Zeitung Heute : Der berühmteste DJ der Welt

John Peel quälte die BBC mit den Sex Pistols, als sie noch keiner kannte. Das war das Prinzip des Radio-Moderators, der 2004 starb. Die Sendungen machte er zu Hause. Ein Besuch bei seiner Familie.

Esther Kogelboom

Auf dem Weg vom Flughafen Toronto zu den Niagara-Fällen, 1978. John Peel und Sheila „The Pig“ Ravenscroft im Mietwagen. Die Niagara-Fälle besichtigen, noch dazu in einer Hauruckaktion übers Wochenende, war eine der zahllosen Überraschungen gewesen, die sich Peel für seine Frau ausgedacht hatte. Das Problem: Im Radio kam nur Müll, schließlich lief „Sultans of Swing“ von den Dire Straits. Peel und Ravenscroft sangen mit. Denn obwohl Peel sich Zeit seines Lebens immer wieder über die Dire Straits lustig gemacht hatte, ausgerechnet für „Sultans of Swing“ hatte er dann doch eine kleine Schwäche.

Irgendwann machten die beide Pause in einem entlegenen Café, es war inzwischen dunkel geworden. In der Ecke lungerten ein paar zwielichtige Gestalten herum, die das Ehepaar unentwegt anstarrten. „Wir dachten, im nächsten Augenblick kommen sie rüber, ermorden uns und spülen uns anschließend die Niagara-Fälle herunter“, sagt Sheila Ravenscroft. „Wir malten uns aus, dass unsere Leichen niemals gefunden werden würden, und bekamen richtig Angst.“ Und tatsächlich näherte sich einer der Männer dem Paar aus England, das, abgekämpft von der langen Reise, gerade beim Essen war. „Sie sind doch John Peel“, sagte er. „Hallo. Wir sind’s, die Dire Straits.“

Sheila Ravenscroft sagt, es sei ein lustiger Abend geworden. 28 Jahre nach diesem bizarren Zusammentreffen sitzt sie am Holztisch in ihrer großen Wohnküche, hinter ihr baumeln zwei glitzernde Luftballons mit der Aufschrift „Happy Birthday“ von der Decke – Enkel Archie ist vor kurzem drei Jahre alt geworden. Sheilas kleine Hand umschließt eine rosa Tasse mit Schweinemotiv. Sie entschuldigt sich ein paarmal für „das Chaos“. Es ist zehn Uhr morgens an einem klaren Herbsttag. Sheilas Tochter Alexandra brüht frischen Kaffee auf, bevor sie zur Mittagsschicht ins Pub fährt.

Das schweinchenrosa getünchte Haus der Ravenscrofts liegt versteckt hinter einer dichten Hecke in einem Örtchen in Suffolk, eine zweistündige Zugfahrt und eine 15-minütige Autofahrt von Londons Liverpool Street Station entfernt. John Peel hatte seiner Frau den wenig schmeichelhaften Kosenamen „Pig“ gegeben, weil ihn das schnorchelnde Lachen seiner großen Liebe an das Grunzen eines Schweins erinnerte. Sheila trägt einen warmen Strickpullover, Jeans und rote Ballerinas. Sie lächelt über den Rand ihrer Tasse hinweg: „Wenn Sie wollen, zeige ich Ihnen das Allerheiligste.“

Das Allerheiligste besteht genau genommen aus vier Teilen: Peels Büro, seinem Studio, einer Garage und einer Scheune. In Garage und Scheune lagern die Tonträger – eine Sammlung, von der nicht nur Andy Linehan, der Pop-Kurator der British Library, sagt, sie sei „legendär, einzigartig und atemberaubend, ein Stück Zeitgeschichte“. Dann das Studio: Peel hatte seine Sendungen seit Beginn der 90er Jahre fast ausschließlich zu Hause aufgenommen, weil er keine Lust mehr hatte, seine Familie so oft allein zu lassen, und von seiner Diabetes geschwächt war. Nachdem die BBC ihr Einverständnis gegeben hatte, mussten die White Stripes, The Fall, PJ Harvey und viele andere nach Suffolk fahren, um die berühmten Peel-Sessions einzuspielen. „Für mich bedeutete das vor allem: Quiche“, sagt Sheila, die ihren Beruf als Lehrerin aufgegeben hat. „Ich machte wie verrückt Quiche und rupfte Salat aus dem Garten, um das Produktionsteam satt zu bekommen. Es waren wundervolle Tage.“

Von seinem Mischpult aus hatte Peel einen friedlichen Blick. Viel mehr als eine grüne Koppel gibt es auch heute nicht zu sehen. Es ist nur ein winziger Raum mit tief hängender Holzdecke, vielleicht so groß wie drei Billardtische, vollgestopft mit technischem Equipment, Kabeln, Papierstapeln, Büchern, Tüten mit Platten und CDs, Beistelltischen mit Platten und CDs. Eine schmale Treppe führt ins Obergeschoss, eine Tapetentür in eine fensterlose Kammer, die der Schreiner aus dem Ort mit maßgeschneiderten Regalen für Platten und CDs ausgestattet hat. In seinem Heimstudio nahm Peel seine Shows auf, unter anderem die Sendung „Home Truths“, in der er sonntagmittags Hörer interviewte und mit neuesten Nachrichten aus seinem Familienleben versorgte. Vogelgezwitscher, Hundegebell, Topfgeschepper und Kindergebrüll erhob Peel zum Konzept. Hier, wo die Sendungen entstanden, die von der BBC um die ganze Welt geschickt wurden, hat sich seit seinem Tod kaum etwas verändert.

An dem großen Holztisch in der Küche war es, wo die Kinder Sheila davon überzeugten, die von John Peel begonnene Biografie zu Ende zu schreiben. „Zuerst wollte ich das nicht, ich werde ja schon verrückt, wenn ich nur einen Brief schreiben muss“, sagt Sheila und zieht den widerspenstigen Schafshund am Halsband zurück nach draußen. „Aber dann haben wir seine Tagebücher gefunden.“ Es waren 17 eng beschriebene Kladden, viel mehr, als die Familie erwartet hatte.

Peels Karriere begann 1962 in Dallas, wo er einen Job bei dem lokalen Radiosender WRR annahm. Sein britischer Akzent ließ den damals 23-Jährigen – nicht unbedingt freiwillig – zum Beatles-Experten werden, die damals gerade in den USA berühmt wurden. In Dallas war es auch, als Peel John F. Kennedy auf einer Wahlkampfveranstaltung traf. „Irgendwann kam die Kolonne am Fuß des Hügels, der sich seitlich der Main Street in der Nähe der Gegend erhob, wo Kennedy später den Tod finden sollte, genau vor meiner Nase zum Stehen“, schreibt Peel in seinem Teil des Buchs „Margrave of the Marshes“, das im November auf Deutsch erscheint. „Ich packte die Gelegenheit beim Schopf, stürmte vor und schüttelte die Hand von JFK. ,Viel Glück, Mr. Kennedy‘, sagte ich. ,Hey, Sie sind aus England‘, gab er zur Antwort. Als ich bejahte, fragte er, warum ich in Texas wäre, ob es mir hier gefiel und ob ich vorhatte zu bleiben.“ Dann lud der künftige Präsident Peel ein, rasch ein paar Fotos zu machen.

Am 22. November 1963 unterbrach der Radiosender, bei dem Peel arbeitete, sein Programm. Auf den Präsidenten sei geschossen worden, hieß es. Noch am selben Abend gelang es John Peel, sich als Reporter des „Liverpool Echo“ auszugeben und sich so den Zugang zu der Pressekonferenz zu erschleichen, bei der Lee Harvey Oswald der Öffentlichkeit als Täter vorgeführt wurde – eine Anekdote, die man ihm immer weniger glaubte, je öfter er sie erzählte. „Doch einmal, als wir gerade bei Freunden zu Besuch waren, liefen Archivaufnahmen der Pressekonferenz im Fernsehen. Und da war John zu sehen, wie er anderthalb Meter entfernt von Lee Harvey Oswald und Jack Ruby stand“, sagt Sheila Ravenscroft. „Das war schon echt gespenstisch.“

1967 kehrte Peel aus den Vereinigten Staaten nach London zurück, wo er bei dem Piratensender Radio London die Sendung „The Perfumed Garden“ moderierte – eine wichtige Instanz der britischen Hippie-Bewegung. Wobei „moderieren“ eigentlich nicht das richtige Wort ist für das, was John Peel tat: Er sprach mit der für ihn typischen höhen- und tiefenlosen Stimme ins Mikrofon. Er schaffte es irgendwie, dass seine Hörer sich von ihm höchstpersönlich angesprochen und für voll genommen fühlten, was dazu führte, dass sie ihm Briefe, Gedichte und Schallplatten schickten. Er wählte bereits damals ausschließlich die Songs aus, die ihm gefielen, die neu waren. Er war bereits ein Indie-DJ mit interaktiver Show, lange bevor es diese Begriffe überhaupt gab. Denn er tat schlicht, was er für richtig hielt.

Jimi Hendrix, David Bowie, The Smiths, The Fall, Pulp, The Undertones – alles Namen, die er gefördert und denen er zu großer Popularität verholfen hat. „Manchmal fragen mich Leute,warum ich diese Sendung mache“, hat John Peel einmal gesagt. „Ich mache es nicht,weil ich authentisch oder cool erscheinen will. Ich mache es nicht für die großen Plattenfirmen. Ich mache es für Leute wie die Undertones.“ Auch, was Frauen anging, handelte er konsequent: Dem hübschen Mädchen, das er bei einer Fernsehshow im Publikum gesehen hatte, ließ er einen Zettel überbringen. Darauf stand: „Würdest du bitte Samstagmorgen gegen 11:30 anrufen – WEL 5847. Peace.“ Sheila rief an und fand sich kurze Zeit später am Krankenbett eines Gelbsucht-Patienten wieder. „Dadurch, dass ich die Krankenschwester für ihn spielte, entwickelte sich eine gewisse Zärtlichkeit von selbst. Nicht, dass die Gelbsucht seine Triebe außer Kraft gesetzt hätte. Was immer die Symptome sein mochten, eine Verminderung der Libido zählte in Johns Fall nicht dazu“, erinnert sie sich.

Bei der Hochzeit am 31. August 1974 schritt Sheila Ravenscroft in einem weiß-roten Kleid zu den Klängen von „You’ll never walk alone“ zum Altar. Die Hochzeitstorte war ebenfalls rot-weiß, mit zwei Marzipanschweinen oben drauf. Neben Sheila, der Musik und später natürlich den Kindern liebte er den FC Liverpool und dessen Vereinsfarbe. Sowohl 1985, bei der Hooligan-Attacke im Brüsseler Heysel-Stadion, als auch 1989, als bei einer Massenpanik im Hillsborough-Stadion in Sheffield 96 Fans ums Leben kamen, war Peel vor Ort.

Eine neue musikalische Ära begann, als John Peel 1976 als erster „Anarchy in the UK“ und „God save the Queen“ von den Sex Pistols spielte. Er legte auch „Desire“ von Bob Dylan auf, bevor die Platte von der Plattenfirma freigegeben worden war – dasselbe tat er noch 2003 mit dem Album „Elephant“ von den White Stripes, womit er sich eine Menge Ärger einhandelte. Doch gerade das Nichtrespektieren der gängigen Regeln der Musikindustrie brachte ihm den Respekt seiner Hörer. Wenn die sich an Punk gewöhnt hatten, spielte er Reggae. Und als Reggae Common Sense wurde, entdeckte er Dub, elektronische Musik. Er spielte seine Platten vollkommen unberechenbar hintereinander, gleichzeitig, zu langsam oder zu schnell, war gefürchtet für seine schonungslosen Übergänge.

Auch in Deutschland fühlten sich tausende junge Menschen plötzlich verstanden, als der britische Militärsender BFBS in den 70er Jahren damit begann, Peel zu senden. Ab 1997 nahm er eigens für Berlins Radio Eins eine Show auf, die donnerstags zwischen 23 und ein Uhr gesendet wurde. „Anfangs schickte er noch dicke Bänder mit der Post“, sagt Peter Radszuhn, der Radio-Eins-Musikchef. „Er bekam nicht mehr Geld als andere freie Mitarbeiter.“ In Peels chaotischem Arbeitszimmer liegt noch heute ein Radio-Eins-Aufkleber („Nur für Erwachsene“). Und eine Tube Blendax Anti Belag sowie ein deutsches Wörterbuch. Kein Zweifel, John Peel hatte eine Schwäche für Deutschland.

In Peels Arbeitszimmer, zu dem man von der Wohnküche aus durch eine Schwingtür gelangt, gibt es keine Sitzgelegenheit. Peel tippte seine Memoiren im Stehen in eine alte mechanische Schreibmaschine. Seine Kinder hatten ihm irgendwann ein Laptop besorgt, das er jedoch nicht benutzte.

„Wenn John zu Hause war, lief den ganzen Tag Musik“, erzählt Sheila. „Er war selten glücklicher, als wenn er in seinem Zimmer war und Musik hörte und uns trotzdem hören konnte. Auf diese Art und Weise hatte er beides, seine Musik und seine Familie.“

Sheila und John bekamen vier Kinder: William, Tom, Alexandra und Florence. Tom Ravenscroft ist 26 Jahre alt, hat die hohe Stirn vom Vater geerbt und hängt in einem Sessel in der Londoner Dragon Bar. Er dreht sich eine Zigarette, bestellt Gin Tonic. „Ich wollte das eigentlich nie machen, und jetzt mache ich es doch“, sagt Tom und grinst etwas schief. Seit ein paar Wochen hat er seine eigene Radioshow, Slashmusic bei Radio 4. Er spielt ausschließlich Musik von Bands ohne Plattenvertrag, die ihre Songs auf der Homepage hochladen. Er verbringt Tage damit, sich alles anzuhören. „Was neu ist und irgendwie gut, kommt in den Podcast“, sagt er. Wie schwer ist es, der Sohn von John Peel zu sein? „Well …“, sagt er, und berichtet lieber von seinem ersten Nirvana-Konzert, da war er elf Jahre alt und durfte seitlich auf der Bühne stehen, dort, wo auch die Roadies mit den Ersatzgitarren warten. An dem Tag, an dem Kurt Cobains Tod bekannt wurde, holte Peel Tom von der Schule ab, um ihn mit der Nachricht vertraut zu machen. „Es war, als wäre ein Familienmitglied gestorben“, sagt Tom. „Wir waren alle fassungslos.“ Und während bei anderen Familien höchstens mal die Patentante zu Besuch kam, fuhren bei Peels immer wieder Bands vor, die ihre Instrumente auspackten, sie im Studio aufbauten und loslegten. „Ich hab meine Schulfreunde angerufen: ,Kommt schnell, die White Stripes sind da!‘“

Bereits Toms Geburt passierte zur besten Sendezeit: „Ich lag im Krankenhaus, und als die Wehen schlimmer wurden, rief John die BBC an und versprach, er würde noch vor Ende der Sendung Bescheid geben, ob es ein Junge oder ein Mädchen sei. Ich dachte: Augenblick mal – kann es sein, dass ich mit einem Mann verheiratet bin, dessen Prioritäten eine gewisse Schräglage aufweisen?“ Sheila Ravenscroft hat Tom noch vor Mitternacht zur Welt gebracht.

Erst auf der Uni machte Tom zum ersten Mal die Erfahrung, wie es ist, wenn niemand weiß, wessen Sohn man ist. „Peel“ ist ein Künstlername, den ihm der Legende nach eine Sekretärin von Radio London gab, während sie ihre Fingernägel mit einem Spezialprodukt behandelte. Wobei allein schon die Tatsache, ausgerechnet ein Hippie-Piratensender beschäftige eine Sekretärin mit einer Vorliebe für Maniküre, am Wahrheitsgehalt dieser Legende zweifeln lässt.

Vor kurzem war Tom mit einer befreundeten Band in dem Haus in Suffolk, um ein paar Lieder einzuspielen und um die Plattensammlung seines Vaters zu ordnen – ein schier hoffnungsloses Unterfangen. Es sind vielleicht 20 000, schätzt er. Sie stehen im Haus, in der Garage, in der Scheune, sie stapeln sich Wände entlang, quetschen sich in Regale, lagern in Kisten und Schubfächern. Man bekommt schnell den Eindruck, die Gebäude könnten in sich zusammenfallen, wenn jemand das Vinyl herausräumen würde.

John Peel starb unerwartet, während einer Reise mit Sheila im peruanischen Cuzco. Sie hatten vorgehabt, die Inka-Ruinen von Machu Picchu zu besichtigen. Da das Paar seine Reise für den „Telegraph“ dokumentieren wollte, hatte sich Peel vorher überlegt, welches T-Shirt er in Machu Picchu tragen wollte: Er entschied sich für T-Shirt der Band The Vaults. Ein Foto, das Peel am Ziel seiner Reise mit ihrem T-Shirt zeigt – die Vaults hätten sich um ihre nahe Zukunft keine Sorgen mehr machen müssen.

Dass der FC Liverpool im Champions-League-Finale 2005 den AC Mailand im Elfmeterschießen schlug, konnte Peel nicht mehr erleben. Auf seiner Beerdigung lief „Going down slow“ von Howlin’ Wolf, Roy Orbisons „Running Scared“ und „You’ll never walk alone“. Als der Sarg aus der St.-Edmundsbury-Kathedrale getragen wurde, erklang sein Lieblingslied: „Teenage Kicks“ von den Undertones. Es ging fast unter im Applaus der Fangemeinde, die sich draußen vor der Kirche versammelt hatte.

Sheila Ravenscroft schließt das Garagentor ab. Der kleine Archie drückt den roten Knopf auf seiner Spielzeug-E-Gitarre. Ihm gefällt, was er hört.

Das Buch erscheint am 27. 10. bei Rogner & Bernhard (480 S., 24,90 Euro). Den Podcast von Tom Ravenscroft kann man auf www.channel4radio.com runterladen.

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