Zeitung Heute : Der Bundestag im Reichstag

HELLMUTH KARASEK

Wenn das zwanzigste Jahrhundert sich als Jahrhundert schrecklichster Menschheitskatastrophen in die Historie einschrieb, dann vor allem unsertwegen.

Wie schwer wir es uns mit der Geschichte machen (müssen), wie schwer es uns die Geschichte macht, zeigen die Holocaust-Mahnmaldebatte, der Diskurs über Martin Walsers Friedenspreisrede, aber auch Diskussionen darüber, ob wir den Palast der Republik abreißen, das Schloß wieder aufbauen sollen.Oder wie wir die Vergangenheit benennen, umnennen, Straßen, Gebäude, Sportvereine, Kasernen - jedes Gespräch darüber führt in die Abgründe unserer Vergangenheit, der wir uns stellen müssen, wollen wir mit uns ins reine kommen.

Fast alle diese Debatten, diese lebensnotwendigen Rückwendungen, handeln von Berlin, drehen sich um Berlin und müssen in Berlin zu Ende diskutiert werden.Nicht zufällig läßt der große holländische Schriftsteller Cees Nooteboom seinen soeben erschienenen Roman "Allerseelen" in Berlin spielen: Es ist die geschichtsträchtigste Stadt des zu Ende gehenden Jahrhunderts.Hier sind die Umwälzungen und Katastrophen Stein (und Asche) geworden.

Um nur einiges zu nennen: Die erste Republik wurde in Berlin ausgerufen und begraben, die Mauer gebaut und eingerissen; der wilhelminische "Platz an der Sonne" proklamiert und verspielt; der totale Krieg ausgerufen und verloren; der Widerstand gegen Hitler entzündet und ausgelöscht.Wie zwiespältig Berlins geographische Geschichte ist, läßt sich am Flughafen Tempelhof, der erst Nazigroßmachtsträume manifestierte und dann den demokratischen Überlebenswillen einer Stadt spiegelte, beispielhaft dingfest machen.

Während man Berlin als Hauptstadt wiederaufbaut, stößt man zwangsläufig auf die Vergangenheit, muß sich ihr stellen; ausweichen geht hier nicht.Insofern ist der Wechsel von der Bonner zur Berliner Republik auch so etwas wie der Wiedereintritt der Deutschen in das (zerrissene) Kontinuum der Geschichte.

Es gibt kein besseres Zeichen dafür als den Reichstag: Das Parlament, den ihrem Gottesgnadentum nachtrauernden deutschen Hohenzollern-Kaisern abgetrotzt, von Konservativen und Rechten als "Schwatzbude" abgetan (und von Hitler dann in der Kroll-Oper tatsächlich zum teuersten Gesangsverein Deutschlands zynisch degradiert), steht und stand für Deutschlands vernarbte Geschichte.Von den Sozialistengesetzen über Kriegsanleihenzustimmung und Reichstagsbrand bis zum Widerstand der Sozialdemokraten gegen die Ermächtigungsgesetze - der Wallot-Bau, der an der Schnittstelle der Teilung Deutschlands stand, ist, angetastet und erneuert, unantastbarer Ort und Name.

Und sein Neuaufbau ist das deutlichste Symbol der Vergangenheit, das mit Zukunft zu füllen ist.Kein Zweifel: In diesem Parlament wird der Bundestag seine Debatten führen, seine Gesetze verabschieden, denn das Nachkriegsdeutschland entstand als föderaler Staat, als Bund von Ländern, als dezentralisierte Demokratie.

Und auch darüber darf kein Zweifel bestehen: Der Bundestag "tagt", versammelt sich im Reichstag.Gerade daß sein Name mit so vielen dunklen und wenigen leuchtenden Fixpunkten der Geschichte verbunden ist, verpflichtet uns zu dieser historischen Adresse.Der Reichstag ist und bleibt der Reichstag, was sich auch besorgte Bürokraten und geschichtsverzagte Politiker an aberwitzigen Umbenennungen, also Geschichtsklitterungen, ausdenken möchten.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben