Zeitung Heute : Der Blick durch die Sonnenbrille

Die Amerikanerin Erin Cosgrove hat einen Roman über die RAF geschrieben. Eine Satire. Das hat etwas mit ihrer Vergangenheit zu tun

Annabel Wahba

Erin Cosgrove weiß, wie echte Schriftsteller aussehen müssen. Den Blick ernst, in die Unendlichkeit schweifend. Das Wichtigste sind aber die Hände. Die müssen unbedingt mit aufs Bild, irgendwo ins Gesicht, weil das seriös aussieht: Der Schriftsteller sinniert über sich und die Welt und stützt seinen gedankenschweren Kopf auf den Händen ab.

Erin Cosgrove hat ihr Schriftstellerinnenfoto von ihrem Freund im Park machen lassen, an einem sonnigen Nachmittag in Los Angeles. Sie findet es ziemlich komisch, dass sie es jetzt als eben solches in den Zeitungen sieht. Erin Cosgrove liebt die Performance, sie ist Konzeptkünstlerin, keine Autorin. Die stellt sie nur dar. Zumindest war das der Plan.

Zur Lesung ihres gerade erschienenen Romans „Die Baader-Meinhof-Affäre“ in den Berliner Kunstwerken hat sie sich eine Militärweste übergezogen. Sie zeigt ihr Video „A heart lies beneath“, das auch Teil der RAF-Ausstellung hier ist. Dann beginnt sie mit dem Vortrag eines Manifests. Es endet mit dem Satz „Love is the saddle. Ride, people, ride!“

Vielleicht sollte die Familienministerin diesen Satz in ihre nächste Rede einbauen. Damit die Deutschen endlich wieder Partner finden und Kinder bekommen. „Die romantische Liebe ist der neue bewaffnete Aufstand“, schreibt Cosgrove in ihrem Buch.

Aber was hat das alles mit der RAF zu tun? Und warum schreibt ausgerechnet eine Amerikanerin ein romantisches Manifest über die RAF? „Die Baader-Meinhof-Affäre“ ist der erste von sieben Liebesromanen, die Cosgrove als Teil eines Multimedia-Kunstprojekts gerade schreibt. Dazu gehören auch Videos und Computergrafiken. Sie hat sich in ihren früheren Arbeiten mit Pornografie auseinander gesetzt und kam zu dem Schluss, dass der Liebesroman für Frauen das ist, was für die Männer der „Playboy“ ist. „Frauen haben eher einen verbalen Zugang zu Sexualität, Männer einen visuellen“, sagt sie.

In der „Baader-Meinhof-Affäre“ geht es um die junge und nicht gerade groß gewachsene Mara, die auf ein nobles College an der amerikanischen Ostküste geht. Sie verliebt sich in den Germanistikstudenten Holden, der einen Baader-Meinhof-Lesekreis leitet. Er fährt einen BMW – „Baader-Meinhof-Wagen“ – und schwört Rache für den Tod von Benno Ohnesorg. Mara hat natürlich keine Ahnung, wer dieser Ohnesorg ist, und sie kann sich auch nicht mehr daran erinnern, ob Baklava nun der Ausdruck für den karierten Palästinenserschal ist oder für Blätterteiggebäck.

Holden kommt aus einer reichen Familie und sehnt sich danach, die „Ketten des Reichtums abzuwerfen“. Er lernt Deutsch, um mehr über die RAF lesen zu können. Er hält Mara Vorträge über den bewaffneten Kampf. Zum ersten Mal verunsichert wird sie, als Holden ihr während des Liebesakts „Meine Ulrike“ ins Ohr flüstert. Dennoch macht sie mit bei den „Baader-Meinhof-Spielen“ der Lesegruppe, in denen sie die Geschichte der RAF mit verteilten Rollen nachstellen. Mara als Meinhof, Holden als Baader.

Während die Amerikaner Cosgroves Werk vor allem als Satire auf die Romanze zweier Gesetzloser lesen, weil die meisten die RAF nicht kennen, lesen die Deutschen das Buch natürlich anders. Weil die RAF ein Stück deutscher Geschichte ist, und weil die meisten Leser nicht die Konzeptkünstlerin dahinter sehen, sondern schlicht die Autorin. Sie fragen sich, was eine Amerikanerin dazu treibt, eine Romanze über die RAF zu schreiben. Hier muss das Buch für sich alleine bestehen. Das wissen sie beim Blumenbar-Verlag, der es nach Deutschland brachte, und das weiß auch Cosgrove. „Natürlich trage ich eine Verantwortung gegenüber den Opfern der RAF“, sagt sie. Aber wenn eine Satire so gut funktioniert wie bei Cosgrove, dann ist sie ein hervorragendes Mittel der Auseinandersetzung. Cosgrove führt die Romantisierung ad absurdum. Sie zeigt, dass die Ideologie, die die RAF für sich in Anspruch nahm, leer ist. Was bleibt ist die Hülle, die Selbststilisierung zu Helden.

In Cosgroves Videoarbeit, die in den Kunstwerken zu sehen ist und die Romangeschichte zum Inhalt hat, gibt es eine Szene, in der Mara und Holden in Paris im Café sitzen. Genau wie auf dem Foto, das das ehemalige RAF-Mitglied Astrid Proll von Gudrun Ensslin und Andreas Baader 1969 gemacht hat nach deren Flucht aus Deutschland. Wie eine Kaffeehaus-Boheme wirkt die RAF da, oder wie das deutsche Pendant zu „Bonnie und Clyde“. Über diese Stilisierung macht sich Cosgrove lustig.

Cosgrove wurde im selben Jahr geboren, in dem Baader und Ensslin nach Paris flohen. Sie wuchs in Minnesota auf und studierte in Kalifornien Kunst, mit einem Stipendium kam sie 1995 für ein Jahr nach Berlin. Von der RAF hörte sie zum ersten Mal durch Gerhard Richters Bilderzyklus. Und als sie die Idee für die Liebesromane hatte, schien ihr die RAF als Stoff für eine überzogene Rebellenromanze genau richtig. „Baader stilisierte sich ja gerne zum coolen Macker, der in Samthosen und mit Sonnenbrille herumlief.“

Cosgrove war Anfang der 90er Jahre selbst mal eine Aktivistin, die stolz darauf war, auf Demonstrationen von der Polizei gejagt zu werden und das Gesetz zu brechen. „Mir gefiel die Romantisierung des Rebellentums. Und ich kann mir vorstellen, wie intelligente Menschen in den Sog einer Bewegung geraten und das ganze außer Kontrolle gerät.“ Heute sagt sie, sie sei damals eine Heuchlerin gewesen.

Am Ende haben Mara und Holden genug von ihren Spielen und den Gewaltphantasien. Holden begründet das mit einem seiner falschen Bibelzitate. „Du kannst deine Hand nur zweimal abhacken“, sagt er zu Mara. „Und beim zweiten Mal brauchst du Hilfe.“

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