Zeitung Heute : Der Bau ist den Deutschen einen Schritt voraus (Gastkommentar)

Jacob Heilbrunn

Ein passenderes Gebäude für Berlin könnte es kaum geben. Schlicht und modern, offen und geheimnisvoll spiegeln sich Jahrzehnte der deutschen Geschichte darin. Es steht noch leer, aber man kann es besichtigen. Und alle fragen sich, wie es aussehen wird, wenn es endlich in Betrieb ist.

Spreche ich vom neuen Jüdischen Museum von Daniel Libeskind? Keineswegs. Ich schwärme vom neuen Bundeskanzleramt, das einen Besucher schon im halb fertigen Zustand beeindrucken muss.

Natürlich ist die übliche Kritik schon jetzt zu hören. Das Gebäude sei ein Zeichen von deutschem Größenwahn, gar ein Bau, der Speersche Dimensionen gewinnt. Diese Kritik ist ungefähr so überzeugend, wie sie voraussehbar war. Diesselben Bedenken wurden gegen die Deutsche Botschaft in Washington D. C. geäußert, als sie vor ein paar Jahren eröffnet wurde. Das neue Gebäude hat sich aber bewährt. Würde heute ein neues geplant, würde man dem alten bereits nachtrauern. Die Deutschen trauern eben gern. Modernität ist ihnen suspekt, das Gewohnte lieber.

Aber so wird es ihnen auch mit dem neuen Bundeskanzleramt gehen. Sie werden sich daran gewöhnen. Doch mehr noch: Sie werden es schon bald für angemessen halten. Dieses Gebäude ist alles andere als monumental. Es verkörpert Offenheit und vor allem Selbstbewusstsein - zwei Eigenschaften, die man nicht automatisch mit den Deutschen assoziiert. Zu diesem Selbstbewusstsein gehört auch Humor. Der Bau erinnert an einen Passagier-Dampfer, mit der Kapitänsbrücke in der Mitte. So gehört sich das eigentlich auch. Schließlich sitzt das Bundeskanzleramt am Spreebogen.

Man mag einwenden, der Zusammenhang zwischen Schiffen und Politik in der deutschen Geschichte sei eher unglücklich gewesen. Wilhelm Zwo betrieb den deutschen Flottenbau, weil er neidisch war auf seine englischen Vettern. Und er war es, der Bismarck entließ - wie es der berühmte Cartoon im "Punch" schildert: "dropping the pilot" (Der Lotse geht von Bord). Heute spielen manche in der SPD mit dem Gedanken, ihren Lotsen, Bundeskanzler Gerhard Schröder, über Bord zu werfen. Doch wer auch immer in Zukunft Bundeskanzler ist: Das neue Kanzleramt setzt ein Zeichen, dass die Berliner Republik sich nicht im Fahrwasser Bonns bewegen wird.

Nur die Berliner scheinen sich darüber nicht im klaren zu sein. Man hat den Eindruck, sie sind ziemlich verwirrt. Im ersten "Berliner Salon Zukunft" für junge Politiker und Unternehmer habe ich eine aufregende Diskussion über den Bonner Ballast im Berliner Gepäck erlebt - nein, sogar genossen: gerade weil die Berliner sich so heftig darüber streiten, ob es eine Berliner Republik gibt, ob es sie überhaupt geben darf? Ob Bonner Tabus weiter bestehen sollen oder ob sie künftig zur Steinzeit der Geschichte der Bundesrepublik gehören. Das Bundeskanzleramt mit seinen Proportionen und dem Selbstvertrauen, das es ausstrahlt, ist dem aktuellen Selbstbild der Deutschen einen Schritt voraus.

Der Autor berichtet für die amerikanische Zeitschrift "The New Republic" aus Deutschland.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben