Zeitung Heute : "Der Bäcker Jan Marhoul": Vladislav Vancura versetzt einen kleinen Mann in eine große böse Welt

Tina Heidborn

Die Geschichte könnte schnell erzählt sein: Jan Marhoul ist Bäcker in dem kleinen tschechischen Städtchen Benesov. Die Zeiten sind hart, und Jan Marhoul ist zu gut(gläubig) für diese Welt: Kein Bettler und kein Schurke, dem er nicht gibt. Und da der Bäcker unbelehrbar an das Menschliche im Menschen glaubt und dass die Dinge irgendwann gerecht werden, versinkt er immer weiter im Unglück und mit ihm seine Frau Josefina und sein Sohn Jan-Josef. "Jan gewährte der Not Unterkunft, sie legte ihre knochigen Hände auf seine Brust und aß mit Jan-Josef von einem Teller. Blutleer, angetan mit dem Mantel des Alltags lugt sie aus grauem Winkel, und bei ihrem Anblick versagt niemandem die Stimme vor Grauen. Sie ist da. Sie japst, sie jault, sie röchelt, und die Armen kennen schon diese Laute. Wieder würde der Gerichtsvollzieher kommen, und die Marhouls würden ihre Siebensachen weiterschleppen."

1924 erschien Vladislav Vaccuras Roman und begründete seinen Ruhm. Jetzt ist er in der Reihe "Tschechische Bibliothek" auf Deutsch erschienen. Damals wie heute ist es eine klassenkämpferische Untergangsgeschichte: kleiner Mann in böser kapitalistischer Welt. Und gleichzeitig ein faszinierendes Kunstwerk: Nicht die Handlung, die eigentliche Geschichte fesselt, sondern die Sprachgewalt des tschechischen Autoren. In diesem Roman führt die Sprache ein machtvolles Eigenleben, Expressionismus durchtobt Vancuras Erzählen. "Surrealistischer Stil" nennen es die Literaturwissenschaftler heute, Vancuras Zeitgenossen empfanden seine Prosa schlicht als "revolutionär". Hier treibt der Rhythmus den Leser voran, die Pracht der Bilder und die Wut, die von dieser Sprache ausgeht.

"Der Bäcker Jan Marhoul" ist Weltliteratur, zwar zeitgeprägt, aber zeitlos. 1942 erschossen die Nazis im Vergeltungsterror nach dem Heydrich-Attentat den ehemaligen Kommunisten Vladislav Vaccura, Symbolfigur der tschechischen Intelligenz und des Widerstands.

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