Zeitung Heute : Der "Beatclub"-Erfinder erlag einem Herzinfarkt

Wolfgang Rumpf

Es waren schon wilde Zeiten damals, Mitte der sechziger Jahre, als Radio Bremens "Beatclub" zum ersten Mal schwarz-weiß über die Bildschirme flimmerte. Was da so dem deutschen Volk geboten wird, sei satanisch, schimpfte ein wütender Bayer in einem Leserbrief an den "Spiegel". Und warum die Aufregung? Wegen des TV-Regisseurs Mike Leckebusch, eines "verrückten Medienfreaks" (Leckebusch über Leckebusch), der Beatmusik fernseh-salonfähig machte. In seinem Garten stehen über 50 Satellittenschüsseln, über die sich der TV-Fan die komplette globale Bilderwelt nach Garlstedt bei Bremen ins Studio holte. 1965, als der "Beatclub" startete, schien sich niemand der Fernsehoberen für eine englische Beatsendung ohne deutschen Schlageranteil zu interessieren. Doch Bremens Intendant Kerneck gab (wohl auf Anraten seiner damals 17jährigen Tochter) grünes Licht. Leckebuschs düster gehaltener "Beatclub" fesselte rasch ein junges Millionenpublikum, die halbstündige Live-Show schrieb als erste Popsendung im deutschen Fernsehen wirkliche Mediengeschichte.

Das Konzept fußte auf den Klängen, die populäre Piratensender wie "Radio Caroline" boten, und bediente sich moderner TV-Popästethik: Chaotische Kameraführung, ineinanderfliessende Collagen und Elektronik-Schocks. Nicht zu vergessen die Gogo-Girls, die fast alle Leckebusch-Sendungen begleiten sollten. Dass das erste "Beatclub"-Studio noch aus Brettern zusammengezimmert und mit schwarzen Tüchern dekoriert worden war, gab dem Bühnengeschehen seine Ausstrahlung: die Small Faces, Manfred Mann, The Who wirkten wirklich wie in einem Londoner Vorstadtclub. Leckebuschs Beat war Avantgarde. Und erotisch aufgeladen. Mit dem "Musikladen" und "Eurotops" - in Farbe - ging Leckebuschs Stil voll in psychodelischen Bilderwelten auf - Farbspielereien und Popmalereien wurden sein neues Markenzeichen; die Gogos blieben.

In den letzten Jahren musste er sich allerdings von der Wucht der Viva- und MTV-Clips geschlagen geben, sein Ruf als progressiver TV-Mann ("Ich weiß heute schon, was morgen läuft") war verspielt. Stattdessen besann sich Leckebusch, der einst als Regieassistent beim NDR begann, auf Bewährtes: "50 Jahre Rock-Musik" für den Kulturkanal arte. Am Freitag starb Mike Leckebusch starb im Alter von 62 Jahren an den Folgen eines Herzinfarkts.Der Autor ist Musikchef bei Radio Bremen.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben