Zeitung Heute : Der Besuch der neuen Dame

Malte Lehming[Washington]

Die US-Aussenministerin war am Dienstag in Paris. Was hat dazu geführt, dass Condoleezza Rice ihre Grundsatzrede ausgerechnet in Frankreich – dem europäischen Widersacher der USA – hält?

Sie war es! Aus ihrem Mund war vor anderthalb Jahren ein Affront gekommen. Er war einer der ärgsten, den die drei tonangebenden Irakkriegsgegner, allesamt Verbündete Amerikas, hatten einstecken müssen. „Den Russen vergeben, die Deutschen ignorieren, die Franzosen bestrafen“, soll Condoleezza Rice, damals noch Sicherheitsberaterin, als Strategie des Weißen Hauses verkündet haben. Nun tourt sie durch diese Länder. Es ist ihre erste Reise als Außenministerin. Hält sie sich an die alte Strategie?

Im Gegenteil. Vladimir Putin, in dem George W. Bush einst einen Seelenverwandten sah, muss sich die deftigste Schelte gefallen lassen. Die Beziehungen zu Russland werden in Washington gerade neu überdacht. Der Ton könnte sich weiter verschärfen. Die Visite bei Gerhard Schröder wiederum bildete einen wichtigen Auftaktmoment von Rices strapaziöser Rundreise. Und Paris? Ausgerechnet dort, in der Höhle der Löwen, wollte sie eine Grundsatzrede zu den transatlantischen Beziehungen halten.

Es ist ihre erste programmatische Rede im neuen Amt. Vorab war sie vom State Department als zentrale Ansprache der gesamten Reise angekündigt worden. Die Wahl des Ortes adelt also. In Frankreich sehen die USA ihren Hauptwidersacher in Europa. Das Land ist Vetomacht im UN-Sicherheitsrat, neben Deutschland der Motor der Europäischen Union, im Nahen Osten und Afrika verfügt es über hervorragende Verbindungen. In Frankreich sehen die USA einen Konkurrenten um Einfluss. Hinzu kommt die Historie. Die Amerikaner sind stolz darauf, die erste Demokratie geschaffen zu haben. Die Franzosen verstehen sich als Hüter der Menschenrechte. Die USA und Frankreich: Zwei sehr unterschiedliche Rivalen im Kampf für das Gute.

Seit der Wiederwahl des US-Präsidenten bemühen sich beide Länder intensiv um einen Neuanfang. Jacques Chirac sandte Bush eine handgeschriebene Gratulation, die mit „Cher George“ begann. Bei einem Treffen mit US-Senatoren bat er darum, wenn Bush in zwei Wochen in Brüssel weilt, etwas private Zeit mit ihm verbringen zu dürfen. Überdies ist Michel Barnier, Frankreichs Außenminister, sehr viel amerikafreundlicher als sein Vorgänger Dominique de Villepin. Barnier ist oft in Washington. Er wolle alle drei Monate kommen, versprach er. Das hört man in der Bush-Regierung gern. An diesem Mittwoch wird, gleich als nächster Gast, Verteidigungsminister Donald Rumsfeld in Nizza erwartet.

Doch seine Bauchpinseleien verteilt Washington dosiert. Zwar hält Rice ihre Grundsatzrede in Paris, doch Bush selbst, kommt in zwei Wochen nach Deutschland, nicht nach Frankreich. Protokollarisch triumphiert Mainz über Paris. Recht raffiniert hat es die US-Regierung geschafft, Deutschland und Frankreich in ein kleines Rennen zu schicken.

Rice wird von US- Medien als fast perfekte oberste Diplomatin angesehen. Als erste schwarze Frau im Amt entzieht sie sich allen Stereotypen, schrieb am Dienstag anerkennend die „Washington Post“. Sie sei weder eine „Angry Black Woman“ noch die „Nubian Queen“, auch nicht „Black American Princess“. Die Europäer, besonders die Franzosen als goßer europäischer Widersacher, werden die Person Rice auch deshalb als Zeichen für einen Neuanfang verstehen können. Und auch das ist vermutlich ein Grund, weshalb die US-Aussenministerin ihre erste Grundsatzrede in Paris halten wollte.

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