Zeitung Heute : Der blau-gelbe Ikarus

Der Tagesspiegel

Ob das FDP-Duo Guido Westerwelle und Cornelia Pieper seinen Ovid gelesen hat? Es wäre den beiden zu raten. Dann wüssten sie um die Geschichte vom jungen Ikarus. Dem hatte sein Vater Dädalus aus Federn und Wachs Flügel gebaut. Dass der Mensch jede Herausforderung meistern kann, ja, dass es ihm sogar gelingen würde zu fliegen, das wollte Dädalus beweisen. Und siehe da, der kleine Ikarus flog sogar und nahm den Traum der Menschen mit sich, auch in der ausweglosesten Situation zu Übermenschlichem fähig zu sein. So ähnlich müssen sich Westerwelle und Pieper am Sonntag gefühlt haben, als ihnen 13,3 Prozent der Sachsen-Anhaltiner ihre Stimme gaben. Zugegeben. Nach vielen Jahren, in denen es den Liberalen nicht gelang, ihr Image von der Partei der Besserverdienenden, der kaltherzig unsozialen Außenseiterpartei abzuschütteln, ist das Magdeburger Ergebnis ein beachtlicher Erfolg. Einer, der der FDP wieder Wähler und kluge Köpfe zutragen könnte, die sich in der Vergangenheit abgewandt haben. Dennoch: Bei allem Jubel, das Genscher-Land Sachsen-Anhalt ist – zumindest für Liberale – nicht Ostdeutschland. Und das ist noch lange nicht die Bundesrepublik. Und so wenig, wie 13,3 Prozent in Magdeburg Pieper dazu ermuntern sollten, in den anstehenden Koalitionsverhandlungen mit der CDU das Amt der Ministerpräsidentin zu beanspruchen, sollte Westerwelle jetzt vom Sprung ins Kanzleramt träumen. Schon der junge Ikarus kam der Sonne so nah, dass das Wachs schmolz, die Federn von ihm abfielen und er schlussendlich ins Meer stürzte. asi

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