Zeitung Heute : Der blinde Kandidat

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Schwedt. Er hat seine Heimatstadt nie gesehen. Er ahnt nur die breiten Straßen und die leeren Wohnblocks und riecht höchstens den Stau vor dem Grenzübergang nach Polen. Er weiß nicht, ob die Menschen ihm zulächeln, oder ihn auslachen. Dennoch will Thomas Groß am Sonntag zum Bürgermeister von Schwedt gewählt werden. Der 40-Jährige Kandidat der PDS ist blind, fast von Geburt an.

„Ich sehe darin kein Handicap“, sagt er selbstbewusst beim Plausch im Restaurant. „Alles ist machbar.“ Wie zum Beweis gießt er den Kaffee in die Tasse. Kein Tropfen geht daneben. Falls er tatsächlich die Abstimmung gewinnen würde, wäre er der erste blinde Bürgermeister in Ostdeutschland. Der Blinden- und Sehbehindertenverband kennt jedenfalls nur den blinden Werner Becker, der in den achtziger Jahren die Geschäfte in der Gemeinde Otterberg in Rheinland-Pfalz führte.

Natürlich unterscheidet sich der Wahlkampf von Thomas Groß von dem der anderen Kandidaten. „Der kann doch die Dreckecken in der Stadt gar nicht sehen“, lautet eines der Argumente gegen Groß. „Na und?“, antwortet der gebürtige Rostocker dann: „Der jetzige Bürgermeister und viele andere sehen sie und ändern doch nichts daran.“ Er habe gute Freunde, Berater und Helfer, die ihm ganz genau die Lage schilderten. Der Computer sei ein Segen, da er beispielsweise alle Internetseiten und e- mails akustisch übersetze. Auch bei anderen Pflichten eines Bürgermeisters wie die Freigabe einer Straße oder die Eröffnung eines Hafens sieht er keine Probleme. „Dann lasse ich mich eben zu diesem bunten Band oder diesem roten Knopf hinführen.“ Überzeugt hat er seine Parteifreunde und offensichtlich auch viele Einwohner durch seine tägliche Arbeit als Rechtsanwalt. Seit 1990 betreibt er seine eigene Kanzlei in Schwedt, seit 1998 sitzt er in der PDS- Fraktion des Stadtparlaments. Als Bürgermeister will er seiner Stadt vor allem ein neues Image geben. „Schwedt ist nicht tot, obwohl die Einwohnerzahl seit 1990 um 14 000 auf jetzt 38 000 Menschen zurückging“, meint er. Groß träumt von einem Jugend- und einem Seniorenparlament mit vielen Kompetenzen in der Stadtentwicklung und besseren Zugverbindungen nach Schwedt. Den bevorstehenden EU-Beitritt Polens will er als Chance auch für Brandenburg propagieren. Sagt er. Und lässt sich von der PDS-Fraktionschefin Inge Kirsch die Krawatte für den nächsten Wahlkampfauftritt zurechtrückten. Claus-Dieter Steyer

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