Zeitung Heute : Der Bär ist tot, es lebe der Bär

Die einen fanden’s romantisch, die anderen wurden hysterisch. Wie Bruno zum Streitfall wurde und es ihm schließlich ans Leben ging

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Am Ende ist es ein lakonischer Halbsatz wie der folgende, der die ohnehin Empörten noch einmal empörter sein lässt: „Der Kadaver des toten Bären“, den ganz Deutschland in den vergangenen vier Wochen nur Bruno genannt hat, „sei „einer wissenschaftlichen Auswertung zugeführt worden“, heißt es, naturgemäß im Beamtendeutsch formuliert, aus dem bayerischen Umweltministerium, wo jetzt laufend Morddrohungen per E-Mail eintreffen.

Bruno ist also weg, wie immer eigentlich, und es gibt nichts zu sehen. Nicht in Schliersee, nicht in Bayrischzell und nicht am Spitzingsee, in dessen Nähe im Verlauf des Montags ein Übertragungswagen nach dem anderen hält, um sich ein Bild zu machen. Ein Bild, das es nicht gibt, idealerweise aber jenem Bild standhalten soll, das sich große Teile der Öffentlichkeit von Bruno, dem Bären, gemacht haben, seit er vor rund einem Monat aus dem Italienischen kommend zum ersten Mal in Bayern aufgetaucht ist. Es ist eine einigermaßen unscharfe Projektion.

Grundiert wird sie von allerlei putzigen Gefühligkeiten, aber auch von leisen Schreckensfarben, immerhin hat der Bär 30 Schafe gerissen. Oder durch Literatur: „Durch Gehölz und Dickicht marschierte Bär, offene Hänge voller Stechginster und Heidekraut hinab, über felsige Flussbetten, steile Böschungen aus Sandstein hinauf und wieder ins Heidekraut; und so zum Schluss in den Hundertsechzig-Morgen-Wald.“ Wie er im Buche steht, genauer: wie er in A. A. Milnes Buch „Pu der Bär“ steht, so soll ein Bär sein, der bayerische Bäckereien zuletzt dazu inspiriert hat, Bärentatzen zu backen und T-Shirt-Druckereien Arbeit gab. Doch weiß jeder, dass all das so lieblich nicht sein kann, weil jeder wissen muss, dass frei herumlaufende Bären mit Honigtöpfen nicht so sorgsam umgehen wie Pu.

Seltsamerweise haben die letzten Stunden des Bären Bruno reichlich von diesen quasi idyllischen Momenten gehabt, menschlich gesehen. Wie nämlich soll man das anders finden, als, nun ja, wild romantisch, wenn man einem Bären dabei zuschaut, wie er durch den Soinsee schwimmt, der so schön wie kalt ist. Es sind drei Mountainbiker, die am Samstagabend am Hochmiesing im Spitzinggebiet diese Beobachtung machen, und es folgen noch einmal drei Bergsteiger, die Bruno törichterweise sogar eine Weile hinterher gehen, bis er sich wenige Meter von ihnen entfernt umdreht und dann allmählich im Wald verschwindet. Manfred Wölfl, der für das bayerische Umweltministerium gewissermaßen als Bärenmanager für Bruno zuständig war, sagt dazu im Rückblick, das Verhalten der Wanderer eigne sich nicht zur Verharmlosung. „Mir kommt das vor wie Bungee-Jumping ohne Seil.“ Am Sonntag wird der Bär in der Nähe des Rotwandhauses gesehen.

Drei Jäger steigen nach Rücksprache mit dem Landratsamt auf. Umweltstaatssekretär Otmar Bernhard sagt am Tag danach in Schliersee, dass der entscheidende Schuss gegen 4 Uhr 50 am Morgen gefallen sei, „aus 150 Meter Entfernung“. Bruno sei „schmerzlos erledigt“ worden. Selbstverständlich wird der Name des Schützen nicht genannt, es liegt einiges an Groll in der Luft.

Noch am Samstag hatte es den Anschein gehabt, als habe Bruno so viel nicht mehr zu befürchten. Zumindest waren die finnischen Jäger weg, die samt ihrer Spürhunde von der bayerischen Staatsregierung vor drei Wochen importiert wurden, um Bruno professioneller auf den Fersen sein zu können. Otmar Bernhard mochte am Wochenende nur noch mit den Schultern zucken: „Die Finnen sind bis an den Rand ihrer psychischen und physischen Leistungsfähigkeit gegangen“, sagte Bernhard, und dem war wahrlich so gewesen. Bruno, der Bär, den sie anfangs im Karwendel wähnten, konnte den Finnen immer wieder entwischen, hatte vor zehn Tagen gar einen Zusammenstoß mit einem Autofahrer am Sylvensteinspeicher in der Nähe von Bad Tölz produziert, fand sich dann in einer Schlucht wieder, aus der es angeblich kein Entkommen mehr gab – und entdeckte doch wieder eine Lücke im System und in der Natur. Die letzte Panne wiederum rief erneut den bayerischen Umweltminister Werner Schnappauf auf den Plan, dessen Handeln schon zu Beginn der bayerischen Bären-Affäre vor rund einem Monat hysterische Züge angenommen hatte.

Gleichzeitig wurde damals der seit 170 Jahren erste Bär auf bayerischem Boden freudig begrüßt und – nach diversen Plünderungen in der Nähe menschlicher Ansiedlungen – doch zum Abschuss freigegeben. Es entstand das Diktum vom Problembären. Am Samstag wurde die Abschusserlaubnis erneut ausgegeben.

An diesem Punkt der Geschichte nun muss man vielleicht etwas ausführlicher Manfred Fleischer das Wort lassen. Das CSU-Mitglied Fleischer ist der Landespräsident des Tierschutzbundes und hat Edmund Stoiber bereits vor vier Wochen einen Brief geschrieben, auf den er keine Antwort erhalten hat. Fleischer erwähnte, dass er sich wundere, warum der Tierschutzbund überhaupt nicht einbezogen werde und wollte sich von Verbandsseite mit 10 000 Euro daran beteiligen, dass es gelänge, den Bären aus dem Trentin lebend einzufangen. Schließlich machte Fleischer den Brief öffentlich, weil er nicht gerne zusah, wie allein die Hektik Werner Schnappauf die Hand führte. Fleischer plädierte unter anderem dafür, auch den Leiter des Tierparks Hellabrunn, Henning Wiesner, der sich sonst nur via Zeitung äußern durfte, einzubinden. Wiesner gilt als Experte für Blasrohrbetäubung. Womöglich wäre eine von Fleischer konzipierte Bärenverfolgergruppe billiger gekommen als die Finnen, für die das Land Bayern über 50 000 Euro überweisen muss.

Unterdessen war der Bär mit seinen täglich über 30 Kilometern Wanderleistung auch einmal nach Ausspannen zumute gewesen. Dass er sich dabei während einer Ruhepause ausgerechnet vor dem Feuerwehrhaus in Kochel am See zusammengerollt hatte, verschärfte erneut die öffentliche Diskussion darüber, ob man einen ausgewiesenen Räuber, der sich derart ungeniert in die Nähe von Menschen traue, am Leben lassen dürfe. Die Meinungsfronten verliefen erwartungsgemäß kreuz und quer, es erhärtete sich dann aber doch die Überzeugung, dass der Bär ein zu großes Risiko für den Menschen darstelle, bliebe er in Freiheit. Ulrich Wotschikowsky zum Beispiel, ein Wildbiologe aus Oberammergau, zeigte sich mit vielen Fachkollegen und Nicht-Jägern einer Meinung, dass „der Bär den Ruf der ganzen Sippschaft ruiniert“. So etwas war Wasser auf die Mühlen von Werner Schnappauf, der nach der Heimreise der Finnen nach einigem Zögern dann doch Brunos Ende befürwortete: „Das Eindringen in Siedlungen und das Aufbrechen von Ställen beschwört ein Unfallrisiko herauf, das nicht toleriert werden kann“, lauteten Schnappaufs Worte. In großer Not klingt er immer exakt so wie sein Herr und Meister Edmund Stoiber, entschlossen auch in der Unentschlossenheit. Sein Berliner Kollege Sigmar Gabriel hat durchaus Verständnis für Schnappauf. Schließlich hätte auch ein Mensch zu Schaden kommen können. Trotzdem sagt der SPD-Politiker: „Mir ist nicht begreiflich, warum das Tier zwar erschossen aber nicht betäubt werden konnte.“

Schnappauf ist jetzt der „Bärentöter“, zumindest für die bayerische SPD. Deren umweltpolitischer Sprecher, Ludwig Wörner, verlangt Schnappaufs Rücktritt und spricht – seinerseits nicht unhysterisch – von einer „heillosen Verwirrung und Überforderung des Umweltministers“ in den letzten Wochen. Auch Helmut Schultheiß vom Bund Naturschutz in Bayern wundert es sehr, dass der Braunbär erst wochenlang mit wachsender Erfolglosigkeit mit dem Betäubungsgewehr gejagt wurde. Kaum aber war die Abschussgenehmigung da, trifft den Bären die tödliche Kugel. „Man hat fast das Gefühl, die Leute standen Gewehr bei Fuß“, sagt Helmut Schultheiß.

„Vielleicht war es einfach Jagdglück“, vermutet dagegen Jagdexperte Andreas König vom Fachgebiet für Wildbiologie und –management der Technischen Universität München. Der Wissenschaftler war selbst bereits einmal auf Bärenjagd, allerdings im US-Bundesstaat Washington. „Drei Tage waren wir unterwegs, drei Bären haben wir in dieser Zeit geschossen.“ Natürlich lassen sich die Verhältnisse in einem US-Staat an der Pazifikküste nicht eins zu eins auf Oberbayern und Tirol übertragen, aber nachdenklich stimmen die Aussagen von Andreas König schon: Dort gehen nicht vier oder fünf Jäger mit jeweils einem Hund auf Bärenjagd, sondern jeder hat fünf oder sechs Bärenhunde dabei. Findet einer der Hunde einen Bären, wird das Raubtier also gleich von vielen Hunden gestellt, die Fluchtmöglichkeiten schrumpfen so erheblich. Man hätte diese Jagdmethode durchaus auf Oberbayern übertragen können, meint Andreas König.

Auch der Chef des Bund Naturschutz in Bayern Hubert Weiger sah keineswegs alle Möglichkeiten ausgereizt, Bruno bei lebendigem Leib zu fangen. „Wer in der Sommerhitze mit Wärmebildkameras aus dem Hubschrauber Schleuserbanden an der Grenze nach Tschechien aufspürt, sollte mit der gleichen Ausrüstung doch auch einen Braunbären verfolgen können“, sagt er. „Dieser Vorschlag vom Bund Naturschutz wurde allerdings nicht umgesetzt“, ärgert sich Hubert Weiger. Aber, so tröstet sich Weiger, „Bruno wird keinesfalls der letzte Bär sein, der Bayern besucht“. Schon längst habe eine Wanderung der Bären herauf aus dem Süden eingesetzt, und immerhin gibt es über 30 000 Braunbären in Europa. Die sterbliche Hülle Brunos bleibt Bayern erhalten. Sie wird ausgestopft und ausgestellt: im Münchner Museum für Mensch und Natur.

Mitarbeit: Dagmar Dehmer und Roland Knauer

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