Zeitung Heute : Der beste Sex ist der, den du nie hattest!

Von Esther Kogelboom

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Von Esther Kogelboom

Mit Händen, Füßen und allem anderen habe ich mich monatelang dagegen gewehrt, eine Kolumne über Sex zu schreiben – aus Angst vor dem haltlosen Abgleiten in die schwüle Schmierigkeit. Doch jetzt geht’s los, meinetwegen. Das Wetter hat mich kleingekriegt, irgendwie.

Es begab sich also, dass ich mit meiner Freundin mitten in der Nacht in einer Bar an der Schönhauser Allee strandete. Wir saßen auf einer Bank und unterhielten uns, was man so macht. Wegen der hohen Temperaturen hatten wir leider auf unsere bodenlangen Daunenmäntel verzichten müssen, die wir sonst – aus Sicherheitsgründen – vor jedem Barbesuch anlegen. Auf einer anderen Bank saßen zwei Männer und unterhielten sich. „Guck nicht hin“, raunte meine Freundin und schlug verschämt die Augen nieder. „Die gucken.“ Tatsächlich, sie guckten. Ich gebe zu, ich hatte hingeguckt.

Eine Zigarettenlänge später kamen die Männer rüber. Meine Freundin und ich registrierten blitzschnell das dramatische Schönheitsgefälle zwischen Mann 1 und Mann 2: Während Mann 1 durchaus gut aussehend war, litt Mann 2 vermutlich seit Kindertagen unter seinem Buckel und einem schwammigen, wächsernen Bindegewebe. Mann 1 sagte: „Hallo, ihr zwei beiden. Dürfen wir uns einen kurzen Augenblick zu euch setzen?“ – „Na ja“, sagte meine Freundin, worauf Mann 2 mit der flachen Hand einen Aschenbecher, einen Stapel Gratispostkarten sowie meinen halb ausgetrunkenen Tequila Sunrise von der Bank fegte, sich setzte und sagte: „Wisst ihr, wir waren gerade im Puff um die Ecke. Es war ganz okay. Aber jetzt möchten wir es noch mal mit Liebe tun.“

Draußen, auf der Schönhauser Allee, zitterte meine Freundin vor Wut. Ich lachte sie aus. Sie wurde immer wütender, und sie hatte ja auch irgendwie Recht. „Das geht NICHT. Das geht NICHT. Was bilden sich diese Arschlöcher ein?“ Ich bedeutete ihr, sich zu beruhigen. Waren Mann 1 und Mann 2 nicht am Ende nur zwei desperate Gestalten auf der Suche nach körperlicher Erfüllung? Ich hätte diesem Irrsinn gern noch ein bisschen länger gelauscht. Wahrscheinlich wieder das Krankenschwesternsyndrom, das mich schon immer vor mir selbst erschauern ließ. Meine Freundin schnaubte empört. „Du hast auch Mitleid mit Massenmördern und Parkplatzdieben! Eine Frau hat, verdammt noch mal, ihre Würde zu verteidigen!“

Ein Thema, so alt wie die Menschheit. Es gibt zwei Sorten von Frauen: Sorte 1 ist die unnahbare, elegante, Spielchen spielende Frau, die sich nichts gefallen lässt, im Zweifelsfall eher geht als bleibt und schnell geheiratet wird. Ihr Leitsatz ist: „Der beste Sex ist der, den du nie hattest.“

Sorte 2 ist die über jeden männlichen Witz lachende, freimütig über Beinbehaarung redende, kickernde Frau mit schmutzigen Fingernägeln, die erst mal auf gar keinen Fall geheiratet wird, weil sie so wahnsinnig nett und verständnisvoll ist. Ihr Leitsatz: „Das Leben ist kurz, also tue nichts, was ich nicht auch tun würde.“ Dann gibt es natürlich noch 7593 andere Sorten.

Was ist denn nun der richtige Weg? Soll man sich den Männern zum Fraß vorwerfen oder besser im richtigen Moment mit dem bestickten Taschentuch winken? Soll man so tun, als hätte man nichts zu verlieren – oder des Nachts kühlen Herzens über die Borussia-Mönchengladbach-Bettwäsche streichen?

Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass diese Kolumne streng genommen nichts mit Sex zu tun hat. Jedenfalls nicht vordergründig. Aber es folgen ja zum Glück noch 7593 weitere Kolumnen.

Unsere Kolumnistin, 31, bekommt laufend gute Ratschläge. An dieser Stelle überprüft sie alle 14 Tage einen davon auf seinen Wahrheitsgehalt.

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