bildeten das schwere Erbe einer in der jüngsten europäischen Geschichte beispiellosen Tragödie.

Die zehn Tage im Spätherbst 1956 erschütterten die Welt. Der Kampf eines kleinen Volkes gegen eine Supermacht, von halben Kindern gegen Panzer, das zum Schlachtfeld gewordene Budapest, am Ende die dünnen Hilferufe im Äther, mit denen Ungarn an das Weltgewissen appellierte: Das alles ergriff die Öffentlichkeit rund um den Globus mit einer emotionalisierenden Macht, die in der Nachkriegszeit wenig Vergleichbares hat. Und obwohl es in der Folgezeit oft so schien, als werde die Revolution vergessen – und Ungarn zur „fröhlichsten Baracke im sozialistischen Lager“ avancierte –, so blieb dieses Fanal doch im düsteren Hintergrund der Geschichte der geteilten Welt und der kommunistischen Herrschaft gegenwärtig. Wie zum Beleg dafür waren es die Rehabilitierung und feierliche Beisetzung der sterblichen Überreste des unglücklichen Imre Nagy im Juni 1989, mit denen die Wende in Ungarn begann.

Ihre Spur hat die ungarische Revolution auch im politischen Denken hinterlassen. Das Beispiel des Aufstandes eines ganzen Volkes „für die Freiheit und sonst nichts“ nannte sie die große politische Philosophin Hannah Arendt. Sie brachte damit ihren spontanen Charakter auf den Begriff, dem nichts vom Parteiwesen, dem Handwerk der Staatsstreiche oder ideologischem Doktrinarismus anhing. Es mache die Bedeutung dieser Revolution aus, so resümierte sie, dass mit ihr etwas in die Welt getreten sei, „das jedermann, Konservative wie Liberale, Revolutionäre wie Radikale längst als einen schönen Traum hinter sich gelassen haben“.

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