Zeitung Heute : Der Blick über den Tellerrand

Ein Praktikum im Ausland – das geht auch während der Lehre. Mobilitätsberater helfen bei der Organisation.

Auf zu neuen Ufern. Für die meisten Studenten gehört ein Semester im Ausland zum Studium dazu. Seit 2009 gibt es auch für Auszubildende ein Förderprogramm, das sie während der Lehre dabei unterstützt, internationale Erfahrung zu sammeln. Foto: picture-alliance/gms
Auf zu neuen Ufern. Für die meisten Studenten gehört ein Semester im Ausland zum Studium dazu. Seit 2009 gibt es auch für...Foto: picture-alliance / gms

Paul Baranski steht in einem Studio mitten in Los Angeles und versteht kein Wort. Es wird ein spanischer Werbespot für Kaugummi gedreht. Ein Schauspieler hängt an Seilen vor einer grünen Wand, der sogenannten Green Screen Box. Auf einem Bildschirm sieht der Regisseur schon das Endprodukt: Der Schauspieler ist Astronaut in einem virtuellen Weltall.

Für Paul Baranski, 24, war es ein weiter Weg hierhin, in die Studios von LA. Er macht eine Ausbildung zum Mediengestalter für Bild und Ton in Berlin, bei der Ludwig Kameraverleih GmbH. Über die Sommerferien war er für acht Wochen in Los Angeles als Praktikant bei Stargate Studios, einer Produktionsfirma, die auf visuelle Effekte spezialisiert ist. Gerade ist er zurückgekehrt und erinnert sich lebhaft an Hollywood. In seiner Klasse mit mehr als 20 Mitschülern ist er der einzige, der bisher ein Praktikum im Ausland gemacht hat.

Seit 2005 ist im Berufsbildungsgesetz festgelegt, dass Auslandspraktika für die Ausbildung anerkannt werden. Im Gegensatz zu 26 Prozent der Studenten sind es nur vier Prozent der Auszubildenden, die sich für die Berufsbildung ins Ausland wagen. Vor vier Jahren waren es nur 1,8 Prozent. Oft sind die Auszubildenden noch sehr jung, zudem sind kleine und mittelständische Betriebe oft nicht über die Fördermöglichkeiten und Vorteile eines Auslandspraktikums informiert. In Deutschland fördert die Europäische Union mit dem Bundesministerium für Arbeit und Soziales seit 2009 das Projekt „Berufsbildung ohne Grenzen“. Bis Ende 2012 wird ein Netzwerk aus sogenannten Mobilitätsberatern in Handwerks-, Industrie- und Handelskammern gebildet. Sie unterstützen Auszubildende und Unternehmen bei der Planung eines Auslandsaufenthalts. Der dauert im Durchschnitt vier Wochen, maximal sind neun Monate erlaubt.

Paul Baranski flog am ersten Tag der Ferien im Juni in die USA. Er wollte keinen Stoff in der Berufsschule versäumen – denn der muss nachgeholt werden. Am Tag vor Schulanfang ging es zurück nach Berlin, den Jetlag ist er noch nicht ganz losgeworden. Der Vortrag eines Vertreters des Deutschen Gewerkschaftsbunds an seiner Schule hatte ihn auf die Idee eines Auslandspraktikums gebracht. Baranskis Vorgesetzte unterstützten ihn. Dies ist der erste wichtige Schritt, denn der Betrieb muss für die Dauer des Praktikums auf die Arbeitskraft des Auszubildenden verzichten und zahlt dennoch weiter die Ausbildungsvergütung.

Baranskis Vorgesetzte fädelten den Austausch mit ihren Geschäftspartnern von den Stargate Studios ein. Flug und Unterkunft finanzierte der 24-Jährige selbst, denn die Förderprogramme greifen nur europaweit. Das Pendant zum Erasmus-Austausch ist für Auszubildende das Leonardo-da-Vinci-Programm der EU. Außerdem gibt es bilaterale Förderprogramme, mit denen im Gegenzug Auszubildende aus dem Ausland nach Deutschland kommen. Die Programme finanzieren meist Reisekosten, Unterbringung und Sprachkurse sowie interkulturelles Training.

Die etwa 40 bundesweit arbeitenden Mobilitätsberater von „Berufsbildung ohne Grenzen“ beraten die Interessierten von Anfang an. „Wenn Auszubildende noch etwas unsicher sind, empfehlen wir auch, an Gruppenprogrammen teilzunehmen“, sagt Jaqueline März, Leiterin des Projekts bei der Deutschen Industrie- und Handelskammer. Manchmal gibt es Schwierigkeiten, ein geeignetes Unternehmen zu finden. Etwa wenn der Beruf selten ist, wie zum Beispiel der des Buchbinders, oder wenn es wie beim Augenoptiker ein Ausbildungsberuf in Deutschland ist, in anderen Ländern jedoch ein Studium. „Machbar ist es aber in jeder Ausbildung“, sagt März.

Auch in Fragen von Förderung, Anreise, Unterbringung, Versicherung und Absprache mit Berufsschulen und Kammern werden die Auszubildenden von den Beratern unterstützt. März empfiehlt, im Vorfeld einen Ansprechpartner aus dem Unternehmen im Ausland oder aus dem Förderprogramm festzulegen.

Die Auslandserfahrung lässt die Auszubildenden reifen. Häufig erkennen sie, welch gute Ausbildungsstandards es in Deutschland gibt und kehren mit gestärktem Selbstbewusstsein zurück. Die anderen Arbeitsweisen im fremden Land können sie gleich mitnehmen. Der auszubildende Bäcker kennt nach dem Praktikum in Italien ein Ciabatta-Rezept, Paul Baranski kennt jetzt die Green-Screen-Box-Methode. Für viele Unternehmen sind Englischkenntnisse wichtig. Einige Unternehmen möchten nach Osteuropa expandieren, da sei beispielsweise ein Praktikum in Polen interessant, sagt März. Grundsätzlich besteht immer die Frage nach den Kosten - ein Praktikum in teuren Städten wie London ist oft nicht finanzierbar. Um Nachwuchsfachkräfte zu binden, ist das Angebot eines Auslandsaufenthalts für die ausbildenden Betriebe von Vorteil.

Paul Baranski möchte Kameramann werden. Für Studentenfilme und Musikvideos arbeitet er schon jetzt häufig am Set. Der Geschäftsführer der Stargate Studios in Los Angeles hat ihm ein exzellentes Zeugnis geschrieben: „Wir hoffen, dass er eines Tages wieder Teil des Stargate Teams sein wird – eine Stelle wartet auf ihn.“ Ein Praktikum bei einem Unternehmen im Ausland empfiehlt Baranski jedem Auszubildenden. „Man kann nie wissen, vielleicht ist das dein zukünftiger Arbeitgeber.“

Infos zum Auslandsaufenthalt während der Ausbildung gibt es unter www.mobilitaetscoach.de

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