Zeitung Heute : Der Berg ruft – nach Schonung

Der Tagesspiegel

Von Gideon Heimann

Die Alpen – geliebt, geschunden, missbraucht, nicht mehr zu retten? Wer so aufgeregte Klischees befürchtet, wird von der Ausstellung des Deutschen Alpenvereins, die bis zum 28. April im ehemaligen Staatsratsgebäude in Berlin-Mitte zu sehen ist, angenehm überrascht. Unter dem Titel „Schöne neue Alpen – eine Ortsbesichtigung" ist eine nüchterne Bestandsaufnahme der Probleme zu sehen, die auf leise Art nachdenklich stimmt. Aber es bleibt eben nicht beim Bedauern der Zustände: gezeigt wird eine Vielzahl positiver Beispiele, Problemlösungen näher zu kommen. Kurz: Gezeigt wird eine interessante Zusammenfassung zum „Internationalen Jahr der Berge 2002“.

Bundeslandwirtschaftsministerin Renate Künast, die die Ausstellung am Mittwochabend eröffnete, sprach denn auch davon, dass neue ökologische Netze geflochten werden müssen. Es gelte, den Alpenanrainern eine naturverträgliche Lebensgrundlage zu schaffen, jedoch ohne überkommene Strukturen zu alimentieren.

Doch worum geht es überhaupt? Der „Dachgarten" Europas hat eine Länge von 1200 und eine Breite von 300 Kilometern sowie eine Fläche von rund 200 000 Quadratkilometern, lesen wir. Sieben Länder teilen sich die Region, in der 13 Millionen Menschen verteilt auf 6123 Gemeinden leben. Gut 26 Prozent der Fläche ist verstädtert, und diese Tendenz nimmt zu, denn der Tourismus – inzwischen ein sehr wichtiger Erwerbszweig – wird immer noch ausgebaut.

Schließlich wachsen ja auch die Ballungsgebiete in den Bergen (Salzburg, Innsbruck, Grenoble, Annecy-Chambéry) sowie an ihrem Rand (München, Wien, Turin, Mailand, Como, Bergamo). Das bedeutet: nicht nur die Zahl der Urlauber, die eine oder mehr Wochen bleiben, sondern auchdie jener, die nur mal am Wochenende kommen, vergrößert sich. Und dabei geht das verloren, was die Landschaft früher einmal ausgezeichnet hat, galt sie doch als Rückzugs- und Ruheraum für ihre Besucher.

Doch heute ist eben auch die Erholung hektischer geworden. Kaum vorstellbar: 41 000 Skipisten mit mehr als 120 000 Kilometern Länge gibt es bereits, eine Vielzahl von Erweiterungen und Erschließungen ist geplant. Ohne Schneekanonen ist der durchgehende Betrieb im Winter nur selten möglich, und diese Geräte saugen viel Wasser aus den Flüssen, verbrauchen viel Strom.

Dafür, so sagen Fachleute, hält der Kunstschnee wenigstens die Erosion gering, schützt das Gras vor den Brettern. Der Bewuchs wiederum bewahrt das Erdreich im Frühjahr davor, von Sturzbächen fortgespült zu werden.

Gutes und Schädliches liegen also eng beieinander, das ist auch bei der immer stärkeren Nutzung der Wasserkraft so - die ja das Klima vor Kohlendioxid-Emissionen verschont. Dafür aber wurden aus Gebirgstälern Stauseen und Pumpspeicherwerke. Wo es noch Flüsse gibt, sind sie meist begradigt und künstlich eingefasst. Weniger als zehn Prozent der Hauptflüsse, deren Länge insgesamt 13 150 Kilometer beträgt, sind noch naturnah erhalten geblieben.

Aber es gibt auch unterschiedliche Gegenbewegungen. Etliche Gemeinden wehren sich zum Beispiel gegen den Transitverkehr, vor allem gegen die Lastwagenkolonnen. Andere Regionen – wie etwa das Kärntener Lesachtal – setzen erfolgreich auf den „sanften Tourismus". Hier wird den Urlaubern das Leben und Wirtschaften früherer Jahre nahe gebracht, als der Bauernhof noch keine Fleischfabrik war. Darüber hinaus leben im Windschatten dieser Ferienangebote auch alte Handwerksberufe wieder auf, regionale Produkte werden zu Spezialitäten aufgewertet.

Und diesem Beispiel folgen mittlerweile immer mehr Gemeinden. So hat sich seit 1996 von Slowenien bis Frankreich eine mehr als 100 Ortschaften umfassende „Allianz in den Alpen" gebildet, die gemeinsam etwa mit dem Alpenforschungsinstitut in Garmisch-Partenkirchen nach dem Kompromiss sucht, der die Anwohner und die Natur leben lässt. Denn wo die Menschen mangels Arbeit und Erwerb abwandern, wo Wald und Wiesen nicht mehr bewirtschaftet werden, ändert sich die Natur drastisch.

Für Michael Berger, den Naturschutzreferenten des Deutschen Alpenvereins, ist es wichtig, die Besucher in Aktivitäten einzubinden – natürlich nur in solche, die mit dem Landschaftsschutz vereinbar sind. „Man kann die Menschen nur dann für den Naturschutz empfänglich machen, wenn man ihnen die Gelegenheit gibt, die Natur zu erleben", sagt er. Vom verheerenden Tourismus aber nun ins Gegenteil, in eine reine Museumskultur zu verfallen, ginge am Ziel vorbei.

Der Alpenverein setzt sich daher für die Ausweitung der Schutz- und Ruhegebiete ein (bisher etwa 15 Prozent des gesamten Gebirgs-Areals). Dort ist die umweltbelastende Nutzung so eingeschränkt, dass Wanderer in den vollen Naturgenuss gelangen und die Tierwelt weitgehend ungestört bleibt.

Weiteres im Internet: www.berge2002.de , www.alpenverein.de

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