Zeitung Heute : Der bekehrte Staatsfeind

Abdullah Öcalan ist einer der großen Überlebenskünstler der Türkei. Der Sohn einer Bauernfamilie aus dem südostanatolischen Sanliurfa begann seine Karriere als kommunistischer Student und gründete eine der gefährlichsten Terrorgruppen der vergangenen Jahrzehnte: die Kurdische Arbeiterpartei (PKK). Die Rücksichtslosigkeit der Rebellen im Kampf für kurdische Autonomie brachte dem heute 64-jährigen Öcalan in der türkischen Presse den Beinamen „Babymörder“ ein. Doch nach seiner Festnahme 1999 wandelte sich Öcalan während seines Gerichtsprozesses in der Türkei plötzlich zum Friedensapostel, der sich von der Gewalt seiner eigenen Organisation distanzierte. Jetzt schlüpfte er in die Rolle des Friedensbringers.

In den langen Jahren des Kampfes der PKK wollte Öcalan vom türkischen Staat nicht nur mehr Rechte für die Kurden in der Türkei, sondern auch persönliche Anerkennung: Schon in den 1990er Jahren beklagte er sich darüber, dass er vom türkischen Staat nicht als Gesprächspartner ernst genommen, sondern lediglich als Separatist bekämpft werde. Das änderte sich erst lange nach der Festnahme des PKK-Chefs vor fast genau 14 Jahren. In den ersten Jahren von Öcalans Haft setzte Ankara darauf, dass der Rebellenchef bei seinen Anhängern in Vergessenheit geraten würde. Doch diese Rechnung ging nicht auf. Öcalan wurde von der PKK und von Kurdenpolitikern zum Märtyrer für die kurdische Sache erklärt. Gerüchte, wonach Öcalan in seiner Zelle auf der Gefängnisinsel Imrali langsam von den türkischen Behörden vergiftet werde, sorgten für Unruhen im Kurdengebiet.

Seit Ende 2012 verhandelt der PKK-Chef mit dem türkischen Geheimdienst MIT auf Imrali über einen Zeitplan zur Beilegung des Kurdenkrieges. Ob Öcalan persönlich von einem Friedensschluss profitieren kann, ist unklar. Einige Kurdenpolitiker sprechen bereits von einer Entlassung des PKK-Chefs und einem späteren Einzug ins türkische Parlament als Abgeordneter – eine absolute Horrorvorstellung für türkische Nationalisten. Vor der Parlamentswahl 2015 werde die Regierung das innenpolitische Risiko einer Haftentlassung wohl nicht eingehen, schätzt der Ankaraner Politologe Hüseyin Yayman. Zumindest sind Hafterleichterungen möglich.Thomas Seibert

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