Zeitung Heute : Der Coup aus der Zelle

Der Milliardär Chodorkowskij besitzt in der Haft nicht mehr als einen Kühlschrank und einen Fernseher. Doch er ist vielleicht freier als Putin im Kreml. Seitdem er seine Ämter beim Ölkonzern Jukos niedergelegt hat, kann er seinen politischen Ambitionen nachgehen. Wie ein Gejagter zum Jäger wird.

Elke Windisch[Moskau]

So sieht sie aus, die Vorhölle für Oligarchen wie Michail Borissowitsch Chodorkowskij, Branchenkürzel MBC: Vier Quadratmeter, wie sie russischen U-Häftlingen laut Gesetz zustehen, das verschmutzte Pissoir an der Wand montiert, einmal die Woche Nutzung der Gemeinschaftsdusche auf der Etage. Ohne Handy und Laptop.

Chodorkowskij, der gerne dezente Krawatten von Ermenegildo Zegna trägt, oft versteckt unter einem dunkelblauen Pullover, farblich passend zu seinem BMW, wird Raub, Betrug und Steuerhinterziehung zur Last gelegt. Aber der eigentliche Vorwurf wurde offiziell nie formuliert: Der 40-jährige Chodorkowskij hat oppositionelle Parteien unterstützt. In einer gelenkten Demokratie wie der russischen eine Todsünde.

Bis ein Gericht die Vorwürfe verhandelt, darf Chodorkowskij immerhin Kühlschrank und Fernseher in seiner Zelle aufstellen lassen. Auf eigene Rechnung. Und beides ist – anders als der Löwenanteil seines Aktienpakets, über das die Staatsanwaltschaft ihm letzten Donnerstag die Verfügungsgewalt entzog – schon jetzt Staatseigentum.

Nachfolger aus den USA

Doch das wird Chodorkowskij nur ein müdes Lächeln kosten. Er war bis Montagabend Chef des zweitgrößten russischen Ölkonzerns, der nach der Fusion mit dem einstigen Erzkonkurrenten Sibneft Ende November weltweit zur Nummer vier der Branche aufrücken wird, und ist Besitzer eines Privatvermögens von geschätzten acht Milliarden Dollar. Das Fegefeuer bestand bis Montag darin, dass er den Lauf der Welt über den Fernseher in der Zelle zwar verfolgen, aber nicht mehr beeinflussen konnte. Dann drehte MBC den Spieß um und trat von allen Ämter bei Jukos und in deren Holding-Gesellschaft Menatep zurück, was den Kreml in arge Verlegenheit bringt.

Gleichzeitig wurde nämlich bekannt, dass Chodorkowskij, der an beiden Unternehmen nur neun Prozent hält, die von ihm indirekt kontrollierten Aktien – rund 50 Prozent – schon vor Wochen seinem Intimus Leonid Newslin zur treuhänderischen Verwaltung übertragen hatte. Der aber sitzt inzwischen in Israel, dessen Staatsbürgerschaft er in Kürze bekommt, und ist damit sicher vor dem Zugriff der russischen Justiz. Und beim Prozess gegen Jukos droht womöglich ein internationaler Skandal: Chodorkowskijs Nachfolger bei Jukos soll die bisherige Nummer zwei werden – der US-Amerikaner Simon Kukes, der nach der Fusion mit Sibneft am 28. November auf einer außerordentlichen Hauptversammlung der Aktionäre beider Unternehmen bestätigt werden soll. Dann aber wäre ein US-Bürger Hauptangeklagter beim Prozess gegen Jukos, der für mindestens zehn Jahre hinter Gitter kommen könnte, was Washington Moskau nicht ungestraft durchgehen lassen kann. Der Angriff des Kremls könnte daher ins Leere stoßen.

Schlimmer noch: Als Privatmann, der Chodorkowskij nun ist, steht es ihm frei, seinen politischen Ambitionen nachzugehen. Einen Konzern, so Politikwissenschaftler Andrej Piontkowski, könne man aus der Knastzelle nicht dirigieren, wohl aber den eigenen Wahlkampf. Gut möglich, dass MBC im März gegen Putin antritt. Ein Mann aus Chodorkowskijs engstem Kreis wollte Montagabend weder bestätigen, noch dementieren: Gegenwärtig sei es für derartige Entscheidungen noch zu früh. Aber wer Jäger ist und wer Gejagter, steht momentan nicht mehr fest. Chodorkowskij, hämte Politologe Piontkowski, habe im Knast womöglich mehr Freiheit als Putin im Kreml. Beim EU-Russland-Gipfel am Donnerstag will die Europäische Kommission den Fall Jukos zur Sprache bringen, um sicher zu gehen, dass Russland ihn auf faire Weise behandelt.

Jedenfalls wird Chodorkowskij noch mindestens bis Ende Dezember im Hochsicherheitsgefängnis „Matrosenstille“ eingesperrt bleiben. So, wie 1991 die August-Putschisten, die der kollabierenden Sowjetunion den Gnadenstoß verpassten. Und damit auch Bemühungen Gorbatschows, die Wirtschaft zu reformieren. Bemühungen, die das Phänomen Chodorkowskij überhaupt erst möglich machten. Als Gorbatschow 1985 die Modernisierung der zurückgebliebenen Sowjetgesellschaft einläutet, ist Chodorkowskij gerade mal 21, Student am elitären Mendelejew-Institut in Moskau, hat noch ein Jahr bis zum Diplom als Wirtschaftswissenschaftler und träumt die russische Variante des amerikanischen Traums: Vom Kassierer im kommunistischen Jugendverband zum Konzernlenker. Die Anfänge sind entmutigend. Das Café, das er auf dem Campus gründet, wird ein Flop, die Studenten zieht es nach den Vorlesungen in die City. Aber schon bald erkennt er, dass Tuchfühlung mit der Politik sich auszahlt. Weil die anfängt, die Kommunisten-Kinder Kapitalismus spielen zu lassen: „Zentren der wissenschaftlich-technischen Kreativität der Jugend“ und die „Kooperativen“ entstehen, die Staatsfirmen gegen Bares beraten, neue Produkte entwerfen und Rohstoffe zu staatlich subventionierten Preisen kaufen, um sie an ausländische Joint-Venture-Partner zu Weltmarktpreisen zu verkaufen.

Chodorkowskij reizt die neuen Freiheiten bis zur Schmerzgrenze aus. In einem Kellerbüro, wo er 14 Stunden pro Tag arbeitet, gründet er mit Menatep 1988 eine der ersten Privatbanken. Beim Putsch der Altkommunisten gegen Gorbatschow steht er auf der Seite von Boris Jelzin und damit auf der richtigen. Jelzins Sieg feiert er im Ausländertreff „Commercial Club“, wo die Rausschmeißer ihn nur drei Jahre zuvor nicht mal auf den roten Teppich vor der Tür gelassen haben, wie einer seiner Weggefährten erzählt. Seine Gäste: der neue Geldadel. „Unser Kompass ist der Profit, unser Idol das Kapital, unser Ziel die erste Milliarde“, steht in Chodorkowskijs damals veröffentlichtem kapitalistischen Manifest – ein Buch mit dem beziehungsreichen Titel „Der Mann mit dem Rubel“. Chodorkowskij, so raunt man, würde das KPdSU-Vermögen in den Westen verschieben. Möglich. Die beiden letzten KPdSU-Kassenwarte verabschieden sich kurz hintereinander ins Jenseits. Selbstmord, heißt es in den Zeitungen. Andere behaupten: Sie wurden aus dem Weg geräumt.

Sein Planziel – die erste Milliarde – erreicht Chodorkowskij schon Mitte der 90er, als die Filetstücke des Staatseigentums unter den Hammer kommen. Nicht zum Markt-, sondern zum nominellen Wert. Dazwischen liegen irrsinnige Summen. Nach heutigem Aktienrecht Raub und Betrug. Genau das, was, Chodorkowskij jetzt vorgeworfen wird. Damals gängige Praxis, ebenso wie der Handstreich bei der Übernahme des maroden Staatskonzerns Jukos im Dezember 1995: Bis zu den nächsten Wahlen sind es noch ganze sechs Monate und Jelzins Umfragewerte durch den Tschetschenienkrieg schlecht. Helfen kann da nur eins, Geld, das Russland durch neue Verkäufe von Staatseigentum zusammenkratzen muss. Chodorkowskij bringt es fertig, dass seine Menatep-Bank die Jukos-Mehrheitsaktien versteigern darf. Den Zuschlag gibt er sich selbst. Für ganze 410 Millionen Dollar. Zahlbar mit künftigen Öllieferungen an den Staat.

Doch wegen des Finanzcrashs und der Rubelabwertung im August 1998 ist Chodorkowskijs Traum erst einmal ausgeträumt. Die Jukos-Aktien stürzen ab, die Menatep-Bank meldet Bankrott an. Tausende Kleinsparer verlieren zum zweiten Mal in weniger als einem Jahrzehnt alles, Großaktionäre, darunter auch die WestLB, werden nervös, lassen sich von MBC auszahlen und verlieren dabei bis zu 50 Prozent ihres Einsatzes.

Verschwundene Akten

Ein Jahr später geht es Jukos besser denn je. Die Geprellten wähnen Betrug, glauben, Chodorkowskij habe seine Mitgesellschafter getäuscht, weil er sie loswerden wollte. Beweisen lässt sich das ebenso wenig wie seinerzeit die Verschiebung der KP-Gelder. Zufall oder nicht: Ein Laster mit Jukos-Dokumenten stürzt bei Moskau in die Dubna.

In Russland sind 1999 drei Viertel der einstigen UdSSR-Konkursmasse in der Hand von nur zwölf Finanzgruppen und acht Einzelpersonen. Chodorkowskij hat sein Planziel – die erste Milliarde – da schon um 300 Prozent überschritten. Nun gilt es, den ramponierten Ruf aufzupolieren. MBC schafft in weniger als einem Jahrzehnt, wozu Vorbild Rockefeller drei Generationen brauchte: Den Quantensprung vom Raubritter der Gründerjahre zum Vorreiter zivilisierter Marktwirtschaft mit demokratischen Visionen. Im Führungsteam sitzen hochkarätige Westimporte. Für Russland ebenso ein Novum wie flächendeckendes karitatives Engagement.

„Tue Gutes und rede darüber“ wird bei Jukos Firmenphilosophie. Hier eine Million für die Reformparteien, da eine für die KP, hier ein Interview für den Staatssender RTR , da eines für die „Iswestija“. Und 200 Millionen im Jahr für die Stiftung „Offenes Russland“, von der landesweit inzwischen 300000 Kinder profitieren. Die Stiftung verschenkt Computer, Internet- und Fremdsprachenkurse. Die Computer-Kids von heute sind die Wähler von morgen, Chodorkowskijs Wähler, die aus Russland eine parlamentarische Republik machen sollen. Dort, meint Chodorkowskij wohl, seien liberale Werte einschließlich freier Marktwirtschaft inzwischen besser aufgehoben als bei einem Präsidenten, der Sonnenkönig spielen darf.

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