Zeitung Heute : Der Charme des Unperfekten

Hörfunk im Internet: Nach dem Ende der kommerziell orientierten Anbieter unterhalten ehemalige Radio-Piraten

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Von Kai Kollwitz

Das Ende von monkeyradio.org kam plötzlich: Drei Jahre lang hatte Brennan Underwood die Netzwelt aus dem Schlafzimmer seiner Wohnung in San Francisco kenntnisreich und geschmackssicher mit Tracks aus dem Ambient-, Lounge- und Downtempo-Bereich versorgt. Gut 100 Stunden Musik umfasste die Playlist am Ende, bis zu 400 Hörer klinkten sich weltweit gleichzeitig in den Stream ein. Für sein Hobbyprojekt verzichtete der Musik-Maniac auf Werbung und Nutzergebühren. Doch dann herrschte Stille.

Um Leben oder Tod geht es für das Radio im Internet – zumindest wenn man den Machern der Website saveinternetradio.org glaubt. Der Grund für die Weltuntergangsstimmung: Im Oktober soll in den Vereinigten Staaten eine Verordnung in Kraft treten, die die Honorierung von Komponisten und Plattenindustrie für im Netz gesendete Musik regelt. 0,14 Cents pro Hörer und Musikstück hat das Copyright Arbitration Royalty Panel (CARP) als Rate für reine Internet-Stationen festgesetzt, und was sich im ersten Moment nach Peanuts anhört, summiert sich bei zwölf Titeln pro Stunde und durchschnittlich 100 Hörern zu Summen um die 15 000 Dollar im Jahr.

Zu viel für die unzähligen Hobby-Webcaster im Netz. Dass die CARP kraft Verordnung ihre Forderungen rückwirkend bis ins Jahr 1998 geltend machen könnte, bedeutet für die meisten Radiomacher sogar eine Bedrohung ihrer privaten Existenz. Denn Geld verdient mit Radio im Netz naturgemäß niemand – und viele Stationen wollen das auch nicht: Die Szene wird dominiert von Ein-Mann-Betrieben, die ihre private CD-Sammlung auf den Rechner packen und die Netz-Welt mit mehr oder weniger professionell und kenntnisreich gemachten Spartenprogrammen versorgen – von christlicher Erbauungsmusik bis zu Black Metal. Die technischen Voraussetzungen dazu lassen sich bei Anbietern wie live365.com schon für 6,95 Dollar im Monat mieten.

Doch damit soll bald Schluss sein: „Wenn du Musik streamst, dann zahlst du. Regelmäßig“, schimpft Underwood, der im normalen Leben einer der Köpfe hinter der Winamp-Software ist, auf seiner Website. „Und das Geld, das du zahlst, geht an die Künstler in den Billboard-Charts. Sie wollen mich dazu bringen, eine Belohnung an Britney zu zahlen, damit ich a.p.e. spielen kann. So etwas verletzt mein Stilgefühl.“ Ausnahmen oder reduzierte Raten für die Hobby-Broadcaster sind in der CARP-Verordnung nicht vorgesehen.

Streaming mache digitale Kopien möglich, argumentiert die amerikanische Plattenindustrie, und müsse deshalb bezahlt werden. Die Radiomacher verweisen dagegen auf die bestenfalls mittelmäßige Soundqualität ihrer Angebote, die Aufnahmen per se unattraktiv mache. Pikanterweise stellt die Verdnung die Anbieter von Netz-Radioangeboten sogar schlechter als konventionelle Stationen. Denn da hier für die Industrie der Marketing-Effekt überwiegt, werden keine Abgaben an die Firmen fällig.

Mehr Stilgefühl bewiesen die deutschen Verwalter von Urheber- und Aufführungsrechten, Gema und GVL: Wer hierzulande ins Netz streamt, zahlt zwar auch, für die angenommenen 100 Hörer werden jedoch nur pauschal 100 Euro im Monat fällig. Trotzdem ist die Szene reiner Netzanbieter nicht so vielschichtig wie in den USA. Nach dem Ende der meisten kommerziell orientierten Anbieter wie etwa dem seligen webradio.de dominieren auch hier die privaten Radio-Freaks – verblüffend oft ehemalige Radio-Piraten, die die Arbeit mit Lötkolben und selbstgebauten Sendern gegen die legale Verbreitung ihrer Programme ihrer Programme via Internet getauscht haben.

So verlegte das legendäre illegale Berliner DJ-Radio Twen-FM seine Aktivitäten nach einer Razzia ins Netz. Und auch bei intersurfradio.de im badischen Emmendingen setzen sich Piraten-Legenden wie „Mr. Crocodile“ hinters Mikrofon. Seit 1999 versorgt hier Hobby-Funker Jürgen Reiner die User täglich ab 20 Uhr mit live moderiertem Programm, über Tag laufen vorproduzierte Shows aus der Konserve. Vorgaben zu Format und Musikfarbe macht er seinen Moderatoren nicht.

Dafür gelang es dem Hobby-Projekt durch Begeisterung und Überredungskunst, Goodies wie dpa-Radionachrichten ins Programm zu heben. Profi-Sprecher und – Produzenten sorgen für „echte“ Anmutung der so genannten Verpackung, also der Jingles und Trailer, und trotzdem kultiviert man den Charme des Unperfekten. „Wenn mir ein Hörer im Chat sagt, dass er meine Musik beschissen findet, dann ändere ich die möglicherweise sofort“, schildert Reiner die Vorteile individueller Hörerbindung und verweist nicht ohne Stolz auf den Erfolg. Derzeit liegt das Projekt in der Auswertung von Real-Networks nach Hörerzahlen auf Platz eins der deutschen Online-Radios und lässt dabei Profi-Auftritte wie etwa das von Media Control ins Netz gestellte chartradio.de hinter sich.

400 Hörer kann man technisch gleichzeitig mit Audiodaten versorgen, Rekord waren exakt 8298 Zugriffe auf den Stream in einer Woche. Gemessen an den Hörerzahlen konventioneller Radios ist das natürlich nicht der Rede wert. Trotzdem macht man sich Hoffnungen, in Kooperation mit Real Networks und Nokia die erste deutsche Station zu sein, die auch via UMTS-Handy empfangbar ist. In den USA versuchen die Schlafzimmer-Funker unterdessen, mit Fax- und Unterschriftenaktionen den Kongress doch noch dazu zu bewegen, das Gesetz mit einer Hintertür für nichtkommerzielle Stationen auszustatten. Underwood versucht, eine Lösung direkt mit den Firmen „seiner“ Künstler zu finden. Doch bis das gelingt, herrscht im Netz weiter Stille.

Sender im Internet:

www.intersurfradio.de

www.chartradio.de

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