Zeitung Heute : Der Chronist der Filme

Gordon Mühle ist Standfotograf und liefert den Fernsehzeitschriften und Sendern die Fotos von den neuesten Produktionen

Alva Gehrmann

Als er zum Set kommt, herrscht dort schon rege Betriebsamkeit. Gordon Mühle schlängelt sich mit seiner Fotoausrüstung durch die Potsdamer Villa, vorbei an Scheinwerfern, der Maskenbildnerin und dem Aufnahmeleiter. Er stellt sich erst mal in eine Ecke des Wohnzimmers, beobachtet das Geschehen. In der Villa finden an diesem Tag die Dreharbeiten für die neue Familienserie „Körner und Köter“ statt, die im Herbst auf Sat 1 zu sehen sein wird. Schauspieler Max Tidorf probt mit Bordeaux-Dogge Paulchen gerade die Tricks für die nächste Einstellung. Mühle schaut sich das genau an, schließlich wird er diese Szene später fotografieren.

Gordon Mühle ist Standfotograf, wie die Fotografen bei Film und Fernsehen genannt werden. Er macht die Bilder, die später in den Fernsehzeitschriften zu sehen sind und mit denen der Sender für sein Programm wirbt. Seit über fünf Jahren arbeitet er nun beim Film und kann gut davon leben. „Ich wusste im Januar schon, dass ich bis November genug Aufträge habe“, sagt Mühle. Für einen freien Fotografen ein Luxus, denn die meisten Freien hangeln sich von Auftrag zu Auftrag. Bei Film und Fernsehen jedoch wird mehrere Wochen gedreht – die Produktion von Serien dauert sogar mehrere Monate. Meist arbeitet Mühle parallel für zwei Produktionen, derzeit zum Beispiel noch für die RTL-Serie „Die Cleveren“.

Zwar werde bei Film und Fernsehen inzwischen weniger gedreht als noch vor ein paar Jahren, aber Eines sei immer klar: „Für jeden Film wird ein Standfotograf gebraucht.“ Da könne man nicht, wie in anderen Bereichen einfach ein Bild aus dem Archiv nehmen. Dass er sich als Standfotograf spezialisiert hat, ist für ihn heute ein Vorteil: „Es ist ein eigener Bereich. Wenn man einmal in der Szene steckt, dann ist man drin.“ Auch für Janus Film, der Produktionsfirma von „Körner und Köter“, hat er schon öfter gearbeitet.

Nachdem Mühle sich die Szene angesehen hat, geht er vor das Haus, dreht sich erst mal eine Zigarette. Es sei noch genug Zeit, sagt er. Auch wenn der 28-Jährige heute genug zu tun hat, sein Start als Fotograf war schwierig. Nach dem Zivildienst bewarb sich Mühle beim Lette-Verein, einer Berliner Fotoschule. Der Verein lehnte ihn jedoch ab. Also brachte er sich den Beruf selbst bei: Er ging auf Pressetermine und machte Fotos – ohne Auftrag und ohne Honorar. So lernte er erfahrene Fotografen und Journalisten kennen. Gordon Mühle bekam erste Aufträge, begann für Berliner Zeitungen zu fotografieren. Den größten Teil seiner Honorare habe er in die Fotoausrüstung gesteckt. „Denn ohne gutes Equipment, kann man auch keine anspruchsvollen Fotoaufträge annehmen“, sagt Mühle. Rund 20 000 Euro kostet eine gute Ausrüstung.

Erste Standfotos – zum Test – machte Gordon Mühle am Set der RTL 2-Soap „Alle zusammen – Jeder für sich“. Ende 1997 bot ihm RTL einen Job bei der Serie „Alarm für Cobra 11“ an, zunächst für zwei Monate. Seitdem ist er beim Film geblieben. „Ich wollte nur fotografieren. Und das am besten jeden Tag“, so Mühle. Überstunden und bescheidene Honorare gehörten am Anfang dazu. An der Arbeit als Standfotograf reizt ihn, zu sehen, wie ein Film entsteht: Dazu gehören bei Action-Serien „Alarm für Cobra 11“ und „Der Clown“ auch die Stunts. Sei es, Explosionen aus der Nähe mitzuerleben oder bei einem simulierten Hubschrauberabsturz mittendrin zu sitzen. „Ein Mal wurde ich für eine Verfolgungsszene auf dem Dach eines speziellen Kamerawagens angeschnallt, der mit 220 Stundenkilometer über die Autobahn geprescht ist“, schwärmt er.

Am Set von „Körner und Köter“ sind derweil die Proben abgeschlossen, kurz bevor sie anfangen zu drehen, holt Mühle seine Kamera heraus. Normalerweise macht der Standfotograf seine Bilder erst, wenn die Szene abgedreht ist. Weil der Hund die Tricks nicht beliebig wiederholen kann, fotografiert Gordon Mühle direkt beim Drehen. Dafür hockt er sich zwischen Kameramann Falko Ahsendorf und Regisseur Hans Werner. Damit das Klicken der Kamera nicht stört, benutzt er einen so genannten Soundblimp. Der Blimp ist ein mit speziellem Schaumstoff gedämpfter Kasten, in dem seine Kamera steckt. „Der Kasten schluckt den Ton“, erklärt er. „Achtung. Ruhe bitte, wir drehen“, ruft der Aufnahmeleiter. Dann geht es los: Schauspieler Max Tidorf beugt vor, guckt Dogge Paulchen in die Augen. Das ideale Motiv. Nach wenigen Minuten ist Mühle fertig.

Kurz darauf ist die Mittagspause. Schauspieler Tidorf begrüßt Mühle. Was einen guten Standfotografen ausmache? „Er muss Einfühlungsvermögen haben, klare Ansagen machen und sich durchsetzen können“, sagt der Schauspieler. Bei einem Film sei er mal auf einen Fotografen gestoßen, der sich während der Dreharbeiten bis vor die Kamera gerobbt habe. „Das war aber kein Profi, und die Fotos sahen auch schlimm aus“, erinnert sich Tidorf. „Genau solche Leute machen den Ruf von Standfotografen kaputt“, sagt Mühle. In der Filmbranche gelten Fotografen als Unruhestifter, als die, die einer Produktion Zeit rauben.

Mit Max Tidorf hat Mühle schon in mehreren Produktionen zusammengearbeitet. Im Laufe der Jahre hat er viele Schauspieler kennen gelernt: von Gudrun Landgrebe über Sonja Kirchberger, Harald Juhnke bis hin zu Heino Ferch. Alles Darsteller, an die ein Fotograf sonst nicht unbedingt herankommt. „Man verbringt viel Zeit mit den Leuten, bei Serien manchmal über mehrere Jahre – das verbindet“, sagt er. In der Wartezeit macht er manchmal Fotos vom Randgeschehen am Set, etwa an besonderen Drehorten. Nur so, für sich. Manche Schauspieler sprechen ihn auch an, fragen, ob er Porträtfotos von ihnen machen könne.

Das große Netz an Kontakten will Mühle nun verstärkt nutzen, um „eigene Sachen“ zu machen. „Denn als Standfotograf bin ich ja schon immer an die Geschichte des Films gebunden, kann nicht so viel experimentieren.“ Bei Porträtfotos ist das anders. Bisher hat er sich mit den Schauspielern immer irgendwo verabredet, musste das ganze Equipment mitschleppen. „Ab Juli kann ich sie in mein eigenes Studio einladen“, sagt er. Das sei lange sein Traum gewesen, erzählt er nach Drehschluss, und macht sich auf den Weg in den Prenzlauer Berg. Das Studio ist eine Remise, ein altes, kleines Haus im Hinterhof der Kollwitzstraße.

Gordon Mühle will auch weiterhin als Standfotograf arbeiten – trotz eigenem Studio. Das nächste Ziel, das er sich gesteckt hat, ist klar: ein Buch. Mit besonderen Fotos vom Filmset. „Genug Material habe ich, jetzt muss ich nur noch die Tausende Bilder sichten, die sich in meinem Büro stapeln.“

Studioadresse: Fotograf Gordon Mühle, Kollwitzstraße 79 (Prenzlauer Berg). Telefon: 24 62 76 16

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