Zeitung Heute : Der Computer sorgt für Gerechtigkeit

Patienten, die auf eine Nierentransplantation warten, sind bei der Stiftung Eurotransplant im niederländischen Leiden gemeldet. Die Organe werden nach strikten Kriterien zugeteilt. Die Rangfolge der Empfänger ermittelt der Rechner

Martin Kalus

In deutschen Transplantationszentren werden folgende Organe übertragen: Niere, Leber, Herz, Lunge, Darm und Bauchspeicheldrüse. Auf Wartelisten werden alle Patienten registriert, die ein Organ benötigen und auch transplantabel sind. Die Zahl von Dialysepatienten in Deutschland, die auf eine Nierentransplantation warten, hat in den letzten Jahren kontinuierlich auf über 12 000 zugenommen. Die Zahl der Transplantationen bleibt seit 1990 aber in etwa gleich bei etwa 2200, wobei Lebendnierentransplantationen nicht berücksichtigt sind. Die Wartezeit auf ein Nierentransplantat liegt derzeit bei durchschnittlich sieben Jahren.

Seit mehr als 30 Jahren werden Patienten, die auf eine Nierentransplantation warten, bei der Stiftung Eurotransplant im holländischen Leiden gemeldet und auf der dortigen zentralen Warteliste geführt. Haben in einem der Mitgliedsländer – Belgien, Deutschland, Luxemburg, Niederlande, Österreich oder Slowenien – Angehörige eines hirntoten Patienten einer Organspende zugestimmt, so wird dies Eurotransplant mitgeteilt. Die Stiftung ermittelt nach den vereinbarten Regeln, welcher der auf der Warteliste gemeldeten Patienten transplantiert wird.

Die nationalen Transplantationszentren geben die erforderlichen Patientendaten, wie Blutgruppe, Gewebemerkmale, Dringlichkeit, Grunderkrankung und vor allem das Datum der ersten Dialysebehandlung zur Berechnung der Wartezeit via Internet in die ENIS Datenbank der Vermittlungsstelle Eurotransplant ein. Dort werden für jedes Organ gemeinsame Wartelisten der Eurotransplant-Mitgliedsländer geführt. Die länderübergreifende Kooperation ermöglicht es, in dringenden Fällen möglichst rasch ein lebensrettendes Organ zu finden. Außerdem werden mehr immunologisch „passende“ Organe (Nieren) vermittelt und damit die Erfolgsaussicht erhöht. Die Vermittlung der Spendernieren nach den Richtlinien der Bundesärztekammer erfolgt nach unterschiedlich gewichteten Kriterien.

Im konkreten Fall funktioniert der Ablauf wie folgt: Wurden die Daten eines Spenders durch den Koordinator an Eurotransplant übermittelt, überprüft das Computersystem X-Comp, ob die Blutgruppe und alle Gewebemerkmale eines der in ENIS gelisteten Patienten mit dem Spender übereinstimmen.

Das nennt man die „Full-house“-Variante. Trifft dieser eher seltene Fall nicht zu, dann durchsucht das System die Gruppe der bis zu 15-Jährigen und derjenigen Patienten, die als äußerst dringlich eingestuft sind. Diese beiden Patientengruppen erhalten Bonuspunkte. Ferner werden alle Patienten mit einem sehr hohen Antikörpertiter gegen fremdes Gewebe herausgesucht und in einem Sonderprogramm (acceptable mismatch) alloziert. Sollte der Spender 65 Jahre und älter sein, selektiert das System alle Empfänger aus der Region des Spenders, die ebenfalls 65 Jahre und älter sind, das „old-for-old“ Programm. Die Transport- und somit auch die Kühlungszeiten des Organs werden so kurz gehalten.

Folgende Faktoren werden für jeden transplantablen Patienten auf der Warteliste, der eine passende Blutgruppe aufweist, ermittelt. Die Ergebnissen fließen in eine Punkteliste ein (Siehe Kasten).

Je günstiger die Antworten für den jeweiligen Patienten ausfallen, desto höher ist die Punktzahl. Transplantiert wird der Patient mit der höchsten Punktzahl. Der Computer gibt dann eine nach Punktwerten sortierte Liste der Empfänger aus und Eurotransplant benachrichtigt das Transplantationszentrum, bei dem der Patient mit dem höchsten Punktewert zur Transplantation angemeldet ist.

Ob das Spenderorgan letztendlich dem durch X-Comp ermittelten Patienten transplantiert wird oder nicht, das entscheiden die Ärzte des Transplantationszentrums, sobald sie alle medizinischen Informationen des Spenders haben.

Wird das Organ akzeptiert, wird der Empfänger sofort benachrichtigt und der Transport des Organs in das Transplantationszentrum in die Wege geleitet.

Mit diesem patientenbezogenen Computersystem wurde in den vergangenen zehn Jahren die Verteilung von Organen und vor allem für die wartenden kranken Patienten gerechter. So konnte eine ausgeglichene nationale Bilanz erreicht werden. Die unausgeglichene Bilanz zuvor hatte zu Unmut in den Mitgliedsländern geführt. Zudem konnten deutlich mehr so genannte „Langwarter“ transplantiert werden. Ferner wurden deutlich mehr „Full-house“-Transplantationen durchgeführt und auch die Anzahl der vermittelten Nieren mit guter HLA-Übereinstimmung hat zugenommen. Dennoch wird es wegen des Mangels an Spenderorganen sicherlich noch einige Zeit dauern, bis der „Berg“ der lang wartenden Patienten abgetragen ist.

Der Autor ist Koordinator des Transplantationszentrums Stuttgart

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