Zeitung Heute : Der Blick der anderen

TU-Studentinnen sammeln internationale Stimmen zur Berliner Museumsinsel im 19. Jahrhundert.

Sybille Nitsche

Die Wand ist über und über mit Manuskriptseiten beklebt. Gelbe und grüne Klebezettelchen haften auf den Seiten, dicke blaue Striche markieren Streichungen, zeigen Korrekturen an. Bis Ende des Jahres sollen die noch losen Seiten sich zu einem reich bebilderten Buch zusammengefunden haben. Eines, „das man selbst gern liest“, sagen Philippa Sissis und Cristina Navarro im Chor und verfallen dabei in ein herzliches Lachen, weil sie soeben einen der Lieblingssprüche ihrer Professorin Bénédicte Savoy zitiert haben. Bücher zu schreiben, die man selbst gern liest – das klingt gut, es steckt aber verdammt viel Arbeit dahinter.

Es ist ihr zweites Buch, an dem die beiden Studentinnen der Kunstgeschichte unter der Regie von Bénédicte Savoy mitarbeiten. Aber sie tun sich den Stress gern wieder an. Es sei die perfekte Vorbereitung für den Beruf, gleich, ob man später als Kuratorin arbeite, wie es sich Cristina Navarro vorstellen kann, oder eine wissenschaftliche Laufbahn im Blick habe wie Philippa Sissis.

In den Projekten von Bénédicte Savoy betreibe man kunsthistorische Arbeit an der Quelle, überwinde die Angst vor Archiven, lerne schnell zu schreiben, keine Blockaden aufzubauen und Verantwortung zu tragen, weil ein Buch entstehen soll, das sich vor dem kritischen Auge der Öffentlichkeit behaupten muss, und nicht nur eine Hausarbeit, die den geschützten Raum des Seminars nie verlässt, erzählen beide.

Die Berlinerin Philippa Sissis und die in Madrid geborene Cristina Navarro gehören zu einer elfköpfigen studentischen Gruppe, die Eindrücke und Stimmen zur Berliner Museumsinsel im 19. und 20. Jahrhundert zusammentragen und zugänglich machen will. „Die historische Museumsforschung hat diesem Thema bislang wenig Beachtung geschenkt“, sagt die Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy. „Inzwischen liegen jedoch Anthologien vor mit Besuchereindrücken zum Louvre und der Dresdner Gemäldegalerie“. Zu den Berliner Museumsbauten wie dem Alten und Neuen Museum, dem Pergamonmuseum und der Alten Nationalgalerie auf der Museumsinsel gibt es aber noch nichts Vergleichbares, obwohl diese Museen international eine Schlüsselrolle spielten. „Wir möchten den Blick des Besuchers in den Mittelpunkt unserer Anthologie stellen.“

Die Herausforderung besteht darin, aussagekräftige Dokumente in Tagebüchern, Nachlässen, Zeitschriften, Briefwechseln, Museumsbüchern und Reiseberichten aufzuspüren, die über den gesamten Globus verstreut unentdeckt lagern. Eine mühevolle Arbeit, die sich die Studentinnen vorgenommen haben. „Das bedeutet zum Beispiel, sich durch 20 Bücher von japanischen Besuchern Berlins zu wühlen und nichts über die Museen zu finden“, erzählt Philippa Sissis. Wie überhaupt 80 Prozent der Recherchen fruchtlos seien.

Umso größer ist die Freude, wenn die Studentinnen dann auf Texte stoßen wie zum Beispiel auf den Bericht von Fanny Lewald über ihren Besuch des Königlichen Museums 1832, des heutigen Alten Museums. Es war ihr erster Besuch eines Museums überhaupt. Die Königsbergerin hatte sehr eindrücklich ihre Empfindungen beim Betreten der Rotunde der Antiken-Galerie beschrieben, die in der Aussage gipfelten: „Das Schöne war vorhanden auf der Welt, und ich konnte es genießen!“

Anders als vorangegangene Publikationen, die Bénédicte Savoy mit Studierenden geschrieben hat, wird es kein Buch, das vorrangig für den wissenschaftlichen Gebrauch gedacht ist. Vielmehr richtet sich die Anthologie an interessierte Leser und soll in den Museumsshops ihre Käufer finden. Deshalb will sie keine „langweilige wissenschaftliche Prosa“, sondern ist auf der Suche nach dem „richtigen Groove“ für das Buch.

Unter Professorin und Studentinnen entspinnt sich deshalb eine intensive Diskussion darüber, welche Texte in den Band aufgenommen werden sollen. Stärkere Texte werden gegen weniger aussagekräftige abgewogen, Information und literarische Eindrücke sollen sich abwechseln. Das führt dazu, „immer wieder neu zu denken“, sagt Cristina Navarro. Auch das lerne man bei Bénédicte Savoy. Für die Hochschullehrerin bedeutet das zuweilen, die Studierenden neu zu motivieren. Ihr gelingt das spielend – mit Witz, Ironie, Charme und wenn gar nichts mehr geht mit einer Pause zur richtigen Zeit bei Croissants, die sie mitgebracht hat und die fast so gut seien wie in ihrer französischen Heimat. Sybille Nitsche

Im Herbst erscheint: Bénédicte Savoy, Philippa Sissis (Hg.), Die Berliner Museumsinsel, Impressionen internationaler Besucher, Eine Anthologie, Böhlau Verlag, 360 Seiten, 75 s/w-Abb. 29,90 Euro.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!