Zeitung Heute : Der Bundesbauminister prämierte die Waldrandsiedlung in Hennigsdorf

Christof Hardebusch

Plötzlich sticht leuchtendes Blau durch die braunen und grauen Fassaden der Einfamilienhäuser. Dann kommen Dächer ins Blickfeld. Keine Satteldächer sind es, wiebei den Reihenhäusern im Umfeld, sondern Pultdächer. Auch die Fassaden ziert nicht der sonst übliche glatte Putz, sondern Holzplanken. Ungewöhnlich ist ebenso die Anordnung: Die Hälfte der Häuser steht im Karree, die andere lehnt sich daran an. Das ist die Waldransiedlung. Sie liegt vor den Toren Berlins in Hennigsdorf und wurde vergangenen Donnerstag vom Bundesbauministerium als eines der sieben besten Reihenhausensembles Deutschlands ausgezeichnet.

"Die Siedlung ist nichts für Einsiedler", sagt Jens Haupt. Er lebt seit Mai 1998 mit seiner Familie hier. Seine Nachbarn kennt er alle: "Das macht die Anordnung der Häuser im Karree", sagt Haupt, "stünde hier alles in einer Reihe, würden wir die Menschen aus der übernächsten Zeile vermutlich schon nicht mehr kennen." In der Mitte ist das Karree grün. Auch einen kleinen Spielplatz legten die Planer an. Mitten drin. Diese Fläche schirmen vierzig Reihenhäuser nach allen Himmelsrichtungen ab. Wer aber im Karree steht, kann in jeden Garten und in jedes Haus schauen. Durch das Haus von Jens Haupt kann man sogar hindurchgucken, bis zur Eingangstür auf der anderen Seite. Denn die Familie hat vor ihre Fenster keine Gardinen gehangen und die Wohnräume im Erdgeschoss offen gestaltet. In ihrer grünen Mitte lernten sich die Bewohner schon kurz nach ihrem Einzug in die Siedlung kennen. Zwei Jahre ist es nun her, dass die Ersten einzogen, und zwei Feste haben die Bewohner der Siedlung seither gemeinsam gefeiert.

Das war wichtig für die Preisverleihung beim Bundeswettbewerb "Das nutzungsfreundliche und preisgünstige EinfamilienReihenhaus". Denn die Siedlungen hatten zwei Forderungen zu erfüllen. Erstens durften die Häuser den Käufer ohne Grundstück nicht mehr als 2750 Mark pro Quadratmeter kosten. Zweitens mussten sich die Bewohner zufrieden über ihr Haus, über die Verarbeitung, das Umfeld und die Verkehrsanbindungen aussprechen. Das ließ die Jury des Wettbewerbs durch das Forschungsinstitut Empirica im Rahmen einer Befragung der Bewohner überprüfen. Sie gab den Ausschlag bei der Preisverleihung, weil viele Teilnehmer am Wettbewerb den günstigen Preisrahmen einhielten.

In der Waldrandsiedlung gaben die Bewohner der ungewöhnlichen Anordnung der Häuser im Durchschnitt die Note 1,7. Das war eine der besten im Wettbewerb überhaupt vergebenen Zensuren. Übertroffen wurde sie nur von der Bewertung der Spielmöglichkeiten für Kinder. Diese benoteten die Siedler mit 1,3. "Das ist hier ein Paradies für Kinder", bestätigt Elke Hildegard, die Lebensgefährtin von Jens Haupt. Das Paar hat zwei kleine Kinder. Tochter Frauke kam sogar hier zur Welt: im Windfang des Reihenhauses. Weiter schaffte es das Paar nicht auf seinem Weg ins Krankenhaus.

Wenn die Sonne scheint, erschließt sich auf den ersten Blick, warum die Familien mit Kindern ihre Siedlung lieben: Die Kleinen toben in Scharen im Innenhof. Autos kommen hier nicht herein. Auch die Kinder aus den benachbarten Einfamilienhäusern kommen hier hin zum Spielen. Ihre Eltern sind dabei, zwar nicht zum Spielen, sondern eher aus Neugierde. Manche bleiben auch vor den ungewöhnlichen Häusern stehen und schütteln den Kopf. Doch ihre Zahl ist kleiner geworden. Als der Bauträger, die Hennigsdorfer Wohnungsbaugesellschaft (HWB) die Planungen vorstellte, pfiff HWB-Geschäftsführer Holger Schaffranke die öffentliche Meinung kalt ins Gesicht. "Es war von Hühnerställen die Rede, von Karnickelbuchten, von Taubenschlägen", sagt er. Fotos, aufgenommen in der ersten Bauphase, machen die Reaktion verständlich. Die Häuser verteilen ihre rund hundert Quadratmeter Wohnfläche auf drei und nicht wie sonst üblich auf zwei Etagen. Dadurch sind die Bauten hoch und schmal. Das ist ungewöhnlich. Und ist auch für die Bewohner gewöhnungsbedürftig. Jens Haupt sagt: "Die Bewegungsabläufe müssen gut geplant sein, damit man nicht dauernd rauf und runter rennt." Auch an die besondere Form der Häuser musste er sich erst gewöhnen. "Es war Liebe auf den zweiten Blick", sagt er. Bereut habe er den Erwerb des Hauses aber nicht. Gibt es überhaupt Negatives über das Haus zu berichten? "Der Platz ist schon knapp", sagt er. Doch er kann genau vorrechnen, was weitere Quadratmeter gekostet hätten, denn Haupt leitet die Filiale einer Bank in Hennigsdorf. Er kennt sich mit dem Erwerb von Eigenheimen aus. "Ich berate viele junge Familien. Für die meisten liegt die Schmerzgrenze bei 350 000 bis 370 000 Mark." Ein Haus am Waldrand erreicht diese Grenze nicht.

Die Bauten des ersten Bauabschnitts mit rund 100 Quadratmetern Wohnfläche und einem Grundstück von 170 Quadratmetern kosten zwischen 320 000 und 330 000 Mark. Die etwas kleineren und einfacheren Häuser des zweiten Bauabschnitts sind ab 285 000 Mark zu haben. Bringt der Käufer 40 000 Mark Eigenkapital mit, kommt er, staatliche Förderung eingerechnet, auf eine monatliche Belastung von unter 1200 Mark.

"Die günstigen Preise bekamen wir vor allem durch genaue Vorplanung und eine enge Abstimmung zwischen Bauherr, ausführenden Firmen und Planern in den Griff", sagt Architekt Wolf Rüdiger Schwarz. Zudem setzte er eine große Zahl vorgefertigter Bauelemente ein. Die Häuser des ersten Bauabschnitts sind aus Holz und Beton, die des zweiten nur aus Holz.

In Haupts Wohnung fällt vor allem die Helligkeit der Zimmer ins Auge. Jeder Raum hat ein bis zum Boden reichendes Fenster, ein zweites im üblichen Format und zwei kleine im oberen Teil der Außenwand. Dadurch fällt viel Licht ins Innere der Häuser. Auch das lobten die Bewohner bei der Empirica-Befragung. Noch wichtiger ist für Elke Hildebrand aber: "Die Wege zum Einkaufen, zur S-Bahn und für die Kinder zum Kindergarten lassen sich alle ohne Auto erledigen." Die Waldrandsiedlung, und das ist vielleicht einer ihrer größten Vorteile, steht nicht irgendwo auf der grünen Wiese. Sie ist vielmehr Teil einer gut entwickelten Kleinstadt.

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