Zeitung Heute : Der Blick von unten

Der Tagesspiegel

Von Kerstin Decker

Angela Marquardt hebt kurz die gepiercte Augenbraue, ihre blau-gelben Drei-Zentimeter-Haare zeigen steil nach oben, klirrend vor Kälte. Sie kommt direkt vom Rostocker Marktplatz. „Sommer! Sonne! Sozialismus!“, liest sie erleichtert die meteorologische Hauptforderung der PDS in der städtischen Sport- und Kongresshalle. Florian Havemann sitzt ein paar Reihen vor ihr.

Havemann musste noch nie auf irgendwelchen Marktplätzen fremder Städte stehen, er machte noch nie Wahlkampf für andere Leute. Das soll sich ab sofort ändern. Florian Havemann ist der Sohn des obersten Staatsfeindes der DDR, Robert Havemann. Aber Sohn-Sein allein genügte noch nie. Also wurde Florian Havemann der wohl jüngste Staatsfeind der DDR. Mit 16 Jahren haben sie ihn schon eingesperrt, und Wolf Biermann dichtete später ein Lied auf ihn. Heute ist er Laienrichter am Verfassungsgericht Brandenburg.

Aber seit wann gehen Kinder oberster Staatsfeinde, Jung-Dissidenten und Helden von Biermann-Liedern zu PDS-Parteitagen? Ja, mehr noch. Havemann wird für die PDS in Sachsen kandidieren. Am besten, hoffen die Genossen, er holt ein Direktmandat.

Es ist wirklich alles sehr neu. Florian Havemann war doch noch nie auf einem Parteitag. Und er ist schon 50. In den ersten 50 seines Daseins gehörte er nur einer einzigen Partei an: sich selber. Aber das mit aller Kraft. Da hat man vielleicht jeden Tag ein Plenum, aber nie eins mit so vielen Menschen.

„Ich bin kein Opfer“

Der Brandenburger Verfassungsrichter Florian Havemann sieht gefasst nach vorn. Uwe-Jens Heuer vom Marxistischen Forum erläutert gerade im knallgelben Pullover seine Auffassung, Deutschland habe sich in eine einzige große Wehrkundetagung verwandelt. In 60 Ländern der Erde gebe es Terroristen. Wollen wir gegen die alle Krieg führen?, fragt Heuer, um dann die entscheidende Frage zu stellen: „Müssen wir vielleicht das Wort ,Imperialismus’ wieder gebrauchen?“ Eine kurze stumme marxistisch-leninistische Erschütterung geht durch den Parteitag. Dann ist alles wieder ruhig, höchste Zeit für die Änderungsanträge.

Was also macht ein Opfer bei jenen, die andere Opfer vornehmlich die Täter nennen? Aber nein, nein, ich bin kein Opfer, ich war doch ein Täter!, berichtigt Havemann und lächelt. Von anderen DDR-Widerständlern hört man manchmal dasselbe und möchte es für Koketterie halten. Ist es aber nicht. Robert Havemanns Sohn hat die Entschädigung als „Systemopfer“ wirklich abgelehnt. Eben weil er ein Täter sei. Ein Täter ist jemand, der genau weiß, was verboten ist und es trotzdem macht, erklärt Havemann. Zum Beispiel 1968 beim Einmarsch der Russen in Prag am Strausberger Platz die tschechische Fahne aus dem Fenster hängen. Als die Fahne hing, lief Havemann die Treppen runter und schaute von unten zu, wie die Sicherheitsorgane der DDR sich mühten, an die Fahne ranzukommen. Zu dritt sahen sie das, die spätere Managerin von Nina Hagen, einer, der heute Professor in Saarbrücken ist, und er. Fahne reicht nicht, befanden sie dann gemeinsam, wir brauchen Flugblätter! Auf die Flugblätter kam ein Gedicht von Biermann, das Havemann schon mit 16 entsetzlich fand, rein dichterisch gesehen. Denn eigentlich ist er Künstler, also ein Mensch von einer gewissen ästhetischen Reizbarkeit. Dabei mochte er Biermann.

Eva-Maria Hagen war Biermanns Freundin, Nina war Florians Freundin. Sie waren viel zusammen. Aber jetzt musste Florian Havemann das Gedicht abtippen. Denn weder die spätere Managerin von Nina Hagen noch der Professor konnten Schreibmaschine schreiben. Deshalb wurde Florian Havemann dann auch verurteilt. Wegen Abtippens eines Gedichts. Wegen der Fahne konnten sie den Sohn des obersten DDR-Dissidenten nicht verurteilen, weil die tschechische Regierung sehr verstimmt gewesen wäre, wenn das Hissen ihrer Staatsflagge in der DDR fortan unter Strafe gestanden hätte. Florian Havemann hat das Problem schon seinem ersten Stasi-Vernehmer erklärt: Im „Neuen Deutschland“ habe er gelesen „Wir helfen dem tschechoslowakischen Volk“, und das habe er, Florian Havemann, eben aktiv unterstützen wollen.

Wahrscheinlich hatte er mit 16 schon dieses Lächeln, das heute noch Theaterintendanten zur Empörung bringt. Vor allem, wenn sie gerade wieder seine Stücke ablehnen wollen. Diese Distanz darin. Solche Distanz wird überall schwer verziehen. Mag sein, Havemann war damals auch schon genauso groß wie heute. Fast zwei Meter. Er kann ja gar nichts dafür, dass er immerzu auf alle herabsieht. Erst recht auf die Staatssicherheit. Drei Stasi-Vernehmer hat er verbraucht. Der erste war seinen Flaggen-Argumenten nicht gewachsen, der zweite hat ihn angebrüllt, da hat er zurückgebrüllt, der dritte aber war väterlich. Er hat ihn, manchmal an den Wochenenden, wenn er allein Dienst hatte, sogar aus der Einzelhaft geholt.

Dann haben sie die Sonntage zusammen verbracht. Und irgendwann erklärte dieser Stasi-Mann Havemann, warum er bei der Stasi war. Erklärte es aus Angst vor der Verachtung des Jungen. Florian Havemann verstand ihn, irgendwie. Noch besser aber verstand er den CIA-Agenten, mit dem er eine Woche lang die Zelle teilte. Der CIA-Agent war auch lustiger. So lustig wie mit dem CIA-Agenten im Stasi-Knast war es in Florian Havemanns Leben nie wieder. Er machte die irritierende Erfahrung, dass man auch im inwendigen „Reich des Bösen“, wie man heute wohl sagen würde, manchmal dem Guten begegnet. Und dass alles immer viel komplizierter ist, als die Meinungsführer aller Seiten es machen. Auch die der „Opfer“.

Dennoch, das Trauma blieb. Zwei Monate Einzelhaft mit 16. Bis heute liest Florian Havemann alle erreichbaren Gefängnistagebücher. Seine ersten beiden Theaterstücke hat er über Menschen geschrieben, die wohl nur eins gemein hatten: die Gefängniserfahrung. Albert Speer und Rosa Luxemburg.

Aber war es etwa kein Verbrechen, dass die DDR ihn in ein „Jugendhaus“ steckte unter lauter Kriminelle, deren Taten, Autoraub oder Vergewaltigung, als „Vergehen“ galten. Florian Havemann war als der einzige „Verbrecher“ unter ihnen.

Eine Künstlererfahrung

Auf dem ersten Parteitag in Florian Havemanns Leben möchte jetzt eine Hamburger PDS-Ortsgruppe den Satz „Es gibt auch in Anbetracht der Nominierung Stoibers keinen Grund, Schröder zu schonen“ gern streichen lassen. Nicht, weil sie Schröder doch schonen will, sondern weil das ohnehin klar ist. Wenn das klar sei, und alle es wollen, dann kann der Satz doch drin bleiben, findet Uwe-Jens Heuer vom Marxistischen Forum. So geht das weiter. Havemann zeigt noch immer keine Anzeichen von Ungeduld. Er hält die Delegierten für sehr diszipliniert. Die denken wirklich mit, sagt er, man erkennt es an den Änderungsanträgen, die sie dann doch passieren lassen. Es interessiert ihn, den Künstler, wirklich. Im Brandenburger Verfassungsgericht darf man schließlich auch nicht ungeduldig werden.

Havemann ist gern Verfassungsrichter. Dass er es wurde vor drei Jahren, erstaunt ihn noch immer. „Was wir über ihn wissen, ist ausreichend“, sagte damals der Potsdamer CDU-Fraktionschef Hackel, als er noch gar nichts über ihn wusste, und wollte ablehnen. Jörg Schönbohm glaubte auch nicht, dass Havemann zum Verfassungsrichter taugt, denn er hatte gehört, dass Havemann in Kreuzberg wohnt. Dabei wohnt Havemann in Neukölln. Und Klaus Finkelnburg, Chef des Berliner Verfassungsgerichts, war der Auffassung, dass so ein Verfassungsgericht eine hochprofessionelle Angelegenheit wäre, weshalb es ungeeignet sei für jemanden, „der, überspitzt formuliert, mit der Laute klimpernd durchs Land zieht“. Wollte der Verfassungsrichter andeuten, dass Havemann über ein nicht unbedingt zuverlässiges Monatseinkommen verfüge? Und kann man Menschen mit unzuverlässigem Monatseinkommen vertrauen? Das ist das Problem, sagt Havemann, darum ist er in der Politik richtig. Weil er – trotz seiner zwei Meter – diesen Blick von unten hat. Weil ein Künstler manchmal mit den Arbeitslosen die Erfahrung des Überflüssigseins teilt. Weil er weiß, wie es ist, wenn alle durch einen hindurchschauen. Die Erfahrung des Westens.

Im Westen wurde Robert Havemanns Sohn Hausmeister und Beleuchter bei der Akademie der Künste. Und plötzlich war der Autor mehrerer ungespielter Theaterstücke, der Maler, Regisseur, Bühnenbildner, Komponist, Musiker und Schauspieler Florian Havemann für die „gebürtigen Künstler“ nichts weiter als ein sprechendes Werkzeug. Wie vergewissert man sich der eigenen Existenz, wenn sie einen anschauen, als wäre man gar nicht da?

Unbegabt zur Bitterkeit

Zum ersten Mal begegnete er diesem Blick mit 19 auf einem Sozialamt. Er war gerade aus der DDR geflohen, und Biermann dichtete das „Lied auf einen Verräter des Sozialismus“. Aber das konnte die Frau vom Sozialamt nicht wissen und blickte Havemann an, wie man eine Nummer, einen Versorgungsfall eben anschaut. Da machte er dasselbe wie schon im Stasi-Knast, er brüllte die Stellvertreterin des Staates auf Erden an, verließ das Amt und suchte sich am selben Abend eine Arbeit. Egal welche. Denn das Sozialamt irrte, er, Florian Havemann, war keine Nummer. Er war Elektriker! Ab sofort schraubte er in einer Kellerwerkstatt irgendwas zusammen. 24 Stunden zuvor, in der DDR, hatte er noch dasselbe gemacht. In einem Keller sitzen und irgendwas zusammenschrauben. Die DDR hatte ihn bei der „Deutschen Reichsbahn“ Elektriker lernen lassen. Von Ost nach West. Aber eigentlich war nichts geschehen.

Die „Ökologische Plattform“ stellt nun einen Antrag mit sechs Unteranträgen. Sahra Wagenknecht von einer anderen Plattform verlässt den Saal, und wir überlegen, dass Havemann doch ein Opfer der DDR war. Hätte er studiert wie andere Hochbegabte, alles wäre anders… Ich hätte wirklich nicht gewusst, was ich hätte studieren sollen, streicht Havemann diesen Gedanken durch. Der Mann ist erstaunlich. Ihm fehlt das elementarste Talent, das beinahe jeder besitzt: Er ist außer Stande, anderen die Schuld zu geben. Und gänzlich unbegabt zur Bitterkeit. Auch dass sein neues Projekt, die „Dreigroschenoper“ mit Angelica Domröse, Hilmar Thate, Hanna Schygulla, Martin Wuttke wohl nichts wird – er weiß keinen Schuldigen.

Florian Havemann glaubt nur, dass andere nicht dieselben Widerstandskräfte besitzen wie er. Und dass man ihnen helfen muss. Denn wer sich als Nummer fühlt, beginnt irgendwann, sich auch so zu verhalten: Er wählt die einfachsten Lösungen, rechtsaußen etwa. Davor hat Havemann Angst. Als Verfassungsrichter in Brandenburg lernte er so viele Fälle kennen – nein, nicht Fälle, Menschen – Menschen, die nie eine Chance hatten. Darum hat er schließlich ja gesagt, als die PDS ihn fragte, ob er nicht kandidieren wolle.

Die PDS-Ortsgruppe Probstheida Ost stellt jetzt einen neuen Änderungsantrag. Die Formulierung „Herrschaft des Großkapitals“ soll ersetzt werden durch „Herrschaft des Kapitals“. Die Ortsgruppe ist zäh. Probstheida Ost. Das ist doch in Sachsen. Dort soll Florian Havemann für die PDS kandidieren. Aber PDS-Mitglied ist er nicht. Robert Havemanns Sohn bleibt, was er immer schon war: einer, der vor allem sich selber angehört.

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