Zeitung Heute : Der Beginn von alten Zeiten

George W. Bush bemüht sich, die Beziehungen zwischen den USA und dem Vatikan wieder zu verbessern

Thomas Migge[Rom]

George W. Bush besucht den Papst in Rom. Was kann dieses Treffen bringen?

Nach seinem Besuch bei Italiens Staatspräsident Carlo Azeglio Ciampi im barocken Quirinalspalast fuhr George W. Bush in den Vatikan. Sein vielleicht wichtigster Tagesordnungspunkt während des Staatsbesuches in Rom.

Das Treffen mit Johannes Paul II. war dem amerikanischen Präsidenten offenbar so wichtig, dass er es sich mit einem Trick erschlichen hatte. Sein Botschafter am Heiligen Stuhl, Jim Nicholson, hatte vor einigen Wochen von sich aus verkündet, dass sein Dienstherr am Freitag, dem 4. Juni den Papst treffen werde, wohlwissend, dass der Vatikan bei solchen Überrumpelungen in der Regel nicht widerspricht. Ohne diesen „Trick“ – wie es die Zeitung „La Repubblica“ nannte – wäre es wahrscheinlich nicht zu einem Treffen gekommen, denn der Papst wollte eigentlich am Freitag in die Schweiz reisen.

Bush will seine Beziehungen zum Vatikan verbessern. Seit dem Beginn des amerikanischen Alleingangs im Irak nahmen vatikanische Diplomaten kein Blatt vor den Mund, wenn es darum ging, diesen Krieg zu kritisieren. Seit Monaten fordern nicht nur der Papst sondern auch seine Botschafter in Washington und bei den Vereinten Nationen in New York, dass die Amerikaner den UN Platz machen sollen. Die ständige Kritik des Heiligen Vaters schadet aber Bushs Wahlkampf – gibt es doch in den Vereinigten Staaten eine starke und große Gruppe konservativer katholischer Bürger, die auch für Bush potenzielle Wähler sind. So wird sich der Europabesucher gedacht haben, dass ein Treffen mit dem Papst und ein paar Fotografien mit lächelnden Gesichtern für seine Chancen von Nutzen sein können. Nicht nur, um die pazifistisch gestimmten Katholiken im eigenen Land von seinen guten Absichten zu überzeugen – auch in der übrigen westlichen Welt könnte ein Treffen zwischen dem Kriegsherrn und dem Friedensmann positiv wirken.

Als Geschenk aus Washington brachte George W. Bush dem Papst das Versprechen, dass er sich künftig für einen politisch unabhängigen Irak einsetzen werde und die UN in die Realisierung dieses Plans mit einbeziehen wolle. Dabei verwies Bush auch auf die wichtige Rolle der Europäischen Union. Worte, die Johannes Paul II. gefallen werden. Worte, auf die er seit langem wartete.

Seit Monaten beklagen vatikanische Diplomaten, dass ihre Positionen zum Irak von der Regierung in Washington überhört werden. Sie erinnerten die Bush-Administration immer wieder an das moralische Gewicht des kleinen Kirchenstaates und stießen dabei auf taube Ohren. Eine Reaktion, die im Vatikan erst für Erstaunen und dann für Verärgerung sorgte. Bushs Äußerungen in Anwesenheit des Papstes werden deshalb von Italiens Vatikanexperten wie Sandro Magister vom Wochenmagazin „L’ Espresso“ als „Kniefall vor dem Papst“ gewürdigt.

Innerhalb des Kirchenstaates wertet man den Besuch des Präsidenten und seine Worte als Zeichen einer Wende in den Beziehungen zwischen beiden Staaten. Eine Wende, an der dem Vatikan sehr gelegen ist. Traditionell waren die Beziehungen zwischen beiden Staaten immer gut. Ohne die guten Kontakte in Washington wäre es dem Vatikan nie gelungen, seine Fühler in das damals noch von Kommunisten regierte Polen auszustrecken. Ohne die Unterstützung der USA kann die Diplomatie des katholischen Zwergstaates nicht viel bewirken.

Sollten sich die Beziehungen zu den USA tatsächlich verbessern wird das auch den Bemühungen des Heiligen Stuhls im Zusammenhang mit Jerusalem zugute kommen. Ohne amerikanische Hilfe, glaubt man im Vatikan, wird sich der lang gehegte Traum des Papstes, aus Jerusalem eine multireligiöse und sich selbst verwaltende Stadt zu machen, nicht realisieren. Ein Traum, den der Vatikan nun schon seit einigen Jahrzehnten zu verwirklichen versucht.

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