• Der britische Premier war immer ein Mann mit Visionen und seinen Überzeugungen treu – aber Machtbesessenheit, Wandlungsfähigkeit und Zaudern verhindern eine eindeutige Politik. Wer ist Tony Blair? ZUR PERSON

Zeitung Heute : Der britische Premier war immer ein Mann mit Visionen und seinen Überzeugungen treu – aber Machtbesessenheit, Wandlungsfähigkeit und Zaudern verhindern eine eindeutige Politik. Wer ist Tony Blair? ZUR PERSON

John F. Jungclaussen[London]

TONY BLAIR PERSÖNLICH. WAS TREIBT DEN BRITISCHEN PREMIER AN?

Es ist Sonntag, die Blairs verbringen das Wochenende auf Chequers. Für die sechsköpfige Familie ist der Landsitz des Premierministers in Buckinghamshire angenehm großzügig. Hier können die Kinder Tennis spielen und im Pool baden. 10 Downing Street ist dagegen eher eng – eben nicht gebaut für einen Regierungschef wie Tony Blair. Er ist ein Mann, der zwei Häuser braucht, ein Mann mit zwei Gesichtern auch. In den prunkvollen Räumen von Chequers kann er der Staatsmann sein, der seinen Visionen folgt, in 10 Downing Street ist er der Taktiker, der die Fäden der Regierungsmaschinerie fest um sich herum geknüpft hat und doch ewig zaudert.

Der Tony Blair, der vor sieben Jahren mit einer unvergleichlichen Mehrheit Premierminister wurde, war ein jugendlicher, intelligenter und redegewandter Anwalt, der mit Leidenschaft vom Gesundheitssystem sprach, von sozialer Gerechtigkeit und von Ausbildung. Die Zeit war reif für diese Themen, die Tories hatten sie ewig vernachlässigt. Nun lagen sie dem Wähler am Herzen und keiner konnte sie glaubhafter verkaufen als Blair

Ein religiöser Familienvater, der seinen Glauben ganz privat praktiziert und als Premier zum vierten Mal Vater wurde. Ein Familienoberhaupt, das sich um eine gute Schulbildung für seine Kinder sorgt und darum, dass sie weniger Zeit mit Videospielen verbringen. Ein Sohn, dessen Mutter jung an Krebs starb und dessen Vater mit 42 Jahren einen Schlaganfall erlitt. Die Sorgen des Alltags waren auch seine eigenen Sorgen. Mit seinem Programm von New Labour präsentierte er sich als der handfeste und zuverlässige Visionär, der marktwirtschaftliche Grundsätze mit sozialer Gerechtigkeit verknüpfen wollte.

Der Tony Blair, der in 10 Downing Street einzog, zeigte schnell ein anderes Gesicht. Er ist der Tony Blair, dessen Machtbewusstsein bald in Machtversessenheit umschlug, der die Flexibilität des britischen Regierungssystems ausnutzte um einen zentralistischen Apparat aufzubauen, dessen Epizentrum allein er selbst ist. „Tony will, das sind heute die beiden mächtigsten Wörter im Regierungsviertel“, meint der Historiker und Verfassungsexperte Peter Hennessy. Dieser Tony ist der Taktiker, der die Presse kontrollieren will und dominiert wird von Umfrageergebnissen.

WARUM HÄLT BLAIR ZU AMERIKA?

Am Beginn seiner Außenpolitik stand der Anspruch, „ethisch“ zu handeln. Mit missionarischem Eifer sprach er von Afrika, als „der Narbe auf dem Bewusstsein der Welt“. Darüber hinaus wollte er Großbritannien aus der europäischen Isolation holen. Die traditionelle special relationship zu den USA, gewachsen aus der Blutsbrüderschaft zwischen den einstigen Kolonialherren und ihren Rebellen in der neuen Welt, ging für Blair kaum über die enge Freundschaft zu Bill Clinton hinaus. Dann kamen der 11. September und seine Folgen, die in Blair den Geist traditioneller britischer Außenpolitik weckten. Seither bespielt Tony Blair eine andere Bühne. Heute ist er der Staatsmann, der „den Preis für Führung und die Kosten der Überzeugung“ bezahlte, als er sein Land gegen Saddam Hussein in den Krieg führte. Damals verkaufte er seine Außenpolitik als „ethisch“, heute rechtfertigt er den Krieg mit einer moralischen Verpflichtung gemeinsam mit den USA das Böse auf der Welt zu bekämpfen.

Dass bisher keine Massenvernichtungswaffen gefunden wurden verstärkt nur seine Überzeugung, aus den richtigen Motiven heraus gehandelt zu haben. Obgleich sich die Fotos von folternden britischen Soldaten als Fälschungen entpuppt haben, eines ist klar: Der Kern der Geschichte ist wahr und der Schaden ist angerichtet. Der „Daily Mirror“ hat arabischen Fundamentalisten ein perfektes Opferlamm dargebracht, die nachgestellte Rechtfertigung für den Dschihad. Aber auch das nimmt Blair in Kauf. Sein eigenes politisches Überleben hat er längst hintenangestellt. Die Geschichte allein sollte „sein Richter sein“.

WIE STEHT BLAIR ZU EUROPA?

Auch Blair der Europapolitiker hat die zwei Gesichter, das des Visionärs und das des Taktikers. Zunächst wollte er Großbritannien aus der europäischen Isolation führen, einen Platz einnehmen im „Herzen Europas“ und schließlich auch der Einheitswährung beitreten. Das war immer sein heimliches Ziel. Dabei hat er einiges erreicht. Großbritannien ist heute mehr denn je Teil des Brüsseler Euro-Theaters. Nur sind seine Wähler für diese Rolle nicht gewappnet.

Wie vielen britischen pro-Europäern entging auch Blair wie tief die historisch gut begründete Skepsis der Briten gegenüber europäischer Integration tatsächlich geht. Mit der Erkenntnis kam ein bemerkenswertes Beispiel für die Wandlungsfähigkeit des Tony Blair. Ewig hatte er die Ratifizierung der europäischen Verfassungsvereinbarung als Kleinigkeit abgetan. Dann aber realisierte er, dass er der Opposition eine brauchbare Waffe für den nächsten Wahlkampf geschmiedet hatte. Seine Haltung war nicht glaubwürdig. Er selbst hat den Regionen mehr Unabhängigkeit gegeben und das Volk in den vergangenen sieben Jahren unzählige Male zum Volksentscheid zu lokalen Themen aufgerufen.

Europa wurde zu gefährlich. Also kündigte er ungeniert den Rückzug an und versprach ein Referendum. Seine europäischen Verbündeten versetzte er damit in Angst und Schrecken. Die Chancen für einen positiven Ausgang sind minimal, wenngleich Blair die Frage zu einer Grundsatzentscheidung über Großbritanniens Zukunft erheben wird. Wenn es soweit ist, im Herbst 2005, dann wird er vielleicht gehen, aber dann hat er selbst den Zeitpunkt seines Abgangs bestimmt. Er wird nicht an der Wahlurne vernichtet, sondern ein Opfer seiner Überzeugung. Dass er damit sein einstiges Lieblingsprojekt Europa damit um Jahre zurückwirft, interessiert ihn weniger.

WAS BLEIBT VON TONY BLAIR?

Wenn es einmal soweit ist, wird man sich fragen, was von Blair bleibt. Zunächst drei Wahlsiege in Folge. Tony Blair darf damit rechnen, bei den Unterhauswahlen im nächsten Frühjahr wieder gewählt zu werden. Nicht so sehr, weil er so beliebt ist, sondern weil die Tories immer noch so unbeliebt sind, dass sie die Hürde ins Amt kaum nehmen werden. Aus dem Projekt New Labour ist darüber hinaus viel weniger geworden, als Blair möglich gewesen wäre. Seine Innenpolitik ist durch Machtbesessenheit und Zaudern bestimmt. Er hat die Erbgesessenen aus dem Oberhaus vertrieben ohne eine Alternative zu liefern und das Rechtssystem so halb reformiert, dass es in einem Schwebezustand ist. Er hat sich als besonnener Wirtschaftspremier erwiesen, der die Früchte von Margaret Thatchers Marktreformen geerntet hat, statt sie vergammeln zu lassen.

Die Geschichte wird ihn am Ende eher in der Beschreibung des Schriftstellers Frederick Forsyth wieder erkennen. Der nannte Tony Blair einen „zwielichtigen Cappuccino. Löffel für Löffel türmt sich der Schaum auf, aber wo bleibt der Kaffee?“

Der Autor ist Historiker und Journalist und berichtet als England-Korrespondent vorwiegend für die „Zeit“.

GEBOREN

Anthony (Tony) Charles Lynton Blair wurde am 6. Mai 1953 in Edinburgh geboren. Er wuchs in Glasgow, im australischen Adelaide und in der Industriestadt Durham auf.

WERDEGANG

Nach dem renommierten Fettes College in Edinburgh besuchte Blair das St. John’s College in Oxford, um Rechtswissenschaften zu studieren. 1975 wurde er Mitglied der damals von Harold Wilson geführten Labour Party.

FAMILIE

Tony Blair ist seit 1980 mit der Rechtsanwälting Cherie verheiratet und hat vier Kinder.

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