Zeitung Heute : Der Auszug der Kinder

Fünf Mädchen, Worte wie Blumen und das Lehrerzimmer im alten Schafstall: In der kleinsten Bergschule Südtirols ist der Unterricht ebenso amüsant wie anstrengend. Nun wird sie geschlossen – und die Schüler müssen hinab ins Tal.

Andreas Wenderoth

NaturnsEs gibt nicht viele Momente, in denen Marion Angst hat. Nur wenn eine Kuh geschlachtet wird und sie an der Holztür vorbei muss, vor der dann der abgetrennte Kopf liegt. Gerade wenn es noch dunkel ist, fürchtet sie, der Kuhkopf könnte hinter ihr herschweben. Marion stellt dann den Kragen ihrer Jacke hoch, schaut weder nach links noch nach rechts und ist froh, wenn endlich der rote Schulbus kommt.

Sie grüßt den Bauern vom Pirchhof, der am Steuer sitzt, und schaut durch beschlagene Scheiben in den frühen Sommermorgen. Nebel steigt vom Tal hinauf und schluckt die Bergkuppen, und dann sieht es aus, als seien sie gar nicht da. Ab und zu sind von Ferne die Glocken der Kühe zu hören. Im Schritttempo kurvt der kleine Bus durch die Serpentinen des Sonnenbergs hoch über der Südtiroler Stadt Naturns, knapp 50 Kilometer nordwestlich von Bozen, vorbei an versprengten Höfen, so hoch gelegen, als wären sie fast im Himmel.

Lange vor Schulbeginn hat sie im Kuhstall schon den Mist weggekehrt, das Heu gewendet und nach dem trächtigen Meerschweinchenweibchen geschaut. Als der Bruder in der Tür erschien, hielt sie drei Finger hoch und rief aufgeregt: „Zwei Glatte und ein Wuschel!“ Dann streichelte sie das Meerschweinchen und sagte: „Meine alte Dame, du machst mich immer wieder stolz!“ So reden sie hier, die Neunjährigen. Die Bergbauernkinder vom Vinschgau.

Marion duscht nur am Sonntag, jeden Tag sollte man es nicht tun, davon werde man krank, hat die Mutter gesagt. Dabei ist Marion im Sommer eigentlich nie krank, oder höchstens, wenn Schule ist. 27 Wochenstunden – da kann es schon mal sein, „dass einem der Kopf schmerzt“. Vielleicht sind die Aufgaben zu streng, denkt sie und hat eine Theorie: „Wenn man zu viel denkt, bekommt man Kopfschmerzen.“ Ein bisschen denken sei sicher gut, aber übertreiben dürfe man es nicht. So ähnlich wie mit dem Duschen.

Marion sagt, sie gehe gern zur Schule. Es ist ja keine Lernanstalt wie jede andere, sondern eine Bergschule „mit sehr feinen Lehrerinnen“. Es gibt drei Klassenstufen und fünf Schülerinnen, acht und neun Jahre alt, die alle von den umliegenden Berghöfen kommen.

Mathematik ist Marions Lieblingsfach, Deutsch hat sie weniger gern, „weil es dort anstrengende Wörter gibt.“ – „Gänsehaut“ zum Beispiel ist ihr gar nicht geheuer, vielleicht ist die Haut der Gans gemeint, vielleicht die des Menschen, mal heißt es dies, mal das, wer soll das wissen?

Etwa fünf Kilometer entfernt, an der alten Getreidemühle, wird Elisa an diesem Morgen von einer Ziege geschubst. Elisa kennt sich aus mit Ziegen, aber diesmal hat sie sich verrechnet. Sie rutscht aus, sieht den Abhang vor sich, der steil abfällt, mindestens zehn Meter, rutscht weiter, die steinige Kante entlang auf goldgelbem Laub. Elisa denkt an die Schutzengel in ihrem Zimmer und die Großmutter mit dem Kopftuch. Manchmal ist sie wütend auf sie, aber in diesem Moment würde sie ihr alles verzeihen. Sie sieht den Tod vor sich, der für sie bis dahin gesichtslos war. Aber da sind nur die Hörner des alten Ziegenbocks, der sich dem fallenden Kind entgegenstellt. Elisa sagt: „Danke. Du hast mir das Leben gerettet.“

Die Schule beginnt um 8.15 Uhr.

Den kürzesten Weg hat Sara, die Klassenjüngste, die gleich gegenüber vom Schulgebäude wohnt. Das Lehrerzimmer, 1377 Meter über dem Meeresspiegel, ist ein ehemaliger Schafstall. Im Anbau davor, ein lichtes Klassenzimmer mit lackierten Dielen, großem Balkon und breiter Fensterfront zur Talseite. Am Boden: angemalte Obstkisten für Hefte und Zettel, an der Decke: Girlanden, an der Wand: der gekreuzigte Jesus. Am Eingang ein Zettel mit einigen unbedeutenden Rechtschreibfehlern: „Ich hoffe, dass ihr das Negstejar wieder unterrichtet. Ich mag Euch. Magt ihr mich auch? Eure Elisa.“ Eine Liebeserklärung an die Lehrerin. Und eine Anspielung darauf, dass es mit der kleinen Schule bald zu Ende ist.

Dafür ist Marion verantwortlich. Weil sie als ältestes der Mädchen auf die weiterführende Schule ins Tal wechseln muss, wird die Grundschule nach den Sommerferien nicht mehr geöffnet. Natürlich kann Marion gar nichts dafür. Aber es gibt Regeln. Eine davon besagt: Jede Schule mit weniger als fünf Schülern wird geschlossen. Eigentlich ist 17 die Mindestzahl für eine Schule in Südtirol, aber unter besonderen Umständen dürfen es auch weniger sein. Nur eben nicht weniger als fünf. Und so werden auch die jüngeren Kinder bald hinab ins Tal müssen, um dort eine Grundschule zu besuchen. Wäre sie der Direktor, sagt Marion, „ich würd’ sie offen lassen“. Nur ein Wunder hätte die Schule retten können.

Aber wer zieht schon freiwillig an den Sonnenberg? An steile Hänge, an denen sich kaum etwas anbauen lässt. Wo die Düngemaschinen umkippen und das Jungvieh, wenn es regnet, leicht den Berg hinabrutschen kann. Wo die Höhengrenze für Wein- und Apfelkulturen überschritten ist. Hier oben wohnt nur, wer schon immer hier war. Wer seit Generationen einen Hof unterhält, den er nicht einfach verlassen kann. Weil der Hof das Herz des bergbäuerlichen Lebens, seine Vergangenheit und seine Zukunft ist.

Die Kollegen haben den Kopf geschüttelt. Zu einsam, fernab von der Welt, haben sie gewarnt. Aber vielleicht war es genau das, was sie bewogen hat, hier hinaufzugehen. Seit sieben Jahren ist Marion Gstrein Lehrerin für fast alles an der kleinsten Bergschule Südtirols. Drei Viertel des Stundenplans bestreitet sie allein. Die Schülerinnen verehren sie. Vielleicht, weil sie schon 33 Jahre alt ist und immer noch ein bisschen so wie sie. Wenn die Lehrerin buchstabiert, sagt sie nicht „R wie Richard“ oder „N wie Nordpol“, weil das kalte, genormte Begriffe sind, sie spricht von „Rose“ und „Nelke“, weil in ihrem Kopf die Buchstaben wie Blumen sind. Nie hebt sie die Stimme. Sie redet sanft, mit Gesten, so zart, dass ihre Worte wie in einen luftig schützenden Flakon gehüllt sind, der alles Scharfe glättet, damit sich die Kinder nicht an den Worten verletzen.

An der Pinnwand steht auf Zetteln: „Wir lassen jeden ausreden“ und „Wir wollen nicht schreien und pfeifen.“ Bei Bedarf zeigt die Lehrerin einfach mit dem Finger darauf. Die Schülerinnen sind so brav, dass selbst Streiche zuvor mit der Lehrerin besprochen werden. Neulich zum Beispiel hat Sara ein Pup-Kissen mitgebracht und die Lehrerin gefragt, ob sie es zusammen ausprobieren dürften. Im vergangenen Jahr muss es dennoch gewisse Schwierigkeiten in der Klasse gegeben haben. Das war die Geburtsstunde des „Miteinander-Hefts“: Von Ende März an steht dort, getragen offenbar vom Willen zur schonungslosen Selbstkritik, unter der Überschrift „Was nehme ich mir vor?“:

Sara: Ich will nicht mit Nadja streiten.

Nadja: Ich will nicht einen schlagen.

Selina: Dass ich Nadja nicht necke.

Elisa: Ich will heuer nicht streiten.

Marion: Ich will zu jedem Kind nett sein.

Einen Tag später schreiben alle Kinder übereinstimmend ins Heft: „Es ist mir gelungen“, was nur durch den neuerlichen Wunsch Selinas, „dass ich niemand necke“ ein bisschen relativiert wird. Mitte April machen zwei Sätze der Schülerinnen Elisa und Nadja deutlich, mit welchem Ernst an der Beilegung der Krise gearbeitet wird. Elisa fordert nun von sich selbst: „Ich will nett spielen“, und auch Nadja schwingt sich auf zu der sehr weitreichenden Bemerkung: „Ich will Gutes tun.“ Da die Eintragungen hier abbrechen, ist davon auszugehen, dass im holzgetäfelten Klassenraum der Grundschule seither fast ausschließlich Gutes getan wurde.

Unter dem Schild „Wir bemühen uns, beim Thema zu bleiben“ sitzt zur Religionsstunde, schwarz gewandet, ein hoher Gast aus dem Tal. Der Dekan verfolgt, still in sich hineinlächelnd, durch seine schmale Goldrandbrille, wie die Mädchen am Boden aus Perlenketten und bunten Papierschnipseln die Arche Noah bauen. Eine stumme, konzentrierte Arbeit, die, wie bei Prozessen zur Weltrettung allgemein üblich, länger dauert, als Geduld vorhanden ist. Als Marion noch ein Häschen aufs Schiff stellen will, mahnt die Lehrerin zur Eile: „Das genügt jetzt.“ Aber Marion lässt sich nicht beirren, sie legt, ohne jede Hast, aus Muscheln dem Hasen noch zwei große Ohren an und sagt: „Es braucht eben seine Zeit.“

Draußen wird der Nebel dichter.

Nadja denkt an ihren Hund Knut. Einmal beobachtete die Lehrerin, wie Nadja hinausging, aus ihrem Schulranzen das Spielzeughandy holte, eine Nummer wählte und zu ihrem Hund sprach. Sie bat ihn um etwas Geduld, sie wäre bald zu Hause. Dann entstand eine Pause, offensichtlich sprach nun der Hund. „Mmh“, sagte Nadja und nickte mit dem Kopf, bevor sie sich verabschiedete. Als sie wieder ins Klassenzimmer trat, erklärte sie mit größter Selbstverständlichkeit: „Ich habe nur kurz mit meinem Hund telefoniert.“

Es steht an: die Klassensprecherwahl. Sara schiebt heimlich ihr Pult näher zu Selina. Alle suchen sie ihre Nähe, weil ihre Freundschaft die eigene Person erhebt, Selinas Schönheit abstrahlt auf die anderen wie eine Sonne, die den Raum erwärmt. Mag Elisa durchsetzungsstärker als sie sein, Marion witziger und Nadja stärker: Selina ist die heimliche Achse der Klasse, um die sich alle anderen drehen. Da Elisa ihre beste Freundin und als „Bestimmerin“ so bekannt wie gefürchtet ist, ist nicht mit grundlegenden Wahl-Überraschungen zu rechnen. Marion würde auch gern Sprecherin werden, aber da man davon ausgehen muss, dass sich Selina und Elisa gegenseitig ihre Stimmen geben, brauchte sie zumindest das Votum von Sara. Wen Nadja wählt, ist unklar, weil sie zu wechselnden Koalitionen neigt.

Eine Barbie-Puppenkiste bildet die Wahlurne, in die nun feierlich fünf Zettelchen fallen. Mit zwei Stimmen gewinnt Elisa. Jeweils eine Stimme erhalten Sara, Marion und Selina, die zur Stellvertreterin ernannt wird, was eine schöne Sache ist, weil man nicht ganz so viel Verantwortung hat und sich dennoch geadelt fühlen kann. Nur Nadja bekommt keine Stimme. Am Anfang ist es nur eine kleine Träne, aber dann rinnen Sturzbäche aus ihr hervor. Sie weiß: Hätte ihr Hund mitwählen dürfen, es wäre anders ausgegangen.

Gegen Nachmittag reißt der Nebel auf. Seitlich fällt ein Streifen Sonne durchs Fenster der Stube im Schnatzhof, als Marion mit angestrengter Stirn über den Hausaufgaben sitzt. Unter der Überschrift „Ich bilde Sätze“ schreibt sie in geschwungenen Buchstaben in ihr Deutschheft: „Meine Oma spürt das Unwetter in ihren kranken Beinen“, und: „Die junge und glückliche Lehrerin korrigiert Hausaufgaben.“ Marion hockt auf einer Holzbank nahe beim Ofen, über dem sich eine Schlafstätte befindet.

„Das Leben ist ein bissel anders als im Tal“, sagt Marions Mutter, die mit apfelfrischer Gesichtsfarbe am Herd steht und in den dampfenden Töpfen rührt. „Man muss etwas tun für das, was man zum Leben braucht.“ Das würden die Kinder hier oben früh lernen. Zu Hause und auch in der Schule, die dieses Leben vor den Anfechtungen des Tals konserviert. „Dort haben sie viel Freizeit, aber glücklich scheinen sie nicht.“ Im Gegenteil, sagt Marions Mutter, sie habe beobachtet, dass es wohl gerade jene Freizeit ist, die den Menschen auf dumme Gedanken kommen lässt. Das ständige Ausgehen. Die Verführungen.

Nun ist der beschauliche Kurort Naturns mit seinen 315 Sonnentagen im Jahr weder ein Kriminalitätsschwerpunkt noch eine lasterhafte Drogenhöhle, doch lauscht man den Gesprächen auf den Bergen, ist Naturns zumindest so etwas wie das Tor in eine andere, in eine schlechtere Welt. Ein Vorgeschmack auf die größeren Städte, in denen elterliche Kontrolle weder etwas zählt noch möglich ist. Selbst die Lehrerin weiß von schrecklichen Dingen zu berichten. Vor zwei Jahren habe sie einmal auf der Straße einen rauchenden Schüler gesehen. Beherzt ist sie an ihn herangetreten. „Ich bin so verdutzt, dich mit einer Zigarette zu sehen“, hat sie ihm knallhart ins Gesicht gesagt.

Unten, in der eine halbe Autostunde entfernten Mittelschule, die nach den Sommerferien die neue Heimstatt der Mädchen sein wird, das wissen die Eltern, sind die Kinder nicht mehr von den Höfen geprägt. Dort gibt es Schüler, die sich die Haare färben, das Lernen stören und das Leben der Bergbauernkinder mit Witzen verhöhnen. Die die Nase rümpfen, wenn jemand nach Stall riecht oder ein wenig dreckig ist. Im Tal werde auf ganz anderes geachtet. Kleidung zum Beispiel. „Da geht's viel ums Materielle“, weiß Marions Mutter. Hier oben am Hang gebe es viel Arbeit, hier hätten auch die Kinder etwas zu tun. „Aber wir sind zufrieden mit dem, was wir haben.“ Solange man gesund bleibt, ist es eine heile Welt.

Doch die neue Zeit klopft schon an die Tür. Sie zeigt sich in Kleinigkeiten, städtischen Attitüden, wenn man so will. Zum Beispiel in der Frisur von Hermann Weithaler. Der Vater von Sara, Familienoberhaupt des Grubhofs, trägt pechschwarze, gegelte Haare, die ihn, im Verbund mit dem dünnen Oberlippenbart, ein wenig wie einen Rockstar aussehen lassen. Vielleicht benimmt sich Weithaler auch nicht genauso, wie man sich einen Bergbauern vorstellt. Zum Beispiel, wenn er, der Frisur geschuldet, das Jungvieh am Morgen mit einem aufgespannten Regenschirm in der Hand in den Stall treibt, was hier eher unüblich ist. Wenn er trotz eines harten 16-Stunden-Arbeitstages nach außen hin eher den Müßiggang zelebriert. Oder wenn er zu den Feriengästen tritt und sich mit sanfter Ironie gerade so viel über sie lustig macht, dass sie es nicht bemerken.

„Die Marion muss raus in die Welt“, spricht am Abend, nach Käseknödeln mit Rahmsoße, ihr Vater. Und schränkt ein: „Jedenfalls in einem bestimmten Umkreis.“ Auf Dauer sieht er Marion nicht auf dem Hof. Es gibt Indizien, die das bestätigen: Dass sich das Mädchen von den Gästen manchmal Lippenstift schenken lässt. Dass es seit Jahren unbeirrt daran festhält, später einmal Kosmetikerin oder Friseurin zu werden. Dass es im Fernsehen die Gerichtssendungen schaut, damit es weiß, wann ein Geständnis notwendig ist. Dass Marion immer wieder rebelliert, wenn sie die alten Sachen vom Bruder auftragen soll. Dass sie eine gewisse, den Vater befremdende Nähe zur Mode zeigt.

Marions Kinderzimmer, das sie sich mit ihrem Bruder teilt, ist so klein, dass der Kleiderschrank das Öffnen der Tür nur etwa bis zur Hälfte gestattet. An der Wand über dem Bett: der alte Stundenplan, der schon nicht mehr gilt, und das Abendmahl-Bild von der Erstkommunion. Kurz bevor Marion gegen zehn Uhr abends in einen Schlaf voller aufwühlender Träume fällt, schaut sie noch einmal aus dem Fenster. Im Licht des zunehmenden Mondes kann sie bis zur Kirchbachspitze sehen. Dort oben steht ein Kreuz.

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