Zeitung Heute : Der Berg ruft

Wissenschaftler der Freien Universität erforschen die Ursachen von Naturgefahren in den Alpen.

Sven Lebort
Lawinen, Erdrutsche,
Lawinen, Erdrutsche,Foto: éric bargis Fotolia

Mit der Christianisierung verblassten sie, die Geschichten, nach denen ein Riese im Berg wohnt und mit Steinen wirft, wenn man ihn verärgert. Mit der Aufklärung verblassten dann die Geschichten, nach denen Erdrutsche, die ganze Dörfer verschütteten, Gottes Zorn für ein lästerliches Leben seien. Stattdessen griffen auch im Alpenraum wissenschaftliche Erklärungen Raum, denen zufolge Lawinen, Steinschläge und Erdrutsche geologische, meteorologische oder landwirtschaftliche Ursachen haben. Doch mit jedem dieser Fortschritte ging auch ein Stück tradierten Wissens über die Naturgefahren verloren, das spätestens jetzt, in Zeiten des Klimawandels, wieder von großem Nutzen sein kann. Wie und warum das geschah und wie man hilfreiches, jedoch verschüttetes Wissen bergen und wieder nutzbar machen kann, das erforschen Wissenschaftler im Projekt „Alpine Naturgefahren im Klimawandel“, das zu einem großen Teil an der Freien Universität verortet ist. „Im Kern geht es dabei um Deutungsmuster und Handlungspraktiken in den Alpen seit dem 18. Jahrhundert“, sagt Undine Frömming, Juniorprofessorin am Institut für Ethnologie und Leiterin zweier Teilprojekte. Insgesamt sind vier Universitäten an dem mit 800 000 Euro vom Bundesministerium für Bildung und Forschung finanzierten Projekt beteiligt, darunter der Lehrstuhl für Wald- und Umweltpolitik der Technischen Universität München, das Seminar für Mittlere und Neuere Geschichte der Universität Göttingen und die Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft in der Schweiz. Seit die Katastrophenforschungsstelle aus Kiel dem Fachbereich Politik- und Sozialwissenschaften der Freien Universität Berlin angegliedert wurde und ihr Direktor Martin Voss als Gastprofessor an der Freien Universitätlehrt, wird der überwiegende Teil des Forschungsprojektes von Berlin aus geleitet.

Ein Ethnologe auf der Alm mit einer Sense in der Hand ist kein alltäglicher Anblick. Für Christian Reichel, der das empirische Teilprojekt übernommen hat, gehört aber zurzeit genau das zum Alltag: Der Doktorand hat sich für seine Forschungen ins schweizerische Safiental begeben, wo er vor Ort das überlieferte Wissen zu den Naturgefahren in Gesprächen mit den dortigen Bauern nicht nur erfragt, sondern im Wortsinn auch aufzeichnet: Auf einer Karte des Tals lässt Reichel die Bauern Lawinengassen und andere gefährdete Areale eintragen.

Sein Ziel ist es zudem, die Interviews mit ihnen zu filmen und die Aufnahmen am Ende zu einer interaktiven Karte zu verknüpfen. Christian Reichel arbeitet während seiner Monate der Feldforschung auf den Bauernhöfen mit – „um nicht als Jetset-Ethnologe wahrgenommen zu werden“ und um näher an die Träger des überlieferten Wissens heranzukommen. Das funktioniert offenbar gut: Er sei offen empfangen worden, sagt Reichel, die Leute gäben gern Interviews und freuten sich, dass sich jemand für dieses teilweise jahrhundertealte Wissen interessiere. Diese „lokalen Wissensstrategien“ sollen am Ende die bislang ausschließlich technologische und naturwissenschaftliche Ausrichtung des Naturgefahren-Managements in der Schweiz ergänzen, um Naturgefahren künftig noch besser vorbeugen zu können. „Mich interessiert auch, wie klimabedingte Naturkatastrophen vor Ort wahrgenommen werden und ob diese Wahrnehmung Einfluss auf politische Entscheidungen hat“, sagt Reichel. Im besten Fall stünden am Ende lokal abgestimmte Katastrophen- und Umweltschutzpläne, die dem tradierten Wissen Rechnung tragen und so von den Landwirten vor Ort besser akzeptiert werden. Auf einer eher theoretischen Ebene befasst sich Josef Bordat mit dem Thema. „Von der Theodizee über die Technodizee zur Anthropodizee“ lautet sein Teilprojekt: Von einer göttlich geprägten Sicht der Naturgefahren, wie sie noch im 18. Jahrhundert existierte (Theodizee) möchte der Philosoph über die heutige vor allem technologische Sicht (Technodizee) zu einer möglichen künftigen Sicht gelangen, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt (Anthropodizee).

Er will dafür die Veränderungen in der Deutung solcher Gefahren theoretisch nachvollziehen und verstehen. Am Ende könnte eine lokale Klimaethik stehen, die Wissenschaft und Naturphilosophie miteinander versöhnt. „Der Klimawandel ist in diesem Zusammenhang ein großes Thema, weil er uns das verlorene Beziehungsmodell zur Natur klarmacht, das in vielen anderen Kulturen noch existiert“, sagt Undine Frömming. Indem man dieses alte Wissen erhebt, könne man es nicht nur für die Zukunft sichern, sondern auch schon heute im Management der Naturgefahren wirksam werden lassen.

Im Internet:

www.alpine-naturgefahren.de

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