Zeitung Heute : Der bittere Ernst der Normalität

HERMANN RUDOLPH

Es ist gut, daß sich der Bundestag in seiner übergroßen Mehrheit hinter den Kosovo-Einsatz gestellt hat.Aber die Übereinstimmung, die das Parlament damit demonstriert hat, gibt nicht nur den Soldaten bei ihrer schweren Aufgabe die Unterstützung, auf die sie Anspruch haben.Man wird in ihr auch eine Stütze der Bewußtseins-Verfassung der Bundesrepublik sehen können, die diese noch nötig haben wird.Denn mit diesem Einsatz gerät sie in ein Terrain, das von historischen Traumata und polarisierenden Debatten regelrecht vermint ist.Man kann und muß diesen Einsatz - wie das der Bundeskanzler und die Sprecher der Fraktionen getan haben - in den aktuellen Kategorien der Verantwortungsethik begründen.Aber es ist nicht gut möglich, sich dabei nicht von den Schatten unserer Geschichte begleitet zu fühlen.Der erste kriegerische Einsatz seit dem militärischen und politischen Zusammenbruch Deutschlands bedeutet ja nicht nur ein neues Kapitel in der Außen- und Sicherheitspolitik.Er stellt die Bundesrepublik in ihrem Verhältnis zu sich selbst auf den Prüfstand.

Denn diese Eintracht ist auch ein bißchen erstaunlich.Man kann sie guten Gewissens gegen den Verdacht in Schutz nehmen, da erhebe ein neuer Wilheminismus sein Haupt - etwa in der Art der "The Germans to the front"-Stimmung, der die Deutschen einmal angehangen haben.Aber der Wandlungs-Prozesses, in dem sich die Deutschen langsam an die Möglichkeit von Waffen-Einsätzen herandebattiert und -gestritten haben, hat seine eigenen Probleme.Es ist wahr, daß dieser Einsatz von einer Regierung verantwortet wird, die in ihrer Mehrzahl vor ein paar Jahren Einsätze jenseits des NATO-Territoriums vehement abgelehnt hat, und die von einer Partei mitgetragen wird, die das Bündnis, in dessen Rahmen er erfolgt, eben noch preisgeben wollte.Die töricht-provokante Bemerkung des grünen Abgeordneten Ströbele, nun gehe von deutschem Boden wieder ein Krieg aus, belegt zwar nur, daß er nichts begriffen hat.Aber sie deutet auch an - von einer Extrem-Position aus -, gegen was für eine Art Verwirrung sich diese Übereinstimmung durchzusetzen hatte.

Doch was der Kosovo-Einsatz uns abverlangt, reicht tiefer.Der militärische Nie-wieder-Affekt - Ergebnis der deutschen Katastrophe - steckt eben doch in den Grundmauern dieser Republik, und alle die Entscheidungen für Bundeswehr, Bündnis und schließlich zur uneingeschränkten Partnerschaft haben die Irritation in dieser Sache nicht ganz abgetragen.Auch die Einsicht in die Notwendigkeit militärischer Gewalt ist davon immer belastet geblieben.Vermutlich zeigte sich ein Reflex dieser Unsicherheit auch in den Gesinnungs-Exzessen, mit denen die deutsche Friedensbewegung seinerzeit die befreundete Welt verblüffte.Selbst der Umstand, daß der jetzige Einsatz nun, nachdem er gefällt wurde, so merkwürdig unbestritten ist, hängt irgendwie damit zusammen; es mischt in die glücklich erreichte Eintracht etwas nicht ganz Geheures.Und es ist vielleicht kein Zufall, daß die einzige massive Ablehnung à conto PDS geht - also der Partei, die an diesem mühsamen Prozeß keinen Anteil hatte, sondern in ihrer früherern Gestalt, als SED, ein kommishaft-selbstverständliches Verhältnis zum Militärischen pflegte.

Es ist nach der Wende viel von der neuen Verantwortung der Deutschen gesprochen worden.Das geschah oft vage und rhetorisch.Mit dem Einsatz deutscher Soldaten in der Auseinandersetzung um das Kosovo löst die Bundesrepublik diese Veränderung ihrer Rolle ein.Nun ist wirklich die Normalität da, die auf die Deutschen nach ihrer Vereinigung und dem Ende des Ost-West-Konflikts wartet, und es zeigt sich, daß sie eine bitterernste Sache ist.

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