Zeitung Heute : Der Cleaner

Chefredakteur Chris Anderson kämpft dagegen an, dass das Kult-IT-Heft „Wired“unbedeutend wird

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Von Jochen A. Siegle,

San Francisco

San Francisco, „South of Market“-Distrikt. Symbolischer hätte sich der Niedergang der New-Economy-Presse wohl kaum gestalten können. Zwischen Harrison und 14. Straße, gleich neben der Hochtrasse der Silicon-Valley-Haupverkehrsader 101, klafft ein wohl gut 20 auf zehn Meter großes, hässliches graues Loch. Bis vor wenigen Wochen prangte hier noch ein überdimensioniertes Werbeplakat für die in San Francisco verlegte Internet-Postille „Red Herring“. „The fastest growing magazine in America“ war darauf in fetten Lettern zu lesen.

Das war einmal. Denn die rosigen Tage sind für Internet-Magazine längst vorbei. Im Zuge des Dotcom-Crashs und der anhaltenden Wirtschaftsflaute sind die Anzeigenbuchungen bei amerikanischen Online-Heften wie „Business 2.0“, „Yahoo Internet Life“ oder eben dem „Roten Hering“ in den letzten Monaten drastisch eingebrochen, womit auch die Seitenumfänge deutlich reduziert werden mussten.

Heilige Hallen in neon-orange

Nur ein paar Straßen weiter in „South of Market“ kann man auch bei „Wired“ ein Lied hiervon singen. Jahrelang glich das Kult-IT-Heft mit über 300 Seiten Umfang mehr einem Katalog als einer Zeitschrift. Zu seinen besten Zeiten konnte „Wired“ allein dem Inhaltsverzeichnis 72 Anzeigenseiten vorschalten.

Inzwischen mag der Eingang zu den heiligen Loft-Hallen der „Wired“-Redaktion noch so in neon-orange glänzen, nach dem Ende der Dotcom-Mania ist der Lack auch beim Pflichtheft der Cyberbewegten deutlich angekratzt: „Wired“ musste sich inzwischen auf bis zu 130 Seiten verschlanken. Gegenüber dem vergangenen Jahr sind schließlich Werbeeinbußen von fast 60 Prozent zu verschmerzen. Die letzte Katalog-Nummer liegt mit der 350 Seiten starken Novemberedition 2000 nun schon über eineinhalb Jahre zurück. Seitdem liegt der amerikanische Anzeigenmarkt praktisch am Boden, insbesondere die wichtigsten „Wired“-Kunden aus der Hightech-Branche bluten selbst kräftig. Buchungen aus dem Dotcom-Lager tendieren gegen Null.

Bitter für die erfolgsverwöhnte und mehrfach preisgekrönte Digital-Bibel aus Kalifornien, die seit 1993 Monat für Monat einen erfrischenden Cocktail aus Hightech, Wissenschaft und Science-Fiction präsentiert – gepaart mit etwas Kultur und Ökothemen und natürlich jeder Menge Cyberspace. Auch Layout und Bilder suchen ihresgleichen: „Wired“ gilt seit jeher als Spielwiese für DTP-Artisten, Grafiken und Schriften als State-of-the-Art. Regelmäßig kommen psychedelisch kombinierte Sonderfarben zum Einsatz.

Jahrelang war dies ein Erfolgskonzept, das nicht nur die Werbewirtschaft honorierte, sondern „Wired“ auch eine eingeschworene internationale Fangemeinde junger konsumfreudiger Technologie-Fans sicherte. Alle vier Wochen findet das Blatt mehr als 500 000 Leser. Und auch das Online-Angebot „Wired News“ – wenngleich redaktionell losgelöst und funktional ins Lycos-Netzwerk integriert – gilt in der Online-Szene als tägliche Pflichtlektüre.

Seit jedoch das Anzeigengeschäft gewaltig bröckelt und die „New Economy“-Erfolgsgeschichten in der IT-Presse vielfach Pleitemeldungen gewichen sind, orientiert sich auch „Wired“ um und verpasste dem Heft diesen Sommer einen Relaunch. Grafisch überladene Artikelstrecken gehören seitdem der Vergangenheit an, verschiedene Rubriken wurden umstrukturiert, und auch die Länge der einzelnen Textfeatures wurde deutlich gekürzt.

„Wir haben ,Wired’ eine neue inhaltliche Architektur und visuelle Sprache verpasst“, sagt Chefredakteur Chris Anderson zur Neukonzeption. „Wired wurde redesigned, damit endlich der Inhalt von den Anzeigen zu unterscheiden ist“, frotzeln Spötter über die redaktionellen Aufräumarbeiten. Und in der Tat kommt „Wired“ seit Juni deutlich strukturierter daher, und konkurrieren die Beiträge weniger mit den Anzeigen.

Umstrittener Relaunch

Prompt wurden die ersten beiden „neuen“ „Wired“-Nummern jedoch von eingefleischten Digitalos als zu langweilig kritisiert. „Der Relaunch ist enttäuschend, ,Wired’ ist mir persönlich nun einfach zu clean“, moniert etwa die San Franciscoer Designerin Rhonda Rubinstein, ehemalige Kreativdirektorin bei „Wired“ und „Esquire“. „Ich werde wohl in diesem Jahr erstmals mein Abo nicht mehr verlängern.“ Dabei kostet dieses gerade mal noch zwölf US-Dollar pro Jahr.

Doch derartige Kritik scheint an Chris Anderson noch abzuprallen. „Schaut man sich mal die älteren Hefte genauer an, wird deutlich, dass wir gar nicht so viel wilder waren“, sagt der „Wired“-Chef. „Und ein Relaunch lässt sich nicht mit ein oder zwei Ausgaben verwirklichen, das ist ein fließender Prozess.“ Auch den Vorwurf, „Wired“ habe längst seinen Zenit überschritten, hört der 40-Jährige öfters. Kritiker wie Mike Godwin vom Washington Center for Democracy and Technology spotten etwa, dass sich die Kultur in den letzten Jahren derart stark verändert hat, dass „Wired“ kaum mehr eine so wichtige Rolle spielen kann wie noch vor fünf Jahren.

Anderson geht da ganz im Gegenteil davon aus, dass „Wired“ künftig noch bedeutender sein wird. Schließlich stehe die von vielen Marktbeobachtern und Analysten schon totgesagte „digitale Revolution“ erst am Anfang, so der vergangenes Jahr vom eher konservativen „Economist“ zum schrillen Tech-Titel gewechselte „Wired“-Chefredakteur.

Potenzial für spannende Artikel sieht Anderson vor allem im Bereich kabelloser Online-Technologien – wie etwa „WiFi“ auf Basis des 802.11b-Standards – und Breitband-Internetzugängen für Privathaushalte. Und allmählich soll auch der Anzeigenverkauf wieder anziehen. Für Ende des Jahres seien bereits ordentlich Buchungen zu verzeichnen.

Bleibt nur zu hoffen, dass das Verlagshaus Condé Nast die „Wired“-Macher in San Francisco so lange gewähren lässt. Wie die letztjährige Schließung des schwächelnden Lifestyle-Blatts „Mademoiselle“ zeigt, fackelt der New Yorker Verlag nicht lange mit defizitären Titeln. Und mit dem „Yahoo Internet Life“-Magazin wurde erst Anfang des Monats wieder ein Monatsmagazin im selben Segment wie „Wired“ eingestellt. Ein Schicksal, das den ebenfalls hochgelobten San Franciscoer E-Business-Wochentitel „The Industry Standard“ schon vor zwölf Monaten ereilte.

Im Internet:

www.wired.com

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