Zeitung Heute : Der Balkon-Konflikt

Kann man diese Blumen hassen? Sind Geranien aufgedonnerte Matronen, sogar rückgratlose Gewächse? Oder sind sie tapfere Proletarier, die geballte Faust der Pflanzenwelt? Das kann nur ein Tribunal klären: zwei Plädoyers.

Esther Kogelboom

Pro

So eine Geranie macht keinen Ärger. Das ist schon mal das entscheidende Argument für diese Pflanze: Mit wenig Geld , Zeit und Aufwand wirkt ein Balkon leuchtend und lebendig, ja, üppig bepflanzt. Ein Geranienbalkon gelingt auch, wenn man selten da ist, keinen grünen Daumen hat und seinen Ausguck normalerweise als Endlager für Farbeimer und atomare Bierkästen benutzt. Dieses urdemokratische Gewächs kann man sogar bei Lidl kaufen. Es hat wahrlich nichts von elaborierten und schwer zu pflegenden Gartenkräutern und -gemüsen. Mal ehrlich, wer will ernsthaft etwas essen, das auf einem Stadtbalkon gezüchtet worden ist? Macht es etwa Spaß, sich mit seinen Mitbewohnern um die einzige Cherrytomate zu kloppen, die der Sommer hervorgebracht hat – nur, um schließlich mit Hilfe des Eierschneiders ein toxisches Miniatur-Caprese daraus zu machen?

Es wird höchste Zeit, die Geranie zu rehabilitieren. Zunächst zur Ursachenforschung: Weshalb ist die Geranie bei modernen Stadtmenschen verschrien? Aus dubiosen Gründen gilt sie als Blatt und Blüte gewordene Kleinbürgerlichkeit; in ihrer Hängeform als eiserner Vorhang, hinter dem Klatsch, Missgunst und Familienterror gedeihen. Die Gegner der Geranie haben meist diese Tatortfantasie: Mord auf dem Lande, Bürgermeister wohnt mit Frau und Kindern in einem wunderschön anzusehenden Geraniengehöft, Fassade lupenrein – bis der Ortsvorsteher von seiner jüngsten Tochter auf dem Heuboden erhängt aufgefunden wird und die Idylle endlich zerbricht. Ja, alles was üppig und gesund erscheint, das missfällt dem Bohemien. Da wittert er gleich eine erzkonservative Lebenseinstellung, wenn nicht sogar eine braune Gesinnung! Hatte nicht der Führer einst in Berchtesgaden …?

Alles Blödsinn! Betrachtet man die Geranie (lat. Pelargonium) einmal frei von allen Vorurteilen, fällt sogleich ihr robuster Wuchs, ihr pflegeleichtes Wesen ins Auge. Diese Pflanze kokettiert weder mit der einfältigen Zartheit einer Margerite, noch zerkratzt sie den Gärtner aus dem Hinterhalt, so wie die eitle Rose. Nein, die Geranie wuchert genügsam vor sich hin. Sie ist die ehrliche Haut, der wackere Proletarier unter den Balkonpflanzen. Sie blüht in den klaren Farben Rot, Rosa, Purpur, Violett, Lachs und Weiß. Kräftige Farben machen gute Laune, regen den Kreislauf an, stimmen optimistisch.

Deeskalation für die Nerven!

Sie verschenkt ein aromatisches Öl, das Frauen beim Kampf gegen Menstruationsbeschwerden unterstützt. Und eine spezielle Art – Pelargonium triste – lindert Durchfall. Von dieser Art war die erste Geranie, die 1621 von Südafrika nach Europa kam. Die lange Reise überlebte sie nur wegen ihrer dickfleischigen Wurzeln. Die Geranie steckt einiges weg.

Zudem steht das Pelargonium für die Sommerfrische wie keine andere Pflanze. Würzige Luft, weiße Gipfel, grüne Wipfel, Kirchengeläut, Kaiserschmarrn und Marillentatschi! (Keine Sorge, man erhält mit dem Erwerb einer Geranie nur eine kurze Pflegeanleitung dazu, nicht automatisch auch das CSU-Parteibuch.)

In Südtirol, Österreich und Bayern ergießen sich vom Frühjahr bis zum Herbst Kaskaden von Geranien über die Balkone. Schuld daran ist der Fremdenverkehr: Etwa 250 Jahre, nachdem das erste Pelargonium triste aus Südafrika gekommen war, begannen die Hoteliers, ihre Häuser mit Geranien zu verschönern. Einladend und freundlich sollte das aussehen, und die Touristen folgtem dem Lockruf der Blume nur zu gern. In Südtirol hat sie sogar einen eigenen Namen: „Brennende Lieb“. Brennende Lieb! Dagegen spricht eigentlich nichts, oder?

Wenn es wirklich stimmt, dass niederländische Gärtner ihre Gewächshäuser mit Musik beschallen, dann legen sie in der Geranienabteilung bestimmt etwas Kurzes und Kräftiges auf, Bad Religion zum Beispiel.

Contra Von Stefanie Flamm

Ich gebe es offen zu, ich bin gegen Geranien. Ansonsten habe ich in den letzten zehn Jahren wirklich alles in Töpfe gesteckt, was man in Töpfe stecken kann: Margeriten, Hortensien, Astern, Vergissmeinnicht, Obst, Gemüse, Kräuter. Es gab mediterrane Sommer mit Terracotta, Hibiskus und Oleander, es gab russische Phasen mit Plastikblumen, Tomaten und Dill, und es gab Jahre, in denen ich einfach eingepflanzt habe, was mir in den Einkaufskorb gesprungen ist.

Das ging meistens gut. Das Supermarktbasilikum wuchs sich zu einem vorgartentauglichen Busch aus, die Tomatenstauden aus dem Baumarkt bogen sich unter der Last ihrer Früchte, die zum halben Preis erstandenen Margeriten hingen bis Anfang Oktober über die Brüstung. Es ist aber auch schon passiert, dass mir die ganze Balkonherrlichkeit Anfang August einfach vertrocknet ist, weil ich keine Lust mehr hatte, mich darum zu kümmern. Und würde eines dieser Fachorgane für die gartelnde Großstädterin nun behaupten, mein Balkon sei der Spiegel meiner Seele, würde ich dem sofort zustimmen. Da ist was dran.

Doch was muss ich lesen! Geranien seien im Kommen. Die Geranie müsse rehabilitiert werden. Sie gelte zu Unrecht als Auswuchs disziplinversessener Kleinbürgerlichkeit. Auch aufgeklärte Stadtmenschen könnten die durchaus wieder haben. Doch was heißt hier wieder?

Deutschland wird, in den Städten und auf dem Land, seit Jahrzehnten von Geranien überwuchert. Diese aufgedonnerte Matrone unter den Balkonpflanzen, die so wenig Rückgrat hat, dass sie im Hochsommer unter ihrem ondulierten Doldenhaupt bei der ersten Mittagshitze in die Knie geht, ist hier zu Lande die am meisten verkaufte Balkonpflanze. Sobald die Frühlingssonne sich regt, steht sie, in riesige, mehretagige Metallkäfige gepfercht, vor jedem Bau- und Supermarkt – für 1 Euro 29 das Stück. Und, sicher, es gibt sie bei Lidl, dort kosten sie nur 99 Cent. Doch das scheint nicht der Grund dafür zu sein, dass selbst die normalerweise am Preis-Leistungs-Verhältnis vollkommen desinteressierte Zeitschrift „Elle“ die Geranie wieder für hoffähig erklärt. Da muss Ironie im Spiel sein oder neue Bürgerlichkeit oder irgendein anderer Trend, der plötzlich für hui erklärt, was für die distinguierte Leserin vor kurzem noch pfui war. Die Argumentation geht jedenfalls in diese Richtung. „Elle“ beschränkt ihre Kaufaufforderung nämlich explizit auf weiße Geranien. Weiße Geranien seien etwas Besonderes.

Weiße Geranien sind vor allem teuer, der Blumenladen in meiner Straße verkauft sie für fünf Euro 90 das Stück. Doch selbst wenn sie den Gegenwert eines zwei Meter hohen Zitronenbaums für eine einzelne Blume verlangen würden, sie bliebe doch eine Geranie – eine tyrannische Pegeltrinkerin, die sich auf dem Beipackzettel genügsam gibt, im Ernstfall aber zweimal täglich nach ihrer Dosis verlangt. Außerdem will die Geranie ständig zum Friseur. Denn zupft man ihr nicht regelmäßig das welke Kraut vom Kopf, ist es schnell vorbei mit den blühenen Balkonlandschaften. Dann wachsen dort, wo sich die Erinnerung an den letzten Urlaub in Südtirol in Szene setzen wollte, bloß noch Strohblumen.

Ich weiß, wovon ich spreche, ich bin mit solchen Strohblumen aufgewachsen. Die Geranienpracht stand nebenan, und hinter der Geranienpracht stand eine vollbusige Nachbarin, die zupfte und goss und mit einem halben Auge immer die ganze Straße im Blick hatte. Wenn diese Person zu uns zum Kaffee kam, hatte sie die Angewohnheit, mit dem Finger über die Schränke zu fahren, um nachzusehen, ob es dort auch sauber ist. Ich möchte daraus keine Schlüsse über ihre politische Einstellung ziehen. Kontrollfreaks gibt es in allen Lagern. So hat mich in Berlin letztes Jahr eine hennarote, friedensbewegte Nachbarin bei der Hausverwaltung denunziert, weil ich es mit der Mülltrennung nicht so genau nehme. Auf ihrem Balkon blühten Geranien.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!