Zeitung Heute : Der biografische Faktor

Klaus Wowereit und Ole von Beust verkörpern einen neuen Typus des Großstadt-Bürgermeisters. Was das über uns verrät. / Von Heinz Bude

-

„Mit politischen Kreuzzügen gegen die Dekadenz des Individualismus ist in den politischen Großökologien von Berlin oder Hamburg nur etwas für den Moment, aber nichts auf Dauer zu gewinnen.“

Beiden hat es nicht nur nicht geschadet, sondern es hat ihnen genützt: Klaus Wowereit und Ole von Beust haben mit ihrer sexuellen Präferenz Politik gemacht. Der eine hat mit seinem Outing vor dem Parteivolk einen Coup im Spiel um die öffentliche Aufmerksamkeit gelandet, der ihn an die Spitze einer gebeutelten Partei gesetzt hat, und der andere hat sich im ruhigen Bestehen auf sein selbstverständliches Anderssein einen unappetitlichen Bündnispartner vom Hals geschafft. Beide haben sich damit beim Wahlvolk durchgesetzt. Wowereit hat die SPD in Berlin vor einem blamablen Niedergang bewahrt, von Beust die CDU in Hamburg zu einem unglaublichen Triumph geführt. Wie kam das? Was mögen die Leute an diesen beiden männerliebenden Männern? Haben wir es hier mit einem neuen Typ des Großstadtpolitikers zu tun?

Es wird oft vergessen, dass die repräsentative Demokratie nicht in erster Linie von Programmen, sondern von Personen lebt. Es ist das Prinzip der Veranstaltung, dass man nicht einen kompetenten Fachmenschen oder einen beinharten Interessenvertreter, sondern einen Menschen mit einer bestimmten Ausstrahlung wählt. Es ist am Ende immer eine Korrespondenz der Seelen, die einem Politiker das besondere Etwas verleiht, weshalb man ihn trotz Unklarheiten über sein Angebot und trotz Ungewissheiten über seinen Kurs denen vorzieht, die nur die Akten kennen oder die treu die Werte hochhalten. Ein Politiker, der – nach unserem Verständnis von Demokratie – Führung beanspruchen kann, muss Gefühle in uns ansprechen, die zur Entscheidung zwingen. Denn nur durch die Plausibilität der Person ist der Vorschuss auf Zukunft gerechtfertigt, den man Vertrauen nennt.

Deshalb ist es für Historiker einer vergangenen Zeit ein gebräuchliches Vorgehen, über die Psychologie der führenden Politiker Rückschlüsse auf die seelische Verfasstheit des Wahlvolkes zu ziehen. Was würden uns dann Klaus Wowereit und Ole von Beust über uns verraten?

Da haben wir zunächst die Hypothese über den Wertewandel in den Großstädten. In den deutschen Großstädten, und zwar ganz unabhängig davon, ob es sich wie im Fall von Berlin um eine traditionell proletarische oder im Fall von Hamburg um eine traditionell bürgerliche handelt, präferieren die meinungsbildenden Schichten eine liberale Lebensform, die die Freiheit des einzelnen vor allem darin sieht, nach eigener Façon glücklich zu werden. Insbesondere eine Politik, die ein ehrenwertes Leben an die Norm heterosexueller Familienherrlichkeit bindet, provoziert sofort einen Aufstand der moralischen Majorität – für eine selbstbestimmte Lebensweise. Mit politischen Kreuzzügen gegen die Dekadenz des Individualismus ist in den politischen Großökologien von Berlin oder Hamburg nur etwas für den Moment, aber nichts auf Dauer zu gewinnen. Dem widerspricht überhaupt nicht, dass sich die Schichten, die den Wert einer liberalen Lebenspraxis schätzen, saubere Hauptbahnhöfe, freundliche Kindertagesstätten und leistungsstarke Schulen wünschen.

Von dieser Wertorientierung profitieren Klaus Wowereit und Ole von Beust zweifellos, und das erklärt im Übrigen, warum die Konservativen in Berlin mit ihrer Entscheidung für einen bärtigen Kleinbürger mit Familienanhang völlig falsch liegen und warum die Sozialdemokraten in Hamburg mit der Aufbietung eines sachkompetenten und menschenscheuen Büroleiters keine Chance hatten.

Doch damit hat man noch nichts über die Psychologie unserer beiden Großstadtbürgermeister ausgesagt. Da zeigt sich nämlich ein bemerkenswerter Widerspruch: Sie sind zwar immer im Bild und Blick und verfügen über einen beträchtlichen inszenatorischen Instinkt, aber sie sind genau besehen eigentümlich verlorene Menschen.

Klaus Wowereit hat es aus dem faden Tempelhof nach oben geschafft. Er hat sich in der miefigen Welt der Strieders und Buttgereits durchgeboxt und sogar den Mut gehabt, so einem Sanierer wie Thilo Sarrazin die Finanzen der Stadt anzuvertrauen, aber man wird das Gefühl nicht los, dass er genauso schnell wieder in der Versenkung verschwinden kann, aus der er mit seinem kecken Selbstbekenntnis aufgetaucht ist.

Walter Momper kann bis heute stolz darauf sein, dass er seinerzeit gegen das Bedenkenträgertum in seiner Umgebung den Satz formuliert hat, „Wir sind jetzt das glücklichste Volk der Welt!“, aber wer wird sich noch an diesen Bürgermeister aus Berlin erinnern, von dem der Satz stammt, „Ich bin schwul, und das ist gut so!“. Sollte ihn Sabine Christiansen als Person öffentlichen Interesses überleben und sich im Augenblick seines Falls als Regierender Bürgermeister von ihm lossagen: Was wird dann aus dem gerade mal Fünfzigjährigen? Man traut ihm nicht das Gewicht zu, dann in die Partei seine Erfahrungen mit einer schwierigen und riskanten Koalition einzubringen, um daraus Lehren für den Umgang mit gefährlichen Stimmungen von links zu ziehen. Nur könnte in dieser empfundenen Schwäche gerade das Geheimnis von seines Erfolg liegen.

Auch Ole von Beust wirkt bei allem Erfolg und der ganzen ihm zuströmenden Sympathie wie eine gefährdete Person. Nachdem er am Wahlsonntag allein seine Stimme abgegeben hatte, war er in sein Single-Appartement mit den hohen Wänden und dem großen Sessel vorm Bücherregal gegangen, um aufzuräumen. Hat er dazu Chopin aufgelegt oder eine ihm zufällig in die Hände gefallene alte CD der Pet Shop Boys?

Was Ole von Beust in den langen Jahren der Opposition besonders charakterisiert hat, war eine bestimmte Art von Antriebslosigkeit. Damit hat er sich in dem von Stillhalteabkommen und Verpflichtungsarrangements durchsetzten Milieu einer auf Opposition abonnierten Stadtpartei über Wasser gehalten. Man muss den Laden in den Griff bekommen, darf sich aber nicht zu sehr an die Umgebung binden. Es kann nämlich sein, dass sich die politische Mission des Oppositionsführers darin erfüllt, die Möglichkeit einer nie eintretenden Regierungsübernahme offen zu halten. Darein muss man sich fügen können.

Ole von Beust ist in der Vergangenheit nicht durch programmatische Übersprungshandlungen aufgefallen. Er hat im Unterschied zu manchen anderen in ähnlicher Lage nie so getan, als ob er mehr wäre als ein konservativer Statthalter in einem sozialdemokratischen Kernland. Dass er jetzt mit Peter Müller und Christian Wulff eine Strömung der CDU anführt, die gegen die von Roland Koch und Friedrich Merz gerichtet ist, hat sich nicht langfristig vorbereitet, sondern plötzlich so ergeben.

Allerdings ist er dafür einen Pakt mit dem Teufel eingegangen und hat den Sieg davongetragen. Die Herausforderung kam, als dieser ihn in bewusster Anspielung auf seine Homosexualität persönlich in den Schmutz ziehen wollte. Da konnte das Publikum miterleben, wie Ole von Beust sein verborgenes Stigma in eine strahlende Stärke verwandelte. Keine Spur mehr von existenzieller Lethargie, sondern der Kampf zwischen einem adeligen Ehrenmann und einem ekelhaften Emporkömmling. So hat er sich vom Opfer des Ressentiments zum Herrn über sein Schicksal gemacht.

Womöglich ist Schicksal die Kategorie, die das Rätsel der Wirkung dieser beiden so merkwürdig konturlosen Politiker löst. Bei Klaus Wowereit wie bei Ole von Beust deutet der Sex auf einen Komplex von biografischer Unordnung und persönlichem Leid, der das Publikum zur sympathischen Stellungnahme bewegt. Die kann sich in entschlossener Zustimmung, kalter Abweisung und bösem Hass äußern. Sie ruft jedenfalls eine gefühlsmäßige Reaktion hervor, was nach den Gesetzen des politischen Marketings das Äußerste ist, was man erreichen kann.

In schicksalsloser Zeit führen beide Großstadtpolitiker den Leuten vor Augen, wie man ein Schicksal haben kann. Das ist freilich nicht mehr ein historisches, auf die großen gesellschaftlich-politischen Strömungen bezogenes, sondern ein ganz und gar persönliches und privates Schicksal. Das trennt Politiker vom Typ Wowereit und von Beust grundsätzlich von Politikern wie Herbert Wehner, Franz-Josef Strauß oder Hildegard Hamm-Brücher. Die hatten noch einen Kontakt zu den religionsähnlichen Ansprüchen der großen politischen Bewegungen des 20. Jahrhunderts. Selbst bei Hans-Dietrich Genscher, Helmut Kohl oder Horst Ehmke wehte uns davon noch etwas an, obwohl deren Schicksal mehr mit dem Krieg und seinen Folgen als mit den Ideen von Sozialismus, Konservatismus und Liberalismus zu tun hatte. Der Letzte, der mit diesem Assoziationsraum im Rückgriff auf das gesellschaftspolitische Nachholgefecht von 1968 spielt, ist Joschka Fischer.

Wir wollen, dass Politiker uns bewegen. Und sie bewegen uns, wenn sie ein Schicksal haben. Wenn das die Geschichte nicht mehr hergibt, muss die Biografie dafür herhalten. Und das Offensichtlichste und zugleich Verborgenste in einer Biografie ist der Sex. In dieser Hinsicht haben Klaus Wowereit und Ole von Beust einen ungeheuren Vorteil. Sie können mit einem Bekenntnis des Bekannten einen überraschenden Authentizitätsgewinn erzielen oder den Bruch mit einem ausgedienten Koalitionspartner als persönliches Reinigungsritual vorführen. Das Publikum ist entzückt, und die Massen sind bewegt. Schwulsein wäre dann ein Ersatz für das Schicksal, das wir bei der Mehrheit der Gegenwartspolitiker so vergebens suchen. Deshalb repräsentieren Klaus Wowereit und Ole von Beust wirklich einen neuen Typ von Politikern, bei denen die Fragen von Sexualität und Wahrheit die von Geschichte und Gesellschaft abgelöst haben.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben