DER BEDEUTENDE AUGENBLICKJewgeni Chaldej im Gropius-Bau : Traurige Sieger

Christina Tilmann

Er war, auch er, ein „embedded Journalist“. Unterwegs im Auftrag der Fotoagentur TASS, in Murmansk, Moskau, Rostow, Kursk und Odessa, dann in Rumänien, Jugoslawien, Ungarn, Österreich und schließlich Berlin. Unterwegs mit der Roten Armee, zu den Kriegsschauplätzen des Zweiten Weltkriegs. Er kam als Sieger, schoss das berühmte (gestellte) Bild der Roten Fahne über dem Reichstag – und sah als Journalist doch vor allem das Elend. Tote Soldaten auf den Straßen von Wien, ein Kriegsversehrter in den Ruinen von Berlin, ein Mütterchen, die ihren viel zu großen Koffer durch das brennende Murmansk schleppt, und die russischen Panzer auf der Yorckstraße in Berlin, von den verängstigten Anwohnern misstrauisch beobachtet.

Jewgeni Chaldej, der „russische Robert Capa“, wie er manchmal genannt wird, hat seine Ästhetik an der kühnen Bildsprache der Zwanziger Jahre geschult – und sein Thema in den Schrecken der Kriegszeit gefunden. Mehr als 200 Bilder zeigt nun der Gropius-Bau in der Retrospektive, die danach nach Kiew weiterwandert. Der Sieger, der um die Schrecken des Verlierens weiß – das ist für Chaldej, den 1917 in der Ukraine geborenen Sohn gläubiger Juden, ein biografisches Thema. Die Mutter wird 1918 bei einem Pogrom ermordet, der Vater von den deutschen Einsatztruppen. Chaldej selbst erlebt den neuerlichen Antisemitismus der spätstalinistischen Verfolgungszeit: ein Lebenstrauma. Ja, er arbeitet später wieder, findet Anstellung bei der Parteizeitung „Prawda“, stirbt 1997 in Moskau. Doch seinen „bedeutenden Augenblick“ erlebte er 1945. Christina Tilmann



Martin-Gropius-Bau, Fr 9.5. bis Mo 28.7.,

Mi-Mo 10-20 Uhr, 5 €, erm. 3 €

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